An anthology of German literature · Calvin Thomas
Chapter 4
Chapter 36 of 52 · 6 min read
The Seventeenth of the ‘Letters on Literature.’ Feb. 16, 1759.
‘Niemand,’ sagen die Verfasser der Bibliothek, ‘wird leugnen, dass die deutsche Schaubühne einen grossen Teil ihrer ersten Verbesserung dem Herrn Professor Gottsched zu danken habe.’
Ich bin dieser Niemand; ich leugne es geradezu. Es wäre zu wünschen, dass sich Herr Gottsched niemals mit dem Theater vermengt hätte. Seine vermeinten Verbesserungen betreffen entweder entbehrliche Kleinigkeiten oder sind wahre Verschlimmerungen.
Als die Neuberin blühte und so mancher den Beruf fühlte, sich um sie und die Bühne verdient zu machen, sahe es freilich mit unserer dramatischen Poesie sehr elend aus. Man kannte keine Regeln, man bekümmerte sich um keine Muster. Unsre Staats- und Heldenaktionen waren voller Unsinn, Bombast, Schmutz und Pöbelwitz. Unsre Lustspiele bestanden in Verkleidungen und Zaubereien, und Prügel waren die witzigsten Einfälle derselben. Dieses Verderbnis einzusehen, brauchte man eben nicht der feinste und grösste Geist zu sein. Auch war Herr Gottsched nicht der erste, der sich Kräfte genug zutraute, ihm abzuhelfen. Und wie ging er damit zu Werke? Er verstand ein wenig Französisch und fing an zu übersetzen; er ermunterte alles, was reimen und ‘Oui, monsieur’ verstehen konnte, gleichfalls zu übersetzen; er verfertigte, wie ein schweizerischer Kunstrichter sagt, mit Kleister und Schere seinen ‘Cato’; er liess den ‘Darius’ und die ‘Austern,’ die ‘Elisie,’ und den ‘Bock im Prozesse,’ den ‘Aurelius’ und den ‘Witzling,’ die ‘Banise’ und den ‘Hypochondristen’ ohne Kleister und Schere machen; er legte seinen Fluch auf das Extemporieren; er liess den Harlekin feierlich vom Theater vertreiben, welches selbst die grösste Harlekinade war, die jemals gespielt worden; kurz, er wollte nicht so wohl unser altes Theater verbessern, als der Schöpfer eines ganz neuen sein. Und was für eines neuen? Eines französierenden; ohne zu untersuchen, ob dieses französierende Theater der deutschen Denkungsart angemessen sei oder nicht.
Er hätte aus unsern alten dramatischen Stücken, welche er vertrieb, hinlänglich abmerken können, dass wir mehr in den Geschmack der Engländer als der Franzosen einschlagen; dass wir in unsern Trauerspielen mehr sehen und denken wollen, als uns das furchtsame französische Trauerspiel zu sehen und zu denken gibt; dass das Grosse, das Schreckliche, das Melancholische besser auf uns wirkt als das Artige, das Zärtliche, das Verliebte; dass uns die zu grosse Einfalt mehr ermüde als die zu grosse Verwickelung u.s.w. Er hätte also auf dieser Spur bleiben sollen, und sie würde ihn geraden Weges auf das englische Theater geführet haben. —Sagen Sie ja nicht, dass er auch dieses zu nutzen gesucht, wie sein ‘Cato’ es beweise. Denn eben dieses, dass er den Addisonschen ‘Cato’ für das beste englische Trauerspiel hält, zeiget deutlich, dass er hier nur mit den Augen der Franzosen gesehen und damals keinen Shakespeare, keinen Jonson, keinen Beaumont und Fletcher u.s.w. gekannt hat, die er hernach aus Stolz auch nicht hat wollen kennen lernen.
Wenn man die Meisterstücke des Shakespeare, mit einigen bescheidenen Veränderungen, unsern Deutschen übersetzt hätte, ich weiss gewiss, es würde von bessern Folgen gewesen sein, als dass man sie mit dem Corneille und Racine so bekannt gemacht hat. Erstlich würde das Volk an jenem weit mehr Geschmack gefunden haben, als es an diesen nicht finden kann; und zweitens würde jener ganz andre Köpfe unter uns erweckt haben, als man von diesen zu rühmen weiss. Denn ein Genie kann nur von einem Genie entzündet werden, und am leichtesten von so einem, das alles bloss der Natur zu danken zu haben scheinet, und durch die mühsamen Vollkommenheiten der Kunst nicht abschrecket.
Auch nach den Mustern der Alten die Sache zu entscheiden, ist Shakespeare ein weit grösserer tragischer Dichter als Corneille, obgleich dieser die Alten sehr wohl und jener fast gar nicht gekannt hat. Corneille kömmt ihnen in der mechanischen Einrichtung und Shakespeare in dem Wesentlichen näher. Der Engländer erreicht den Zweck der Tragödie fast immer, so sonderbare und ihm eigne Wege er auch wählet, und der Franzose erreicht ihn fast niemals, ob er gleich die gebahnten Wege der Alten betritt. Nach dem ‘Oedipus’ des Sophokles muss in der Welt kein Stück mehr Gewalt über unsere Leidenschaften haben als ‘Othello,’ als ‘König Lear,’ als ‘Hamlet’ u.s.w. Hat Corneille ein einziges Trauerspiel, das Sie nur halb so gerühret hätte als die ‘Zaire’ des Voltaire? Und die ‘Zaire’ des Voltaire, wie weit ist sie unter dem ‘Mohren von Venedig,’ dessen schwache Copie sie ist, und von welchem der ganze Charakter des Orosmans entlehnet worden?
Dass aber unsre alten Stücke wirklich sehr viel Englisches gehabt haben, könnte ich Ihnen mit geringer Mühe weitläufig beweisen. Nur das bekannteste derselben zu nennen, ‘Doctor Faust’ hat eine Menge Szenen, die nur ein Shakespeare’sches Genie zu denken vermögend gewesen. Und wie verliebt war Deutschland, und ist es zum Teil noch, in seinen Doctor Faust! Einer von meinen Freunden verwahret einen alten Entwurf dieses Trauerspiels, und er hat mir einen Auftritt daraus mitgeteilet, in welchem gewiss viel Grosses liegt. Sind Sie begierig, ihn zu lesen? Hier ist er! —Faust verlangt den schnellsten Geist der Hölle zu seiner Bedienung. Er macht seine Verschwörungen; es erscheinen sieben derselben; und nun fängt sich die dritte Szene des zweiten Aufzugs an:
FAUST UND SIEBEN GEISTER
FAUST. Ihr? Ihr seid die schnellesten Geister der Hölle?
DIE GEISTER ALLE. Wir.
FAUST. Seid ihr alle sieben gleich schnell?
DIE GEISTER ALLE. Nein.
FAUST. Und welcher von euch ist der Schnelleste?
DIE GEISTER ALLE. Der bin ich!
FAUST. Ein Wunder, dass unter sieben Teufeln nur sechs Lügner sind. —Ich muss euch näher kennen lernen.
DER ERSTE GEIST. Das wirst du! Einst!
FAUST. Einst! Wie meinst du das? Predigen die Teufel auch Busse?
DER ERSTE GEIST. Ja wohl, den Verstockten. —Aber halte uns nicht auf!
FAUST. Wie heissest du? Und wie schnell bist du?
DER ERSTE GEIST. Du könntest eher eine Probe als eine Antwort haben.
FAUST. Nunwohl! Sieh her: was mache ich?
DER ERSTE GEIST. Du fährst mit deinem Finger schnell durch die Flamme des Lichts—
FAUST. Und verbrenne mich nicht. So geh auch du und fahre siebenmal eben so schnell durch die Flammen der Hölle und verbrenne dich nicht! —Du verstummst? Du bleibst? —So prahlen auch die Teufel? Ja, ja; keine Sünde ist so klein, dass ihr sie euch nehmen liesset. —Zweiter, wie heissest du?
DER ZWEITE GEIST. Chil, das ist in eurer langweiligen Sprache: Pfeil der Pest.
FAUST. Und wie schnell bist du?
DER ZWEITE GEIST. Denkest du, dass ich meinen Namen vergebens führe? —Wie die Pfeile der Pest.
FAUST. Nun, so geh und diene einem Arzte! Für mich bist du viel zu langsam. —Du dritter, wie heissest du?
DER DRITTE GEIST. Ich heisse Dilla; denn mich tragen die Flügel der Winde.
FAUST. Und du vierter?
DER VIERTE GEIST. Mein Name ist Jutta; denn ich fahre auf den Strahlen des Lichts.
FAUST. O ihr, deren Schnelligkeit in endlichen Zahlen auszudrücken, ihr Elenden—
DER FÜNFTE GEIST. Würdige sie deines Unwillens nicht. Sie sind nur Satans Boten in der Körperwelt. Wir sind es in der Welt der Geister; uns wirst du schneller finden.
FAUST. Und wie schnell bist du?
DER FÜNFTE GEIST. So schnell als die Gedanken des Menschen.
FAUST. Das ist etwas! —Aber nicht immer sind die Gedanken des Menschen schnell. Nicht da, wenn Wahrheit und Tugend sie auffordern. Wie träge sind sie alsdenn! —Du kannst schnell sein, wenn du schnell sein willst; aber wer steht mir dafür, dass du es allezeit willst? Nein, dir werde ich so wenig trauen, als ich mir selbst hätte trauen sollen. Ach!— (Zum sechsten Geiste) Sage du, wie schnell bist du?
DER SECHSTE GEIST. So schnell als die Rache des Rächers.
FAUST. Des Rächers? Welches Rächers?
DER SECHSTE GEIST. Des Gewaltigen, des Schrecklichen, der sich allein die Rache vorbehielt, weil ihn die Rache vergnügte.
FAUST. Teufel! du lästerst; denn ich sehe, du zitterst. —Schnell, sagst du, wie die Rache des—bald hätte ich ihn genennt! Nein, er werde nicht unter uns genennt! —Schnell wäre seine Rache? Schnell? —Und ich lebe noch? Und ich sündige noch?
DER SECHSTE GEIST. Dass er dich noch sündigen lässt, ist schon Rache!
FAUST. Und dass ein Teufel mich dieses lehren muss! —Aber doch erst heute! Nein, seine Rache ist nicht schnell, und wenn du nicht schneller bist als seine Rache, so geh nur!— (Zum siebenten Geiste) Wie schnell bist du?
DER SIEBENTE GEIST. Unzuvergnügender Sterbliche, wo auch ich dir nicht schnell genug bin—
FAUST. So sage: wie schnell?
DER SIEBENTE GEIST. Nicht mehr und nicht weniger als der Übergang vom Guten zum Bösen.
FAUST. Ha! Du bist mein Teufel! So schnell als der Übergang vom Guten zum Bösen! —Ja, der ist schnell; schneller ist nichts als der! —Weg von hier, ihr Schnecken des Orcus! Weg! —Als der Übergang vom Guten zum Bösen! Ich habe es erfahren, wie schnell er ist! Ich habe es erfahren! u.s.w.
Was sagen Sie zu dieser Szene? Sie wünschen ein deutsches Stück, das lauter solche Szenen hätte? Ich auch.
[Notes: 2: The Bibliothek der schönen Wissenschaften, a magazine conducted by Nicolai and Mendelssohn. 3: Caroline Neuber was a famous actress, who between 1727 and 1748 coöperated with Gottsched for the improvement of the Leipzig stage. 4: The ‘Swiss critic’ is Bodmer. ‘Darius,’ the ‘Oysters,’ etc., are the titles of plays included in Gottsched’s Deutsche Schaubühne (1740-1745) 5: In his Discours sur la tragédie Voltaire speaks of Addison’s Cato as “la seule bien écrite d’un bout à l’autre chez votre [Lord Bolingbroke’s] nation.”]



