An anthology of German literature · Calvin Thomas
Chapter 5
Chapter 42 of 52 · 5 min read
From ‘Auch eine Philosophie’: The Middle Ages and the Age of Reason.
Die dunkeln Seiten dieses Zeitraums [des Mittelalters] stehen in allen Büchern: jeder klassische Schöndenker, der die Polizierung unsres Jahrhunderts fürs non plus ultra der Menschheit hält, hat Gelegenheit ganze Jahrhunderte auf Barbarei, elendes Staatsrecht, Aberglauben und Dummheit, Mangel der Sitten und Abgeschmacktheit—in Schulen, in Landsitzen, in Tempeln, in Klöstern, in Rathäusern, in Handwerkszünften, in Hütten und Häusern zu schmälen und über das Licht unsres Jahrhunderts, das ist, über seinen Leichtsinn und Ausgelassenheit, über seine Wärme in Ideen und Kälte in Handlungen, über seine scheinbare Stärke und Freiheit, und über seine wirkliche Todesschwäche und Ermattung unter Unglauben, Despotismus und Üppigkeit zu lobjauchzen. Davon sind alle Bücher unsrer Voltäre und Hume, Robertsons und Iselins voll, und es wird ein so schön Gemälde, wie sie die Aufklärung und Verbesserung der Welt aus den trüben Zeiten des Deismus und Despotismus der Seelen, d.i. zu Philosophie und Ruhe herleiten—dass dabei jedem Liebhaber seiner Zeit das Herz lacht....
Dass es jemanden in der Welt unbegreiflich wäre, wie Licht die Menschen nicht nährt! Ruhe und Üppigkeit und sogenannte Gedankenfreiheit nie allgemeine Glückseligkeit und Bestimmung sein kann! Aber Empfindung, Bewegung, Handlung—wenn auch in der Folge ohne Zweck (was hat auf der Bühne der Menschheit ewigen Zweck?), wenn auch mit Stössen und Revolutionen, wenn auch mit Empfindungen, die hie und da schwärmerisch, gewaltsam, gar abscheulich werden—als Werkzeug in den Händen des Zeitlaufs, welche Macht! welche Wirkung! Herz und nicht Kopf genährt! mit Neigungen und Trieben alles gebunden, nicht mit kränkelnden Gedanken! Andacht und Ritterehre, Liebeskühnheit und Bürgerstärke—Staatsverfassung und Gesetzgebung, Religion. —Ich will nichts weniger als die ewigen Völkerzüge und Verwüstungen, Vasallenkriege und Befehdungen, Mönchsheere, Wallfahrten, Kreuzzüge verteidigen; nur erklären möchte ich sie: wie in allem doch Geist hauchet! Gährung menschlicher Kräfte! Grosse Kur der ganzen Gattung durch gewaltsame Bewegung, und wenn ich so kühn reden darf, das Schicksal zog, (allerdings mit grossem Getöse, und ohne dass die Gewichte da ruhig hangen konnten,) die grosse abgelaufene Uhr auf! Da rasselten also die Räder!
[Notes: 5: The booklet Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit was published in 1774. See Suphan’s Herder, Vol. 5, page 475.]
+LXXIV. JOHANN WOLFGANG GOETHE+
1749-1832. The long-gathering promise of a German literary renascence was splendidly fulfilled in the genius of Goethe. In all the genres he wrought with high and peculiar distinction; and so intensely and fully did he live the life of his epoch that he has come to be regarded as the representative of the modern spirit. A great critic has called him ‘the clearest, largest, and most helpful thinker of modern times.’ The scope of this book is such that only the youthful Goethe is represented in the selections.
+1+
+Mailied.+
Wie herrlich leuchtet Mir die Natur! Wie glänzt die Sonne! Wie lacht die Flur!
Es dringen Blüten 5 Aus jedem Zweig Und tausend Stimmen Aus dem Gesträuch,
Und Freud’ und Wonne Aus jeder Brust. 10 O Erd’, o Sonne! O Glück, o Lust!
O Lieb’, o Liebe, So golden schön. Wie Morgenwolken 15 Auf jenen Höhn!
Du segnest herrlich Das frische Feld, Im Blütendampfe Die volle Welt. 20
O Mädchen, Mädchen, Wie lieb’ ich dich! Wie blickt dein Auge! Wie liebst du mich!
So liebt die Lerche 25 Gesang und Luft, Und Morgenblumen Den Himmelsduft,
Wie ich dich liebe Mit warmem Blut, 30 Die du mir Jugend Und Freud’ und Mut
Zu neuen Liedern Und Tänzen gibst. Sei ewig glücklich, 35 Wie du mich liebst!
+2+
+Willkommen und Abschied.+
Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde! Es war getan fast eh gedacht; Der Abend wiegte schon die Erde, Und an den Bergen hing die Nacht. Schon stand im Nebelkleid die Eiche, 5 Ein aufgetürmter Riese, da, Wo Finsternis aus dem Gesträuche Mit hundert schwarzen Augen sah.
Der Mond von einem Wolkenhügel Sah kläglich aus dem Duft hervor, 10 Die Winde schwangen leise Flügel, Umsausten schauerlich mein Ohr. Die Nacht schuf tausend Ungeheuer; Doch frisch und fröhlich war mein Mut: In meinen Adern welches Feuer! 15 In meinem Herzen welche Glut!
Dich sah ich, und die milde Freude Floss von dem süssen Blick auf mich; Ganz war mein Herz an deiner Seite, Und jeder Atemzug für dich. 20 Ein rosenfarbnes Frühlingswetter Umgab das liebliche Gesicht, Und Zärtlichkeit für mich—ihr Götter! Ich hofft’ es, ich verdient’ es nicht!
Doch ach, schon mit der Morgensonne 25 Verengt der Abschied mir das Herz: In deinen Küssen welche Wonne! In deinem Auge welcher Schmerz! Ich ging, du standst und sahst zur Erden, Und sahst mir nach mit nassem Blick: 30 Und doch, welch Glück geliebt zu werden! Und lieben, Götter, welch ein Glück!
+3+
+Neue Liebe neues Leben.+
Herz, mein Herz, was soll das geben? Was bedränget dich so sehr? Welch ein fremdes neues Leben! Ich erkenne dich nicht mehr. Weg ist alles, was du liebtest, 5 Weg warum du dich betrübtest, Weg dein Fleiss und deine Ruh— Ach, wie kamst du nur dazu!
Fesselt dich die Jugendblüte, Diese liebliche Gestalt, 10 Dieser Blick voll Treu’ und Güte Mit unendlicher Gewalt? Will ich rasch mich ihr entziehen, Mich ermannen, ihr entfliehen, Führet mich im Augenblick, 15 Ach, mein Weg zu ihr zurück.
Und, an diesem Zauberfädchen, Das sich nicht zerreissen lässt, Hält das liebe lose Mädchen Mich so wider Willen fest; 20 Muss in ihrem Zauberkreise Leben nun auf ihre Weise. Die Verändrung ach wie gross! Liebe! Liebe! lass mich los!
+4+
+Rastlose Liebe.+
Dem Schnee, dem Regen, Dem Wind entgegen, Im Dampf der Klüfte, Durch Nebeldüfte, Immer zu! Immer zu! 5 Ohne Rast und Ruh!
Lieber durch Leiden Möcht’ ich mich schlagen, Als so viel Freuden Des Lebens ertragen. 10 Alle das Neigen Von Herzen zu Herzen, Ach, wie so eigen Schaffet das Schmerzen!
Wie soll ich fliehen? 15 Wälderwärts ziehen? Alles vergebens! Krone des Lebens! Glück ohne Ruh, Liebe, bist du! 20
+5+
+Meeres Stille.+
Tiefe Stille herrscht im Wasser, Ohne Regung ruht das Meer, Und bekümmert sieht der Schifer Glatte Fläche rings umher. Keine Luft von keiner Seite! Todesstille fürchterlich! In der ungeheuern Weite Reget keine Welle sich.
+6+
+Glückliche Fahrt.+
Die Nebel zerreissen, Der Himmel ist helle, Und Äolus löset Das ängstliche Band. Es säuseln die Winde, Es rührt sich der Schiffer. Geschwinde! Geschwinde! Es teilt sich die Welle, Es naht sich die Ferne; Schon seh’ ich das Land!
+7+
+Wandrers Nachtlieder.+
Der du von dem Himmel bist, Alles Leid und Schmerzen stillest, Den, der doppelt elend ist, Doppelt mit Erquickung füllest, Ach ich bin des Treibens müde! Was soll all der Schmerz und Lust? Süsser Friede, Komm, ach komm in meine Brust!
Über allen Gipfeln Ist Ruh, In allen Wipfeln Spürest du Kaum einen Hauch: Die Vögelein schweigen im Walde. Warte nur, balde Ruhest du auch.
+8+
+Der König in Thule.+
Es war ein König in Thule Gar treu bis an das Grab, Dem sterbend seine Buhle Einen goldnen Becher gab.
Es ging ihm nichts darüber, 5 Er leert’ ihn jeden Schmaus; Die Augen gingen ihm über, So oft er trank daraus.
Und als er kam zu sterben, Zählt’ er seine Städt’ im Reich, 10 Gönnt’ alles seinem Erben, Den Becher nicht zugleich.
Er sass beim Königsmahle, Die Ritter um ihn her, Auf hohem Vätersaale, 15 Dort auf dem Schloss am Meer.
Dort stand der alte Zecher, Trank letzte Lebensglut, Und warf den heilgen Becher Hinunter in die Flut. 20
Er sah ihn stürzen, trinken, Und sinken tief ins Meer. Die Augen täten ihm sinken; Trank nie einen Tropfen mehr.



