An anthology of German literature · Calvin Thomas
Chapter 3
Chapter 20 of 52 · 19 min read
From Rebhun’s ‘Susanna,’ Act III, Sc. 4: Having been menaced with death by the wanton judges, Susanna tells her father, mother, and sister of the infamous plot.
HELCHIAS
Frid mit dir!
ELISABET
O, liebste tochter mein!
REBECCA
O Susann, du traute schwester mein!
ELISABET
Hilf uns, lieber Got, in ewigkeit! Wie kumts ewig, das in sölches leid Du, mein liebste tochter, kummen sollt, 5 Welches ich lang der meid nicht glauben wollt? Solstu nu zur zeit deinr höchsten ern Für ein sölche erst gehalten werden, Die du hast von jugnt dein lebn gefürt Keusch, wie einer frummen fraun gebürt? 10 Ach, das dir sol gschehen sölche gwalt! Got wöll sehen an dein unschuld bald.
SUSANNA
Sei dann, das mir Got, mein herr, helf draus, Ist es auch mit meinem leben aus; Dann sie mir den tot gedrohet han, 15 Weil ich nicht nach irem willn hab tan.
HELCHIAS
Liebe tochter, hör itz auf vom klagn; Dann wir wollen Got dein not fürtragen, Der on zweifel dir wirt helfen aus, Machen sie gleich was sie wöln daraus. 20 Wollst uns selber recht erzeln die sach, Wie du kumst zu diesem ungemach.
SUSANNA
Da die sonn heut warm zu scheinn anfieng, Nach gewonheit ich in garten gieng, Wolt beim brunn mich badn ein kleine weil, 25 Drumb ich sant die meid von mir in eil, Liess den garten fest beschliessen zu, Meint, ich wer nu da mit guter ru. Da erhubn sich plötzlich zu mir her Dise richter, des erschrak ich ser. 30 Bald sie mir ir unart muten an, Lagn mir auch mit bitten heftig an, Teten mir dazu verheissung vil, Das ich mich ergeb zu irem will; Da sie aber nichts mit güt von mir 35 Kunten habn, da namens frevel für Und bedroten mich mit irer gwalt, Sagten, was für gfar mir folgen solt, Wie sie mir mein er und auch das lebn Nemen woltn, so ich nicht ergebn 40 Würde mich zu irem willn so bald; Da ich aber in nicht ghorchen wolt, Wurden sie von stund vol zorn und grim, Ruften meinem gsind mit lauter stimm, Sagten, wie ich die und dise wer, 45 Also kum ich leider in die gfer.
SAMRI
Hab ich nicht die sach erraten fein, Das die richter selber böswicht sein?
GORGIAS
Das sie potz! wer het sich des vertraut, Das sölchs stecken sol in alter haut? 50
HELCHIAS
Helf dir Got, du liebe tochter mein, Welchem wol ist kund die unschuld dein.
SUSANNA
Wenn doch nur mein her vorhanden wer, Oder wüste disen jamer schwer!
ELISABET
Schweig, villeicht wirt er nu kumen schier. 55
REBECCA
Liebe schwester, Got wöll helfen dir.
CHORUS TERTIUS
David, der prophetisch man, Zeigt an, Durch Gottes geist geleret: Wer sich fest auf Got erbaut 60 Und traut, Der wirt nicht umbgekeret; Wie Sion steht er unbewegt, Wird nicht geregt Von starken winden 65 Des fleischs, des teufels und der welt, Gegn in sich stellt, Sich nicht mit sünden Von in lässt überwinden. Sein haus, auf eim felsen hart 70 Verwart, Ist gwaltig unterfasset; Wasser, wind kans nicht bewegn, Noch regn, On schad sichs alls abstosset. 75 Got fürchten ist sein burg und schloss; Kein teufels gschoss Kan das zersprengen; Gots wort sein waffen ist und schwert, Damit er wert, 80 Lässt sich nicht drengen, Zu sünd und abfal brengen. Aber wer den hern veracht, Nicht tracht Auf seine wort und wege, 85 Den tut wie ein ror im teich Gar leicht Ein kleiner wind bewegen. Sein haus gebaut ist auf den sand, Hat kein bestand, 90 Kan sich nicht halten; Wenn in ein kleine sünd anficht Und nur besticht, Wird er zerspalten Und lässt die bosheit walten. 95
[Notes: 62: Paul Rebhun, who died in 1546, was a Lutheran schoolmaster and pastor. In his Susanna he essayed a more regular and varied versification than that of the ordinary Knittelvers. The apocryphal story of Susanna was in high favor with the Protestant playwrights on account of its vindication of a chaste wife. 63: Ewig = immer. 64: Meid; the housemaid who had brought the news to Susanna’s mother. 65: Sehen an, ‘look on,’ ‘bring to light.’ 66: In = in den. 67: Guter ru, ‘security’; ‘I thought I should be safe there.’ 68: Namens ... für, ‘they resorted to crime.’ 69: Er = Ehre. 70: Gsind = Gesinde, ‘servants.’ 71: Samri and Gorgias are Hausknechte of Susanna’s husband. 72: Potz, a euphemism for Gott in oaths: dass Gott sie (verdamme). 73: Her; her husband, Joachim, is away on business. 74: Schier = bald. 75: Gegn ... stellt = stellt sich ihnen entgegen. 76: Wert = sich verteidigt. 77: Besticht = verführt. 78: Wird er zerspalten = kommt er in Zwiespalt mit sich selbst (Tittmann).]
+XLIV. HANS SACHS+
1494-1576. Sachs is the most winsome and versatile German poet of the 16th century. He lived at Nürnberg, practising the trade of the shoemaker and the art of the mastersinger, and writing an immense number of poetic productions. His total of verses has been estimated at half a million. For the reader of to-day he is most enjoyable in his Schwänke, or humorous tales, and his Fastnachtspiele, or shrovetide plays. The text of the first selection follows Keller’s reprint in the Bibliothek des Literarischen Vereins in Stuttgart, Vol. 106, page 109; that of the second, Goetze’s reprint in Braune’s Neudrucke, No. 40.
+1+
+Sanct Peter mit der Gais.+
Weil noch auf Erden ging Christus Unnd auch mit im wandert Petrus, Eins tags auss eym dorff mit im gieng, Bey einer wegscheid Petrus anfieng: O herre Got und maister mein, 5 Mich wundert sehr der güte dein, Weil du doch Gott allmechtig bist, Lest es doch gehn zu aller frist In aller weit, gleich wie es geht, Wie Habacuck sagt, der prophet: 10 Frevel und gewalt geht für recht; Der gotloss uberforthailt schlecht Mit schalckeit den ghrechten und frummen, Auch könn kein recht zu end mehr kummen. Die lehr gehn durcheinander sehr, 15 Eben gleich wie die fisch im meer, Da immer eyner den ändern verschlind, Der böss den guten uberwind. Des steht es ubel an allen enden, Inn obern und in niedern stenden 20 Des siehst du zu und schweygest still, Samb kümmer dich die sach nit viel Und geh dich eben glat nichts an. Könst doch als ubel undterstan, Nembst recht int hand die herrschafft dein. 25 O solt ich ein jar herrgott sein Und solt den gwalt haben, wie du, Ich wolt anderst schawen darzu, Fürn viel ein besser regiment Auff erdterich durch alle stend. 30 Ich wolt stewern mit meiner hand Wucher, betrug, krieg, raub und brand. Ich wolt anrichten ein rühigs leben. Der Herr sprach: Petre, sag mir eben! Mainst, du woltst ye baser regieren, 35 All ding auff erd bass ordinieren, Die frummen schützen, die bösen plagen? Sanct Peter thet hinwider sagen: Ja, es müst in der welt bass stehn, Nit also durch einander gehn. 40 Ich wolt viel besser ordnung halten. Der Herr sprach: Nun, so must verwalten, Petre, die hohe herrschafft mein. Heut den tag solt du herrgott sein. Schaff und gepeut als, was du wilt! 45 Sey hart, streng, gütig oder milt! Gieb auss den fluch oder den segen! Gieb schön wetter, wind oder regen! Du magst straffen, oder belonen, Plagen, schützen oder verschonen. 50 Inn summa, mein ganz regiment Sey heut den tag in deiner hend! Darmit reichet der Herr sein stab Petro, den inn sein hende gab. Petrus war dess gar wolgemut, 55 Daucht sich der herrligkeyt sehr gut. Inn dem kam her ein armes weib, Gantz dürr, mager und blaich von leib, Parfuss inn eym zerrissen klaid. Die trieb ir gaiss hin auff die waid. 60 Da sie mit auf die wegschaid kam, Sprach sie: Geh hin in Gottes nam! Got bhüt und bschütz dich immerdar, Das dir kein ubel widerfar Von wolffen oder ungewitter, 65 Wann ich kan warlich ye nicht mit dir! Ich muss gehn arbeyten das taglon. Heint ich sunst nichts zu essen hon Dahaym mit meinen kleynen kinden. Nun geh hin, wo du weyd thust finden! 70 Gott der bhüt dich mit seiner hend! Mit dem die fraw widerumb wend Ins dorff; so ging die gaiss ir strass. Der Herr zu Petro sagen was: Petre, hast das gebett der armen 75 Gehört? du must dich ir erbarmen. Weil du den tag bist herrgott du, So stehet dir auch billig zu, Das du die gaiss nembst in dein hut, Wie sie von hertzen bitten thut, 80 Und behüt sie den ganzen tag, Das sie sich nit verirr im hag, Nit fall noch müg gestolen wern, Noch sie zerreissen wolff noch bern, Das auff den abend widerumb 85 Die gaiss unbeschedigt haym kumb Der armen frawen in ir hauss! Geh hin und richt die sach wol auss! Petrus namb nach des herren wort Die gaiss in sein hut an dem ort 90 Und trieb sie an die waid hindan. Sich fing sanct Peters unrhu an. Die gaiss war mutig, jung und frech, Und bliebe gar nit in der nech, Loff auff der wayde hin und wider, 95 Stieg ein berg auff, den andern nieder Und schloff hin und her durch die stauden. Petrus mit echtzen, blassn und schnauden Must immer nachdrollen der gaiss, Und sehin die sunn gar uberhaiss. 100 Der schwaiss über sein leib abran. Mit unruh verzert der alte man Den tag biss auff den abend spat, Machtloss, hellig, gantz müd und mat Die gaiss widerumb haym hin bracht. 105 Der Herr sach Petrum an und lacht. Sprach: Petre, wilt mein regiment Noch lenger bhalten in deiner hend? Petrus sprach: Lieber herre, nein, Nemb wider hin den stabe dein 110 Und dein gwalt! ich beger mit nichten Fort hin dein ampt mehr ausszurichten. Ich merck, das mein weissheit kaum döcht, Das ich ein gaiss regieren möcht Mit grosser angst, müh und arbeyt. 115 O Herr, vergieb mir mein thorheit! Ich will fort der regierung dein, Weil ich leb, nit mehr reden ein. Der Herr sprach: Petre, das selb thu! So lebst du fort mit stiller rhu. 120 Und vertraw mir in meine hend Das allmechtige regiment!
[Notes: 1: Recht, ‘lawsuit.’ 2: Verschlind = verschlingt. 3: Des, for dem (allen). 4: Samb = als ob. 5: Glat = gar. 6: Als ... undterstan = alles Übel unterdrücken. 7: Int = in die. 8: Erdterich = Erdreich. 9: Baser, bass = besser. 10: Daucht sich (with gen.), ‘was proud of,’ ‘elated over.’ 11: Arbeyten = erarbeiten, ‘earn.’ 12: Heint = heute nacht. 13: Sagen was = sagend was, ‘was saying’, ‘said.’ 14: Hag = Busch, Gehölz. 15: Nech = Nähe. 16: Schloff, ‘strayed’ (from schliefen = schlüpfen). 17: Echtzen = ächzen. 18: Nachdrollen = nachtrollen. 19: Hellig = müde. 20: Döcht = taugt.]
+2+
+Das heiss Eysen: Ein Fassnachtspil mit 3 Person.+
Die FRAW tritt einn vnd spricht:
Mein Man hab ich gehabt vier jar, Der mir von erst viel lieber war. Dieselb mein Lieb ist gar erloschen Vnd hat im hertzen mir aussdroschen. West geren, wes die schulde wer. 5 Dort geht mein alte Gfatter her, Die ist sehr alt vnd weiss gar viel. Dieselbigen ich fragen wil, Was meiner vngunst vrsach sey, Das ich werd der anfechtung frey. 10
Die alt GEFATTERIN spricht:
Was redst so heimlich wider dich?
Die FRAW spricht:
Mein liebe Gfattr, es kümmert mich: Mich dunckt, mein Mann halt nit sein Eh, Sonder mit andern Frawn vmbgeh. Des bit ich von euch einen rath. 15
Die alt GEFATTER spricht:
Gfatter, das ist ein schwere that.
Die FRAW spricht:
Da rath zu, wie ich das erfar!
Die GEFATTER spricht:
Ich weiss nicht, mir felt ein fürwar, Wie man vor jaren gwonheit het, Wenn man ein Mensch was zeyhen thet, 20 Wenn es sein vnschuld wolt beweysen, So mustes tragn ein glüend Eyssen Auff bloser Hand auss einem kreiss; Dem vnschulding war es nicht heyss Vnd jn auff blosser Hand nit prent, 25 Darbey sein vnschuld würd erkent. Darumb hab fleiss vnd richt auch an, Das diss heiss Eyssen trag dein Man! Schaw, dass du jn könst vberreden!
Die FRAW spricht:
Das wil ich wol thun zwischn vns beden. 30 Kan wain vnd seufftzen durch mein list, Wenns mir schon vmb das hertz nicht ist, Das er muss als thun, was ich wil.
Die GEFATTER spricht:
So komb dem nach vnd schweig sonst still, Darmit du fahest deinen Lappen 35 Vnd jm anstreiffst die Narrenkappen! Ytzund geht gleich herein dein Man. Ich wil hin gehn; fah mit jm an!
(Die alt Gefatter geht ab. Die Fraw sitzt, hat den kopff in der hend.)
Der MANN kompt vnd spricht:
Alte, wie sitzt du so betrübt?
Die FRAW spricht:
Mein Mann, wiss, das mich darzu übt 40 Ein anfechtung, welche ich hab, Der mir kan niemandt helffen ab, Mein hertzen lieber Man, wenn du!
Der MANN spricht:
Wenns an mir leyt, sag ich dir zu Helffen, es sey wormit es wöll. 45
Die FRAW spricht:
So ich die warheit sagen söll, So dunckt mich, lieber Mann, an dir, Du helst dich nicht gar wol an mir, Sonder bulest mit andern Frawen.
Der MANN spricht:
Thustu ein solches mir zu trawen? 50 Hastu dergleich gmerckt oder gsehen?
Die FRAW spricht:
Nein, auff mein warheit mag ich jehen. Du abr bist mir vnfreuntlich gar, Nicht lieblich, wie im ersten jar. Derhalb mein lieb auch nimmet ab, 55 Das ich dich schier nicht mehr lieb hab. Diss als ist deines Bulens schuld.
Der MANN spricht:
Mein liebes Weib, du hab gedult! Die lieb im hertzen ligt verporgen! Mhü vnd arbeit vnd teglichs sorgen 60 Thut vil schertz vnd schimpffens vertreiben. Meinst drumb, ich bul mit andern weiben? Des denck nur nit! ich bin zu frumb.
Die FRAW spricht:
Ich halt dich vor ein Bulr kurtzumb: Sey denn sach, das du dich purgierst, 65 Der zicht von mir nicht ledig wirst.
Der MANN reckt 2 finger auff, spricht:
Ich wil ein herten Eyd dir schwern, Das ich mein Eh nit thet versehrn Mit andren schönen Frawen jung.
Die FRAW spricht:
Mein lieber Man, das ist nicht gnung. 70 Eyd schwern ist leichtr, denn Ruben grabn.
Der MANN spricht:
Mein liebes Weib, was wilt denn habn?
Die FRAW spricht:
So trag du mir das heisse Eyssen! Darmit thu dein vnschuld beweissen!
Der MANN spricht:
Ja, Fraw, das wil ich geren thon. 75 Geh! heiss die Gfattern vmbher gon, Das sie das Eyssen leg ins Fewr! Ich wil wagen die abenthewr Vnd mich purgiren, weil ich leb, Das mir die Gfatter zeugnus geb. 80
(Die Fraw geht auss. Er spricht:)
Mein Frau die treibt gar seltzam mucken Vnd zepfft mich an mit diesen stucken, Das ich sol tragen das heiss Eyssen, Mein Vnschuld hie mit zu beweissen, Das ich nie brechen hab mein Eh. 85 Es thut mir heimlich auff sie weh. Ich hab sie nie bekümmert mit, Ob sie jr Eh halt oder nit. Nun ich wil jr ein schalkheit thon, In Ermel stecken diesen Spon. 90 Wenn ich das Eyssn sol tragn dermassn, So wil ich den Span heimlich lassen Herfür hoschen auff meine Hendt, Das ich vom Eyssen bleib vnprent. Mein frömbkeit ich beweissen thu. 95 Da kommen sie gleich alle zwu.
Die ALT tregt das heiss Eyssen in einer Zangen vnd spricht:
Glück zu, Gfatter! das Eyssn ist heiss. Macht nur da einen weyten Kreiss! Da legt jms Eyssen in de mit! Tragt jrs herauss vnd prent euch nit, 100 So ist ewer vnschuld bewert, Wie denn mein Gfattern hat begert.
Der MANN spricht:
Nimb hin! da mach ich einen kreiss. Legt mir das glüend Eyssen heiss Daher in kreiss auff diesen Stul! 105 Vnd ist es sach, vnd das ich Bul, Das mir das heyss Eyssen als denn Mein rechte Hand zu kolen prenn.
(Der Man nimbt das Eysen auff die Hand, tregets auss dem Kreiss vnd spricht:)
Mein weib, nun bist vergwiest fort hin, Das ich der zieht vnschuldig bin, 110 Das ich mein Eh hab brochen nie, Weil ich das glüend Eyssen hie Getragen hab gantz vngebrent.
Das WEIB spricht:
Ey, las mich vor schawen dein Hendt!
Der MANN spricht:
Se hin! Da schaw mein rechte hand, 115 Das sie ist glat vnd vnverprant!
Die FRAW schawt die hand, spricht:
Nun, du hast recht; das merck ich eben. Man muss dir dein Kü wider geben.
Der MANN spricht:
Du must mir vnschuldigen Man Vor meinr gfattern ein widrspruch than. 120
Die FRAW spricht:
Nun, du bist fromb, vnd schweig nur stil! Nichts mehr ich dir zusachen wil.
Der MANN spricht:
Weil du nun gnug hast an der prob, Wil ich nun auch probieren, ob Du dein Eh biss her habst nit prochen 125 Von anfang, weilt mir warst versprochen. Mein Gfattern, thut darzu ewr stewr! Legt das Eyssn wider in das Fewr, Das es erfewr vnd glüend wer! Darnach so bringt mirs wider her, 130 Auff das es auch mein Fraw trag mir, Darmit jr frömbkeit ich probier!
Die GEFATTER spricht:
Ey, was wolt jr ewr Frawen zeyhen? Thut sie des heissen Eyssens freyen!
Der MANN spricht:
Ach, liebe Gfattr, was ziech sie mich? 135
Die FRAW spricht:
Mein hertz lieber Mann, wiss, das ich Das hab auss lauter einfalt than!
Der MANN spricht:
Gfatter, legt bald das Eyssen an! Darfür hilfft weder fleh noch bit.
(Die Gefatterin geht hin mit dem Eyssen.)
Die FRAW spricht:
Mein lieber Mann, weistu dann nit, 140 Ich hab dich lieb im hertzen grundt.
Der MANN spricht:
Dein that laut anders, denn dein mundt, Da ich das heiss Eyssen must tragen.
Die FRAW spricht:
Ach, mein Mann, thu nicht weyter fragen, Sonder mir glauben vnd vertrawen 145 Als einer auss den frömbsten Frawen! Lass mich das heiss Eyssen nicht tragen!
Der MANN spricht:
Was darffst dich lang weren vnd klagen? Bist vnschuldig, so ists schon fried, So prent dich das heiss Eyssen nit 150 Vnd hast probiert dein Weiblich Ehr. Derhalb schweig nur vnd bitt nicht mehr!
Die GFATTER bringt das glüent eysen, legts auff den stul im kreiss, spricht:
Gfattern, da liegt das glüend Eyssen, Ewer vnschuld mit zu beweisen.
Der MANN spricht:
Nun geh zum Eyssen! greiff es an! ... 155
Die GEFATTER spricht:
Mein Gfatter, lasts best bey euch liegen! Wölt meiner Gfattern vergeben das! Wer ist der, der sich nie vergass? Kompt! wir wöllen dran giessn ein Wein!
Der MANN spricht:
Nun, es sol jr verziehen sein! 160 Mein Fraw bricht Häfn, so brich ich Krüg, Vnd wo ich anderst redt, ich lüg. Doch, Gfatter, wenn jr bürg wolt werden, Dieweil mein Weib lebet auff Erden, Das sie solches gar nimmer thu. 165
Die GEFATTER spricht:
Ey ja, glück zu, Gfatter! glück zu! Ich wil euch gleich das glait heimgeben. Vnd wöllen heint in freuden leben Vnd auff ein newes Hochzeit halten Vnd gar vrlaub geben der alten. 170 Das kein vnrat weyter drauss wachs Durch das heiss Eyssen, wünscht Hans Sachs.
[Notes: 21: Fassnacht. The usual modern form is Fastnacht, as if from Faste, and meaning ‘eve of the Lenten fast.’ So the Grimm Dictionary explains it. But in early texts we find vasnacht, fasnacht, fasenacht, fassnacht, which Kluge in his Etymological Dictionary derives from faseln in the sense of Unsinn treiben. 22: Aussdroschen, ‘gone bankrupt, ’failed’. 23: West geren = wüsste gern. 24: Ein Mensch ... thet, ‘accused a person of anything.’ 25: Es ist mir um das Herz, ‘I am concerned,’ ‘it is my wish.’ 26: Lappen; a foolish or ‘soft’ person. 27: Sey denn sach, ‘unless,’ ‘except.’ 28: Zicht = Beschuldigung. 29: Mucken = Grillen. 30: Zepfft ... stucken, ‘bothers me with this business.’ 31: Hoschen = huschen. 32: Vergwiest = vergewissert. 33: Die Kuh wiedergeben seems to be a peasant phrase for acknowledging that one has been in the wrong. 34: Weilt = weil du. 35: At this point nearly a hundred lines are omitted. The wife confesses several transgressions and pleads to be let off, but the husband insists that she handle the iron. When at last she does so it burns her badly. The husband chides her in strong language, whereupon +Gefatter+ intervenes as a peacemaker. 36: Häfn = Töpfe. 37: Glait = Geleit. 38: Auff ein newes = aufs neue.]
+XLV. FOLKSONGS OF THE SIXTEENTH CENTURY+
While the 16th century brought forth no great German lyrist, it is exceptionally rich in good songs, mostly anonymous, that express the joys and sorrows of the general lot. Not all of them were the work of unlettered poets, but all were made to be sung; for lyric poetry as a branch of ‘mere literature’ had not yet come into being. The selections are from Tittmann’s Liederbuch aus dem 16. Jahrhundert, Leipzig, 1881, which gives full information as to the source of the various texts. The titles have been supplied by the editor.
+1+
+Lob der Geliebten.+
Mein einigs herz, mein höchste zier, Wie we ist mir allzeit nach dir, Wie leuchten deine äuglein klar, Wie schön ist dein goldgelbes har, Dein mündlein rot, dein wänglein weiss! Für allen bleibt dir doch der preis. In deinem dienst, sag sicherlich, Bleib ich allzeit und ewiglich.
[Notes: 1: Sag, i.e. sage ich.]
+2+
+Begegnung im Walde.+
Ich gieng einmal spazieren Durch einen grünen walt, Da hört ich lieblich singen Ein freulein wol gestalt. Sie sang so gar ein schönen gsang, Dass in dem grünen wald erklang. Ich tet mich zu ir nahen, Schön tet sie mich empfahen. Sie hat ein schönen grünen rock Und war so gar ein hübsche dock; Sie tet mir wol gefallen Und liebet mir ob allen. Solt ich ein andre werben, Vil lieber wolt ich sterben!
[Notes: 2: Dass = dass es. 3: Liebet = gefiel.]
+3+
+Liebesbitte.+
Ich kam für liebes fensterlein An einem abend spate; Ich sprach zur allerliebsten mein: Ich fürcht, ich kum zu drate. Erzeig mir doch die treue dein, Die ich von dir bin gwarten; Sieh, liebe, lass mich ein! Bei meiner treu ich dir versprich, Ich wil dich nit verkeren, Mein treu ich doch an dir nit brich, Tust du mich nun geweren. Kum, glück, und schlag mit haufen drein, Dass sie mich tu geweren, Sieh, liebe, lass mich ein!
[Notes: 4: Liebes, a neuter noun = der Geliebten. 5: Drate = früh. 6: Bin gwarten = erwarte (gwarten for gewartend). 7: Verkeren = verführen. 8: Geweren, ‘gratify.’]
+4+
+Herzog Ulrichs Jagdlied.+
Ich schell mein horn ins jamertal, Mein freud ist mir verschwunden, Ich hab gejagt, muss abelan, Das wild lauft vor den hunden. Ein edel tier in diesem feld 5 Het ich mir auserkoren, Das schieht ab mir, als ich wol spir, Mein jagen ist verloren. Far hin, gewild, in waldes lust! Ich wil dich nimmer schrecken 10 Mit jagen dein schneeweisse brust; Ein ander muss dich wecken Mit jägers gschrei und hundes biss, Dass du nicht magst entrinnen. Halt dich in hut, mein tierle gut! 15 Mit leid scheid ich von hinnen. Kein hochgewild ich fahen kann, Das muss ich oft entgelten, Noch halt ich stät auf jägers ban, Wiewol mir glück komt selten. 20 Mag mir nit gbirn ein hochgwild schon, So lass ich mich beniegen An hasenfleisch, nit mer ich heisch, Das mag mich nit betriegen.
[Notes: 9: Duke Ulrich of Würtemberg (1487-1550) was a passionate lover of the chase. To please the emperor he married an unamiable Bavarian princess, though he was in love with Elizabeth of Brandenburg. 10: Abelan = ablassen, ‘cease.’ 11: Schieht ab, ‘shies away.’ 12: Spir = spüre. 13: Brust; probably to be taken as object of jagen, rather than as a loose appositive to dich. 14: Gbirn = gebühren. 15: Beniegen = begnügen.]
+5+
+Verlorene Liebesmühe.+
Ein meidlein zu dem brunnen gieng, Und das was seuberlichen; Begegnet im ein stolzer knab, Der grüsst sie herziglichen. Sie setzt das krüglein neben sich 5 Und fraget, wer er were. Er kusts an iren roten mund: Ir seit mir nit unmere, Tret here! Das meidlein tregt pantoffel an, 10 Darin tuts einher schnappen. Wer ir nicht recht zusprechen kan, Dem schneidt sie bald ein kappen; Kein tuch daran nit wirt gespart, Kan einen höflich zwagen, 15 Spricht, sie woll nit mer unser sein, Sie hab ein andren knaben, Lat traben!
[Notes: 16: Unmere = gleichgültig. 17: Kappen = Narrenkappen. 18: Zwagen = waschen in the sense of ‘reject,’ ‘refuse.’]
+6+
+Hüt du dich.+
Ich weiss ein meidlein hübsch und fein, Hüt du dich! Sie kan gar falsch und freundlich sein, Hüt du dich, vertrau ir nicht! Sie narret dich. 5 Sie hat zwei euglein, die sind braun, Hüt du dich! Sie sech dich nicht an durch ein zaun, Hüt du dich, vertrau ir nicht! Sie narret dich. 10 Sie gibt dir ein krenzlein wol gemacht, Hüt du dich! Für einen narren wirstu geacht, Hüt du dich, vertrau ir nicht! Sie narret dich. 15
[Notes: 19: Sech = sähe.]
+7+
+Insbruck, ich muss dich lassen.+
Insbruck, ich muss dich lassen, Ich far dahin mein strassen, In fremde land dohin; Mein freud ist mir genomen, Die ich nit weiss bekommen, 5 Wo ich im ellend bin. Gross leid muss ich jetzt tragen, Das ich allein tu klagen Dem liebsten bulen mein. Ach lieb, nun lass mich armen 10 Im herzen dein erbarmen, Dass ich muss von dannen sein. Mine trost ob allen weiben, Dein tu ich ewig bleiben, Stet, treu, der eren frum. 15 Nun muss dich Got bewaren, In aller tugent sparen, Biss dass ich wider kum.
[Notes: 20: Bekommen, ‘get back,’ ‘recover.’ 21: Im ellend = in der Fremde. 22: Der eren frum = der Ehre treu.]
+8+
+Sorgenfrei.+
Zwischen berg und tiefe tal Do lit ein frie strasse, Wer seinen bulen nit haben mag, Der sol in faren lassen. Far hin, far hin, du hast die wal, Ich kan mich din wol massen; Im jar sind noch viel langer tag, Glück ist in allen gassen.
[Notes: 23: Sich massen, with genitive = entbehren.]
+9+
+Der Muskateller.+
Den liebsten bulen, den ich han, Der leit beim wirt im keller; Er hat ein hölzens röcklein an, Er heisst der muscateller. Er hat mich nechten trunken gmacht Und frölich heut den ganzen tag, Got geb im heint ein gute nacht! Von disem bulen, den ich mein, Wil ich dir bald eins bringen; Es ist der allerbeste wein, Macht mich lustig zu singen, Frischt mir das blut, gibt freien mut, Alls durch sein kraft und eigenschaft; Nu grüss dich Got, mein rebensaft!
[Notes: 24: Muskateller, ‘muscatel’; a rich, sweetish wine from the muscat grape. 25: Bulen; object of han, the following den being demonstrative. 26: Nechten, ‘last night’.]
+10+
+Der Schwartenhals.+
Ich gieng für einer frau wirtin haus, Man fragt mich, wer ich wäre; Ich bin ein armer schwartenhals, Ich ess und trinke geren. Man fürt mich in die Stuben ein, 5 Da bot man mir zu trinken; Mein äuglein liess ich umbher gan, Den becher liess ich sinken. Man satzt mich oben an den tisch, Als ob ich ein kaufman were, 10 Und da es an ein zalen gieng, Mein seckel der war lere. Und da man nu solt schlafen gan, Man wies mich wol in die scheure; Da stund ich armer schwartenhals, 15 Mein lachen ward mir teure. Und da ich in die scheure kam, Da fieng ich an zu nisten; Da stachen mich die hagedorn, Darzu die rauhen distel. 20 Da ich des morgens frü aufstund, Der reif lag auf dem dache; Da must ich armer schwartenhals Meins unglücks selber lachen. Ich nam mein schwert wol in die hand, 25 Ich gürts wol an die seiten; Da ich kein geld im seckel het, Zu fussen must ich reiten. Ich macht mich auf, ich gieng darvon, Ich macht mich wol auf die strassen; 30 Da begegnet mir ein kaufman gut, Sein tasch must er mir lassen.
[Notes: 27: Schwartenhals = armer Teufel, ‘vagabond.’]
+XLVI. THE CHAPBOOKS+
The so-called Volksbücher of the 16th century were published in cheap and careless form, and designed to meet the popular demand for entertaining and edifying literature—a demand which increased rapidly with the cheapening of paper and the invention of printing. They vary greatly in content and have no common character except a certain artlessness, which is sometimes pleasing but often runs into extreme vulgarity. Special favor was enjoyed by certain collections of anecdotes, specimens of which are given in the first three numbers. The text of Nos. 1, 4, and 5 follows Braune’s Neudrucke (Nos. 55-6. 34-5, 7-8); that of Nos. 2 and 3 the Bibliothek des literarischen Vereins in Stuttgart (Vols. 85 and 229).



