An anthology of German literature · Calvin Thomas
Chapter 5
Chapter 27 of 52 · 9 min read
The horrors of the Thirty Years’ War: From the ‘Trostgedichte in Widerwertigkeit des Krieges.’
Wie manche schöne Stadt, Die sonst das ganze Land durch Pracht gezieret hat, Ist jetzund Asch und Staub! Die Mauren sind verheeret, Die Kirchen hingelegt, die Häuser umgekehret. Wie wann ein starker Fluss, der unversehens kömt, 5 Die frische Saate stürzt, die Äcker mit sich nimt, Die Wälder niederreisst, läuft ausser seinen Wegen, So hat man auch den Plitz und schwefelichte Regen Durch der Geschütze Schlund mit grimmiger Gewalt, Dass alles Land umher erzittert und erschallt, 10 Gesehen mit der Luft hin in die Städte fliegen. Des Rauches Wolken sind den Wolken gleich gestiegen, Der Feuer-Flocken See hat alles überdeckt Und auch den wilden Feind im Läger selbst erschreckt. Das harte Pflaster hat geglühet und gehitzet, 15 Die Thürme selbst gewankt, das Erz darauf geschwitzet; Viel Menschen, die der Schar der Kugeln sind entrant, Sind mitten in die Glut gerathen und verbrant, Sind durch den Dampf erstickt, verfallen durch die Wände Was übrig blieben ist, ist kommen in die Hände 20 Der argsten Wütherei, so, seit die Welt erbaut Von Gott gestanden ist, die Sonne hat geschaut. Der Alten graues Haar, der jungen Leute Weinen, Das Klagen, Ach und Weh der Grossen und der Kleinen, Das Schreien in gemein von Reich und Arm geführt, 25 Hat diese Bestien im minsten nicht gerührt. Hier half kein Adel nicht, hier ward kein Stand geachtet, Sie musten alle fort, sie wurden hingeschlachtet, Wie wann ein grimmer Wolf, der in den Schafstall reisst, Ohn allen Unterschied die Lämmer niederbeisst. 30 Der Mann hat müssen sehn sein Ehebette schwächen, Der Töchter Ehrenblüt’ in seinen Augen brechen, Und sie, wann die Begier nicht weiter ist entbrant, Unmenschlich untergehn durch ihres Schänders Hand.
+LI. PAUL FLEMING+
1609-1640. Fleming was a gifted lyric poet of the Opitzian era. A Saxon by birth, he studied medicine at Leipzig, where he learned to admire Opitz. Five years of his short life were spent in connection with an embassy of the Duke of Holstein to Russia and Persia. His best work is found in the poems, more especially the sonnets, which he wrote during this long absence from the fatherland. The selections follow Tittmann’s edition in Deutsche Dichter des 17. Jahrhunderts.
+1+
+An einen guten Freund.+
Lass der Zeit nur ihren Willen Und vergönn’ ihr ihren Lauf; Sie wird sich selbst müssen stillen, Wenn wir nichts nicht geben drauf. Meistes Elend wird verschmerzet, 5 Wenn mans nicht zu sehr beherzet.
Ist es heute trübes Wetter, Morgen wird es heiter sein; Stimmen doch die grossen Götter Stets an Lust nicht überein. 10 Und wer weiss, wie lang er bleibet, Der uns itzo so vertreibet.
Ob die Sonne gehet nieder Und den Erdkreiss traurig macht, Doch so kömt sie fröhlich wieder 15 Nach der überstandnen Nacht. Herrschen itzund Frost und Winde, Balde wird es sein gelinde.
Unterdessen sei der Deine, Brich nicht ab der ersten Kost; 20 Labe dich mit altem Weine Und versuch den jungen Most. Lass uns einen Rausch noch kaufen, Ehe denn wir müssen laufen.
[Notes: 1: Lines 11-12 allude, probably, to the occupation of Leipzig by imperial troops in 1632. 2: Der ersten Kost, ‘your previous fare.’ Abbrechen with dative = Abbruch tun, verkürzen, vermindern.]
+2+
+An Basilenen: Nachdem er von ihr gereiset war.+
Ist mein Glücke gleich gesonnen, Mich zu führen weit von dir, O du Sonne meiner Wonnen, So verbleibst du doch in mir. Du in mir und ich in dir 5 Sind beisammen für und für.
Künftig werd’ ich ganz nicht scheuen, Kaspis, deine fremde Flut, Und die öden Wüsteneien, Da man nichts als fürchten thut. 10 Auch das Wilde macht mir zahm, Liebste, dein gelobter Nam’.
Überstehe diese Stunden, Schwester, und sei unverwant. Ich verbleibe dir verbunden, 15 Und du bist mein festes Band. Meines Herzens Trost bist du, Und mein Herze selbst darzu.
Ihr, ihr Träume, solt indessen, Unter uns das Beste thun. 20 Kein Schlaf, der sol ihr vergessen, Ohne mich sol sie nicht ruhn, Dass die süsse Nacht ersetzt, Was der trübe Tag verletzt.
Lebe, meines Lebens Leben, 25 Stirb nicht, meines Todes Tod, Dass wir uns uns wiedergeben, Abgethan von aller Noth. Sei gegrüsst, bald Trost, itzt Qual, Tausend, tausend, tausendmal! 30
[Notes: 3: While sojourning in Reval, on his way to Asia, Fleming fell in love with Elsabe Niehusen, but later transferred his affections to her sister Anna. Basilene is one of several poetic names for Elsabe.]
+3+
+Inter Brachia Salvatoris.+
Des Donners wilder Plitz schlug von sich manchen Stoss, Das feige Volk stund blass, das scheuche Wild erzittert’ Vom Schmettern dieses Knalls. Die Erde ward erschüttert. Mein Fuss sank unter sich, der Grund war bodenlos. Die Gruft, die fiel ihr nach, schlung mich in ihren Schoss. Ich gab mich in die See, in der es grausam wittert’ Der Sturm flog klippenhoch. Mein Schiff, das ward gesplittert, Ward leck, ward Anker quit, ward Mast und Segel bloss. Vor, um und hinter mir war nichts als eine Noth; Von oben Untergang, von unten auf der Tod, Es war kein Muttermensch, der mit mir hatt’ Erbarmen. Ich aber war mir gleich, zum Leben frisch und froh, Zum Sterben auch nicht faul auf wenn und wie und wo, Denn mein Erlöser trug mich allzeit auf den Armen.
[Notes: 4: The sonnet is reminiscent of a shipwreck in the Caspian Sea, November 15, 1636; the title from St. Augustine’s inter brachia salvatoris mei et vivere volo et mori cupio. 5: Fiel ihr nach, ‘gave way’ (ihr reflexive). 6: Anker, Mast, Segel; all genitive. 7: Faul auf, ‘hesitating over.’]
+4+
+Über Herrn Martin Opitzen auf Boberfeld sein Ableben.+
So zeuch auch du denn hin in dein Elyserfeld, Du Pindar, du Homer, du Maro unsrer Zeiten, Und untermenge dich mit diesen grossen Leuten, Die ganz in deinen Geist sich hatten hier verstellt. Zeuch jenen Helden zu, du jenen gleicher Held, Der itzt nichts Gleiches hat, du Herzog deutscher Seiten, O Erbe durch dich selbst der steten Ewigkeiten, O ewiglicher Schatz und auch Verlust der Welt! Germanie ist tod, die herrliche, die freie, Ein Grab verdecket sie und ihre ganze Treue. Die Mutter, die ist hin, hier liegt nun auch ihr Sohn, Ihr Recher und sein Arm. Lasst, lasst nur alles bleiben, Ihr, die ihr übrig seid, und macht euch nur davon, Die Welt hat wahrlich mehr nichts Würdigs zu beschreiben.
+LII. FRIEDRICH VON LOGAU+
An eminent writer of reflective, critical, and epigrammatic verse (1604-1655). He was born in Silesia and spent the most of his life at Brieg, where he was sometime ducal councillor. In 1654 he published Salomon von Golaws deutscher Sinngetichte drei Tausend, the name Golaw being a disguise of Logau. They vary in length from a couplet to a hundred lines or more, and disclose in the aggregate a virile and interesting personality. The text follows Eitner’s edition in Deutsche Dichter des 17. Jahrhunderts.
+1+
+Das Beste der Welt.+
Weistu, was in dieser Welt Mir am meisten wolgefällt? Dass die Zeit sich selbst verzehret, Und die Welt nicht ewig währet.
+2+
+Die unartige Zeit.+
Die Alten konnten fröhlich singen Von tapfern deutschen Heldensdingen, Die ihre Väter ausgeübet: Wo Gott noch uns ja Kinder gibet, Die werden unsser Zeit Beginnen 5 Beheulen, nicht besingen können.
+3+
+Geduld.+
Leichter träget, was er träget, Wer Geduld zur Bürde leget.
+4+
+Adel.+
Hoher Stamm und alte Väter Machen wohl ein gross Geschrei; Moses aber ist Verräther, Dass dein Ursprung Erde sei.
+5+
+Gunst für Recht.+
Kein Corpus juris darf man nicht, Wo Gunst und Ungunst Urtel spricht.
[Notes: 1: darf = bedarf.]
+6+
+Theure Ruh.+
Deutschland gab fünf Millionen, Schweden reichlich zu belohnen, Dass sie uns zu Bettlern machten, Weil sie hoch dies Mühen achten. Nun sie sich zur Ruh gegeben Und von Unsrem dennoch leben, Muss man doch bei vielen Malen Höher noch die Ruh bezahlen.
[Notes: 2: The Treaty of Westfalia gave the Swedes a war indemnity of 5,000,000 talers, but they afterwards demanded and received 200,000 more.]
+7+
+Der Glaubensstreit.+
Luthrisch, Päbstisch und Calvinisch—diese Glauben alle drei Sind vorhanden; doch ist Zweifel, wo das Christentum dann sei.
+8+
+Ein unruhig Gemüthe.+
Ein Mühlstein und ein Menschenherz wird stets herumgetrieben; Wo beides nicht zu reiben hat, wird beides selbst zerrieben.
+9+
+Weiberverheiss.+
Wer einen Aal beim Schwanz und Weiber fasst bei Worten, Wie feste der gleich hält, hat nichts an beiden Orten.
+10+
+Zweifüssige Esel.+
Dass ein Esel hat gespracht, warum wundert man sich doch? Geh aufs Dorf, geh auf den Markt: o sie reden heute noch.
+11+
+Die deutsche Sprache.+
Deutsche mühen sich jetzt hoch, deutsch zu reden fein und rein; Wer von Herzen redet deutsch, wird der beste Deutsche sein.
+12+
+Göttliche Rache.+
Gottes Mühlen mahlen langsam, mahlen aber trefflich klein; Ob aus Langmuth er sich säumet, bringt mit Schärf’ er alles ein.
+13+
+Franzosenfolge.+
Narrenkappen sam den Schellen, wenn ich ein Franzose wär’, Wollt’ ich tragen; denn die Deutschen gingen stracks wie ich so her.
[Notes: 3: Sam = zusammen mit.]
+14+
+Dreierlei Glauben.+
Der Papst der will durch Thun, Calvin wil durch Verstehn, In den Himmel aber wil durch Glauben Luther gehn.
+15+
+Drei Fakultäten.+
Juristen, Ärzte, Prediger sind alle drei beflissen, Die Leute zu purgieren wol am Säckel, Leib, Gewissen.
[Notes: 4: Purgieren, ‘purge,’ ‘clean out.’]
+16+
+Verwandelung.+
Dass aus Menschen werden Wölfe, bringt zu glauben nicht Beschwerden; Siht man nicht, dass aus den Deutschen dieser Zeit Franzosen werden?
[Notes: 5: Wölfe, in allusion to the superstition of the man-wolf (werewolf, lycanthropus).]
+17+
+Das Hausleben.+
Ist Glücke wo und was, so halt’ ich mir für Glücke, Wann ich mein eigen bin, dass ich kein dienstbar Ohr Um weg verkaufte Pflicht darf recken hoch empor Und horchen auf Befehl. Dass mich der Neid berücke, Da bin ich sorgenlos. Die schmale Stürzebrücke, Darauf nach Gunst man zeucht, die bringt mir nicht Gefahr; Ich stehe, wo ich steh’, und bleibe, wo ich war. Der Ehre scheinlich Gift, des Hofes Meisterstücke, Was gehen die mich an? Gut, dass mir das Vergnügen Für grosse Würde gilt; mir ist ja noch so wol, Als dem der Wanst zerschwillt, die weil er Hoffahrt voll. Wer biegen sich nicht kan, bleibt, wann er fället, liegen. Nach Purpur tracht’ ich nicht; ich nehme weit dafür, Wann Gott ich leben kan, dem Nächsten und auch mir.
[Notes: 6: Um ... Pflicht, ‘in venal service.’ 7: Stürzebrücke = Fallbrücke. 8: Scheinlich, ‘glittering.’ 9: Zerschwillt = schwellend zerplatzt. 10: Nehme dafür = ziehe vor.]
+18+
+An mein väterlich Gut, so ich drei Jahr nicht gesehen.+
Glück zu, du ödes Feld; Glück zu, ihr wüsten Auen! Die ich, wann ich euch seh’, mit Thränen muss bethauen, Weil ihr nicht mehr seid ihr; so gar hat euren Stand Der freche Mord-Gott Mars grundaus herumgewandt. Seid aber doch gegrüsst; seid dennoch fürgesetzet 5 Dem allen, was die Stadt für schön und köstlich schätzet. Ihr wart mir lieb, ihr seid, ihr bleibt mir lieb und werth; Ich bin, ob ihr verkehrt, noch dennoch nicht verkehrt. Ich bin, der ich war vor. Ob ihr seid sehr vernichtet, So bleib’ ich dennoch euch zu voller Gunst verpflichtet, 10 So lang ich ich kan sein; wann dann mein Sein vergeht, Kans sein, dass Musa wo an meiner Stelle steht. Gehab dich wol, o Stadt! die du in deinen Zinnen Hast meinen Leib gehabt, nicht aber meine Sinnen. Gehab dich wol! mein Leib ist nun vom Kerker los; 15 Ich darf nun nicht mehr sein, wo mich zu sein verdross. Ich habe dich, du mich, du süsse Vatererde! Mein Feuer glänzt nun mehr auf meinem eignen Herde. Ich geh’, ich steh’, ich sitz’, ich schlaf’, ich wach’ umbsunst. Was theuer mir dort war, das hab’ ich hier aus Gunst 20 Des Herrens der Natur, um “Habe-Dank” zu niessen Und um gesunden Schweiss; darf nichts hingegen wissen Von Vortel und Betrug, von Hinterlist und Neid, Und wo man sonst sich durch schickt etwan in die Zeit. Ich ess’ ein selig Brot, mit Schweiss zwar eingeteiget, 25 Doch das durch Bäckers Kunst und Hefen hoch nicht steiget, Das zwar Gesichte nicht, den Magen aber füllt Und dient mehr, dass es nährt, als dass es Heller gilt. Mein Trinken ist nicht falsch; ich darf mir nicht gedenken, Es sei gebrauen zwier, vom Bräuer und vom Schänken. 30 Mir schmeckt der klare Saft; mir schmeckt das reine Nass, Das ohne Keller frisch, das gut bleibt ohne Fass, Drum nicht die Nymphen erst mit Ceres dürfen kämpfen, Wer Meister drüber sei, das nichts bedarf zum Dämpfen, Weils keinen Schwefelrauch noch sonsten Einschlag hat, 35 Das ohne Geld steht feil, das keine frevle That Hat den jemals gelehrt, der dran ihm liess genügen. Der Krämer fruchtbar Schwur, und ihr geniesslich Lügen Hat nimmer Ernt’ um mich. Der vielgeplagte Lein, Der muss, der kan mir auch anstatt der Seiden sein. 40 Bewegung ist mein Arzt. Die kräuterreichen Wälde Sind Apotheks genug; Geld, Gold wächst auch im Felde,— Was mangelt alsdenn mehr? Wer Gott zum Freunde hat Und hat ein eignes Feld, fragt wenig nach der Stadt, Der vortelhaften Stadt, da Nahrung zu gewinnen 45 Fast jeder muss auf List, auf Tück und Ränke sinnen. Drum hab’ dich wol, o Stadt! wenn ich dich habe, Feld, So hab’ ich Haus und Kost, Kleid, Ruh’, Gesundheit, Geld.
[Notes: 11: Verkehrt, ‘changed.’ 12: Dass ... steht; ‘that some other muse than mine will praise you.’ 13: Umbsunst, ‘for nothing.’ 14: The bread does not look good, but is nourishing. 15: Falsch, ‘diluted.’ 16: Zwier = zweimal. 17: In allusion to the process of treating wine with sulphur—nominally to improve its taste and color. 18: Geniesslich, ‘profitable.’]
+LIII. ANDREAS GRYPHIUS+
1616-1664. Gryphius is the most important of the pseudo-classic dramatists, though his plays lacked the schooling of the stage. He was born in Glogau, Silesia, won early distinction as a scholar and poet, resided several years in Holland, France, and Italy, and finally settled down in his birthplace, which honored him with the office of town syndic. He wrote five original tragedies in alexandrine verse (always with a chorus of some kind), and several comedies, partly in verse and partly in prose. The selections follow Tittmann’s edition in Deutsche Dichter des 17. Jahrhunderts.



