An anthology of German literature · Calvin Thomas

Chapter 4

Chapter 30 of 52 · 52 min read

The same in Herder’s High German translation.

Annchen von Tharau ist, die mir gefällt; Sie ist mein Leben, mein Gut und mein Geld.

Annchen von Tharau hat wieder ihr Herz Auf mich gerichtet in Lieb’ und in Schmerz.

Annchen von Tharau, mein Reichtum, mein Gut, 5 Du meine Seele, mein Fleisch und mein Blut!

Käm’ alles Wetter gleich auf uns zu schlahn, Wir sind gesinnt bei einander zu stahn.

Krankheit, Verfolgung, Betrübnis und Pein, Soll unsrer Liebe Verknotigung sein. 10

Recht als ein Palmenbaum über sich steigt, Je mehr ihn Hagel und Regen anficht;

So wird die Lieb’ in uns mächtig und gross Durch Kreuz, durch Leiden, durch allerlei Noth.

Würdest du gleich einmal von mir getrennt, 15 Lebtest, da wo man die Sonne kaum kennt;

Ich will dir folgen durch Wälder, durch Meer, Durch Eis, durch Eisen, durch feindliches Heer.

Annchen von Tharau, mein Licht, meine Sonn’, Mein Leben schliess’ ich um deines herum. 20

Was ich gebiete, wird von dir gethan, Was ich verbiete, das lässt du mir stahn.

Was hat die Liebe doch für ein Bestand, Wo nicht ein Herz ist, ein Mund, eine Hand?

Wo man sich peiniget, zanket und schlägt, 25 Und gleich den Hunden und Katzen beträgt?

Annchen von Tharau, das woll’n wir nicht thun; Du bist mein Täubchen, mein Schäfchen, mein Huhn.

Was ich begehre, ist lieb dir und gut; Ich lasse den Rock dir, du lässt mir den Hut. 30

Dies ist uns, Annchen, die süsseste Ruh’, Ein Leib und Seele wird aus Ich und Du.

Dies macht das Leben zum himmlischen Reich, Durch Zanken wird es der Hölle gleich.

+LV. PAUL GERHARDT+

1607-1676. Gerhardt was a Lutheran pastor who is preëminent as a writer of hymns for worship. His psalmody has less of the militant spirit than Luther’s, his voice being the voice of German Protestantism as chastened by the terrible sufferings of the great war. The selections follow Wolff’s edition in Kürschner’s Nationalliteratur, Vol. 31.

+1+

+Befiehl dem Herrn deine Wege.+

Befiehl du deine Wege, Und was dein Herze kränkt, Der allertreusten Pflege Des, der den Himmel lenkt: Der Wolken, Luft und Winden 5 Giebt Wege, Lauf und Bahn, Der wird auch Wege finden, Da dein Fuss gehen kann.

Dem Herren musst du trauen, Wann dirs soll wohlergehn; 10 Auf sein Werk musst du schauen, Wann dein Werk soll bestehn. Mit Sorgen und mit Grämen Und mit selbsteigner Pein Lässt Gott ihm gar nichts nehmen, 15 Es muss erbeten sein.

Dein ewge Treu und Gnade, O Vater, weiss und sieht, Was gut sei oder schade Dem sterblichen Geblüt: 20 Und was du denn erlesen, Das treibst du, starker Held, Und bringst zum Stand und Wesen, Was deinem Rat gefällt.

Weg hast du allerwegen, 25 An Mitteln fehlt dirs nicht; Dein Thun ist lauter Segen, Dein Gang ist lauter Licht, Dein Werk kann niemand hindern, Dein Arbeit darf nicht ruhn, 30 Wann du, was deinen Kindern Erspriesslich ist, willst thun.

Und ob gleich alle Teufel Hie wollten widerstehn, So wird doch ohne Zweifel 35 Gott nicht zurücke gehn: Was er ihm fürgenommen Und was er haben will, Das muss doch endlich kommen Zu seinem Zweck und Ziel. 40

Hoff, o du arme Seele, Hoff und sei unverzagt! Gott wird dich aus der Höhle, Da dich der Kummer plagt, Mit grossen Gnaden rücken: 45 Erwarte nur der Zeit, So wirst du schon erblicken Die Sonn der schönsten Freud.

Auf, auf, gieb deinem Schmerze Und Sorgen gute Nacht! 50 Lass fahren, was das Herze Betrübt und traurig macht! Bist du doch nicht Regente, Der alles führen soll; Gott sitzt im Regimente 55 Und führet alles wohl.

Ihn, ihn lass thun und walten, Er ist ein weiser Fürst Und wird sich so verhalten, Dass du dich wundern wirst, 60 Wann er, wie ihm gebühret, Mit wunderbarem Rat Das Werk hinausgeführet, Das dich bekümmert hat.

Er wird zwar eine Weile 65 Mit seinem Trost verziehn Und thun an seinem Teile, Als hätt in seinem Sinn Er deiner sich begeben; Und solltst du für und für 70 In Angst und Nöten schweben, So frag er nichts nach dir.

Wirds aber sich befinden, Dass du ihm treu verbleibst, So wird er dich entbinden, 75 Da dus am wengsten gläubst: Er wird dein Herze lösen Von der so schweren Last, Die du zu keinem Bösen Bisher getragen hast. 80

Wohl dir, du Kind der Treue, Du hast und trägst davon Mit Ruhm und Dankgeschreie Den Sieg und Ehrenkron. Gott giebt dir selbst die Palmen 85 In deine rechte Hand, Und du singst Freudenpsalmen Dem, der dein Leid gewandt.

Mach End, o Herr, mach Ende An aller unser Not! 90 Stärk unser Füss und Hände Und lass bis in den Tod Uns allzeit deiner Pflege Und Treu empfohlen sein, So gehen unsre Wege 95 Gewiss zum Himmel ein.

+2+

+Abendlied.+

Nun ruhen alle Wälder, Vieh, Menschen, Stadt und Felder, Es schläft die ganze Welt: Ihr aber, meine Sinnen, Auf, auf, ihr sollt beginnen, 5 Was eurem Schöpfer wohlgefällt.

Wo bist du, Sonne, blieben? Die Nacht hat dich vertrieben, Die Nacht, des Tages Feind; Fahr hin, ein ander Sonne, 10 Mein Jesus, meine Wonne, Gar hell in meinem Herzen scheint.

Der Tag ist nun vergangen, Die güldnen Sternen prangen Am blauen Himmels Saal: 15 Also werd ich auch stehen, Wenn mich wird heissen gehen Mein Gott aus diesem Jammerthal.

Der Leib eilt nun zur Ruhe, Legt ab das Kleid und Schuhe, 20 Das Bild der Sterblichkeit, Die ich zieh aus: dagegen Wird Christus mir anlegen Den Rock der Ehr und Herrlichkeit.

Das Häupt, die Füss und Hände 25 Sind froh, dass nu zum Ende Die Arbeit kommen sei: Herz, freu dich, du sollt werden Vom Elend dieser Erden Und von der Sünden Arbeit frei. 30

Nun geht, ihr matten Glieder, Geht hin und legt euch nieder, Der Betten ihr begehrt: Es kommen Stund und Zeiten, Da man euch wird bereiten 35 Zur Ruh ein Bettlein in der Erd.

Mein Augen stehn verdrossen, Im Hui sind sie geschlossen; Wo bleibt denn Leib und Seel? Nimm sie zu deinen Gnaden, 40 Sei gut für allem Schaden, Du Aug und Wächter Israel.

Breit aus die Flügel beide, O Jesu, meine Freude, Und nimm dein Küchlein ein. 45 Will Satan mich verschlingen, So lass die Englein singen: Dies Kind soll unverletzet sein.

Auch euch, ihr meine Lieben, Soll heinte nicht betrüben 50 Ein Unfall noch Gefahr. Gott lass euch selig schlafen, Stell euch die güldne Waffen Ums Bett und seiner Engel Schar.

+LVI. FRIEDRICH SPE+

1591-1635. Spe was a Jesuit father who won distinction as a poet and also as an opponent of the witch-burning mania. His collection of lyric poems called Trutz-Nachtigall, or Match-Nightingale, is interesting for its singular blend of erotic imagery with sincere religious feeling. The poems indicate a genuine delight in certain aspects of nature. The selections follow Wolff’s edition, in Kürschner’s Nationalliteratur, Vol. 31.

+1+

+Ein Liebgesang der Gespons Jesu.+

Die reine Stirn der Morgenröt War nie so fast gezieret, Der Frühling, nach dem Winter öd, War nie so schön muntieret, Die weiche Brust der Schwanen weiss 5 War nie so wohl gebleichet, Die gülden Pfeil der Sonnen heiss Nie so mit Glanz bereichet:

Als Jesu Wangen, Stirn und Mund Mit Gnad seind übergossen. 10 Lieb hat aus seinen Äuglein rund Fast tausend Pfeil verschossen: Hat mir mein Herz verwundet sehr, O weh der süssen Peine! Für Lieb ich kaum kann rasten mehr, 15 Ohn Unterlass ich weine.

Wie Perlen klar aus Orient Mir Zähr von Augen schiessen: Wie Rosenwässer wohlgebrennt Mir Thränen überfliessen. 20 O keusche Lieb, Cupido rein, Allda dein Hitz erkühle, Da dunk dein heisse Flüttig ein, Dass dich so stark nit fühle.

Zu scharf ist mir dein heisser Brand, 25 Zu schnell seind deine Flügel; Drumb nur aus Thränen mit Verstand Dir flechte Zaum und Zügel. Komm nit zu streng, mich nit verseng, Nit brenn mich gar zu Kohlen, 30 Dich weisen lass, halt Ziel und Mass, Dich brauch der linden Strohlen.

O Arm und Hände Jesu weiss, Ihr Schwesterlein der Schwanen, Umbfasset mich nit lind noch leis, 35 Darf euch der Griff ermahnen. Stark heftet mich an seine Brust Und satt mich lasset weinen: Ich ihn erweich, ist mir bewusst, Und wär das Herz von Steinen. 40

O Jesu mein, du schöner Held, Lang warten macht verdriessen: Gross Lieb mir nach dem Leben stellt, Wann soll ich dein geniessen? O süsse Brust! O Freud und Lust! 45 Hast endlich mich gezogen: O miltes Herz! All Pein und Schmerz Ist nun in Wind geflogen.

Allhie nun will ich rasten lind, Auf Jesu Brust gebunden: 50 Allhie mich mag Cupido blind Bis gar zu Tod verwunden. Am Herzen Jesu sterben hin Ist nur in Lusten leben, Ist nur verlieren mit Gewinn, 55 Ist tot im Leben schweben.

+2+

+Anders Liebgesang der Gespons Jesu, darin eine Nachtigall mit der Echo oder Wiederschall spielet.+

Ach, wann doch Jesu, liebster mein, Wann wirst dich mein erbarmen? Wann wieder zu mir kehren ein, Wann fassen mich in Armen? Was birgest dich, 5 Was kränkest mich? Wann werd ich dich umfangen? Wann reissest ein All meine Pein? Wann schlichtest mein Verlangen? 10

O willkomm, süsse Nachtigall, Kombst gleich zu rechter Stunde! Erfrisch den Luft mit bestem Schall, Erschöpf die Kunst von Grunde; Ruf meinem Lieb, 15 Er nit verschieb, “O Jesu!” ruf mit Kräften, Ruf tausend mal, Ruf ohne Zahl, Wer weiss, es je möcht heften! 20

Ach, ruf und ruf, o Schwester zart, Mein Jesum zu mir lade, Mir treulich hilf zu dieser Fahrt, Dann ich in Zähren bade. O Schwester mein, 25 Sing süss und rein, Ruf meinem Schatz mit Namen; Dann kurz, dann lang Zieh deinen Klang, All Noten greif zusammen! 30

Wohlan, scheint, mich verstanden hat Die Meisterin in Wälden; Ihrs allbereit geht wohl von Statt, Die Färblein schon sich melden. In starker Zahl, 35 Nun manches Mal Den Ton sie schon erhebet, Weil auch der Schall Aus grünem Thal Ihr deutlich widerstrebet. 40

Da recht, du fromme Nachtigall, Du jenem Schall nit weiche! Da recht, du treuer Wiederschall, Du stets dich ihr vergleiche! Zur schönen Wett 45 Nun beide trett, Mein Jesum lasst erklingen, Obschon im Streit Der schwächsten Seit Am Leben sollt misslingen. 50

Die Nachtigall den Schall nit kennt Und hälts für ihr Gespielin, Verwundert sich, wies mög behend So gleichen Ton erzielen; Bleibt wenig stumm, 55 Schlägt wiederumb, Denkt ihr bald obzusiegen; Doch Widerpart Machts gleicher Art, Kein Pünktlein bleibt verschwiegen. 60

Bald steiget auf die Nachtigall Je mehr und mehr und mehre; Gleich folget auch der Wiederschall, Wanns je noch höher wäre. Drumb zierlich fecht 65 Und stärker schlegt Das Fräulein reich von Stimmen, Steigt auf und auf Ganz ohn Verschnauf; Doch thuts der Schall erklimmen. 70

Alsdann gehts über Ziel und Schnur, Das Herz möcht sich zerspalten, Sie sucht es in B Moll, B Dur, Auf allerhand Gestalten, Thut hundertfalt 75 Den Bäss und Alt, Tenor und Cant durchstreichen; Doch Stimm doch Kunst Ist gar umbsonst, Der Schall thuts auch erreichen. 80

Da kitzlet sie dann Ehr und Preis Mit gar zu scharfen Sporen, Erdenkt noch schön und schöner Weis, Meint, sei noch nicht verloren. All Mut und Blut 85 Und Atem gut. Versammelt sie mit Haufen, Will noch zum Sieg In schönem Krieg Mit letzten Kräften laufen. 90

Ei, da kracht ihr so mütigs Herz, Gleich Ton und Seel verschwinden, Da leschet sich die gülden Kerz, Entzuckt von starken Winden. O mütigs Herz, 95 O schöne Kerz, O wohl, bist wohl gestorben! Die Lorbeerkron Im letzten Ton Du doch noch hast erworben. 100

Dann zwar ein Seufzerlein gar zart Im Tod hast lan erklingen, Das so subtil dein Widerpart Mit nichten möcht erschwingen; Drumb ja nit lieg, 105 Dein ist der Sieg, Das Kränzlein dir gebühret, Welchs dir allein Von Blümlein fein Ich schon hab eingeschnüret. 110

Ade dann, falbe Nachtigall, Von falbem Tod entfärbet, Weil du nun liegst in grünem Thal. Sag, wer dein Stimmlein erbet; Könnts je nit sein, 115 Es wurde mein? O Gott, könnt ichs erwerben! Wollts brauchen stät So früh, so spät, Bis auch im Sang thät sterben. 120

Nun doch will ich in diesem Wald Bei deinem Grab verbleiben, Hoff, mich mit ihren Pfeilen bald Begierd und Lieb entleiben. Will rufen stark 125 Zum Totensarg, Bis mein Geliebter komme, Will rufen laut Meins Herzen Traut, Bis letzt ich gar erstumme. 130

[Notes: 1: Heften = haften bleiben, ‘stick fast’ (in his ear), and so win him over. 2: Widerstrebet = widerhallt.]

+LVII. HOFMANN VON HOFMANNSWALDAU+

A Silesian scholar (1617-1679) who, after extensive foreign travel, spent his life at Breslau as an exemplary and highly esteemed official of the town. Incidentally he poetized in the inflated and ornate style which has given the so-called second Silesian school its evil reputation. His work is decidedly vacuous as poetry, but has its interest as indicating the literary drift of the age of puffs, powder, and pedantry. The selections follow Bobertag’s edition in Kürschner’s Nationalliteratur, Vol. 36.

+1+

+Die Welt.+

Was ist die Welt, und ihr berühmtes Gläntzen? Was ist die Welt und ihre gantze Pracht? Ein schnöder Schein in kurtzgefasten Grentzen, Ein schneller Blitz, bey schwarzgewölckter Nacht; Ein bundtes Feld, da Kummerdisteln grünen; 5 Ein schön Spital, so voller Kranckheit steckt. Ein Sclavenhauss, da alle Menschen dienen, Ein faules Grab, so Alabaster deckt. Das ist der Grund, darauff wir Menschen bauen, Und was das Fleisch für einen Abgott hält. 10 Komm, Seele, komm, und lerne weiter schauen, Als sich erstreckt der Zirckel dieser Welt. Streich ab von dir derselben kurtzes Prangen, Halt ihre Lust für eine schwere Last. So wirst du leicht in diesen Port gelangen, 15 Da Ewigkeit und Schönheit sich umbfast.

+2+

+Die Wollust.+

Die Wollust bleibet doch der Zucker dieser Zeit, Was kan uns mehr, denn sie, den Lebenslauf versüssen? Sie lässet trinckbar Gold in unsre Kehle fliessen, Und öffnet uns den Schatz beperlter Liebligkeit, In Tuberosen kan sie Schnee und Eiss verkehren, 5 Und durch das gantze Jahr die Frühlings-Zeit gewehren.

Es schaut uns die Natur als rechte Kinder an, Sie schenckt uns ungespart den Reichthum ihrer Brüste, Sie öffnet einen Saal voll zimmetreicher Lüste, Wo aus des Menschen Wunsch Erfüllung quellen kan. 10 Sie legt als Mutter uns die Wollust in die Armen, Und lässt durch Lieb und Wein den kalten Geist erwarmen.

Nur das Gesetze wil allzu tyrannisch seyn, Es zeiget iederzeit ein widriges Gesichte, Es macht des Menschen Lust und Freyheit gantz zunichte, 15 Und flöst für süssen Most uns Wermuthtropffen ein; Es untersteht sich uns die Augen zu verbinden, Und alle Liebligkeit aus unser Hand zu winden.

Die Ros’ entblösset nicht vergebens ihre Pracht, Jessmin will nicht umsonst uns in die Augen lachen, 20 Sie wollen unser Lust sich dienst- und zinsbar machen, Der ist sein eigen Feind, der sich zu Plagen tracht; Wer vor die Schwanenbrust ihm Dornen will erwehlen, Dem muss es an Verstand und reinen Sinnen fehlen.

Was nutzet endlich uns doch Jugend, Krafft und Muth, 25 Wenn man den Kern der Welt nicht reichlich will genüssen, Und dessen Zucker-Strom lässt unbeschifft verschüssen? Die Wollust bleibet doch der Menschen höchstes Gut, Wer hier zu Seegel geht, dem wehet das Gelücke Und ist verschwenderisch mit seinem Liebesblicke. 30

Wer Epicuren nicht für seinen Lehrer hält, Der hat den Welt-Geschmack und allen Witz verloren, Es hat ihr die Natur als Stiefsohn ihn erkoren, Er mus ein Unmensch seyn und Scheusal dieser Welt; Der meisten Lehrer Wahn erregte Zwang und Schmertzen, 35 Was Epicur gelehrt, das kitzelt noch die Hertzen.

[Notes: 1: Verschüssen = verfliessen.]

+3+

+Die Tugend.+

Die Tugend pflastert uns die rechte Freudenbahn, Sie kan den Nesselstrauch zu Lilgenblättern machen, Sie lehrt uns auf dem Eiss und in dem Feuer lachen, Sie zeiget, wie man auch in Banden herrschen kan; Sie heisset unsern Geist im Sturme ruhig stehen, 5 Und wenn die Erde weicht, uns im Gewichte gehen.

Es giebt uns die Natur Gesundheit, Krafft und Mut, Doch wo die Tugend nicht wil unser Ruder führen, Da wird man Klippen, Sand und endlich Schiffbruch spüren. Die Tugend bleibet doch der Menschen höchstes Gutt; 10 Wer ohne Tugend sich zu leben hat vermessen, Ist einem Schiffer gleich, so den Compass vergessen.

Gesetze müssen ja der Menschen Richtschnur seyn. Wer diesen Pharus ihm nicht zeitlich will erwehlen, Der wird, wie klug er ist, des Hafens leicht verfehlen, 15 Und läuffet in den Schlund von vielen Jammer ein; Wem Lust und Üppigkeit ist Führerin gewesen, Der hat für Leitstern ihm ein Irrlicht auserlesen.

Diss, was man Wollust heisst, verführt und liebt uns nicht, Die Küsse, so sie giebt, die triffen von Verderben, 20 Sie läst uns durch den Strang der zärtsten Seide sterben, Man fühlet, wie Zibeth das matte Herze bricht, Vergifter Hypocras will uns die Lippen rühren, Und ein ambrirte Lust zu Schimpf und Grabe führen.

Die Tugend drückt uns doch, als Mutter, an die Brust, 25 Ihr Gold und edler Schmuck hält Farb und auch Gewichte, Es leitet ihre Hand uns zu dem grossen Lichte, Wo sich die Ewigkeit vermählet mit der Lust; Sie reicht uns eine Kost, so nach dem Himmel schmecket, Und giebt uns einen Rock, den nicht die Welt beflecket. 30

Die Wollust aber ist, als wie ein Unschlichtlicht, So helle Flammen giebt, doch mit Gestanck vergehet. Wer bey dem Epicur und seinem Häuften stehet, Der lernt, wie diese Waar als dünnes Glas zerbricht; Es kan die Drachen-Milch uns nicht Artzney gewehren, 35 Noch gelbes Schlangengift in Labsal sich verkehren.

[Notes: 2: Hypocras, a sweet spiced wine. 3: Ambrirte, ‘resinated’ (perfumed with ambra).]

+LVIII. DANIEL CASPER VON LOHENSTEIN+

The other leading light of the second Silesian school (1635-1683). Like his friend Hofmannswaldau, he was an exemplary Breslau official. He wrote half a dozen impossible tragedies in alexandrine verse and a huge erudite romance Arminius. The selection from Arminius follows an edition of 1731, which contains 2868 pages in four quarto volumes.

From ‘Arminius,’ Book I: The temple of the Ancient Germans and its wonderful inscription.

Es war ein Thal, welches ungefähr eine Meilweges im Umkreise hatte, rings herum mit steilen Felsen umbgeben, welche allein von einem abschüssenden Wasser zertheilet waren. An dieser Gegend hatte die andächtige Vorwelt dem Anfange aller Dinge, nehmlich dem Schöpfer der Welt, zu Ehren auf ieder Seiten eine dreyfache Reihe überaus hoch und gerade empor wachsender Eich-Bäume gepflantzet, und wie dieses gantze Thal, also auch insonderheit den in der Mitte gelegenen Hügel, und die in selbtem von der Natur gemachte Höle, als auch den daraus entspringenden Brunnen für eines der grössesten Heiligthümer Deutschlands verehret, auch den Glauben, dass in selbtem die Andacht der Opfernden durch einen göttlichen Trieb geflügelt, und das Gebet von den Göttern ehe als anderwerts erhöret würde, von mehr als tausend Jahren her auf ihre Nachkommen fortgepflantzet. Denn die alten andächtigen Deutschen waren bekümmerter Gott recht zu verehren, als durch Erbauung köstlicher Tempel die Gebürge ihres Marmels zu berauben und ihre Ertzt-Adern arm zu machen. Diesemnach sie für eine der grösten Thorheiten hielten, Affen, Katzen und Crocodilen, ja Knobloch und Zwibeln mit Weyrauch zu räuchern; welche bey den Egyptiern mehr die aus Iaspis und Porphyr erbaueten, oder aus einem gantzen Felsen gehauene Wundertempel verstellten, als durch derselben Pracht einiges Ansehen ihrer schnöden Hesslichkeit erlangeten.

Nichts minder verlachten sie die zu Rom angebetete Furcht und das Fieber, als welche Kranckheiten wohl unvergöttert, ja abscheulich bleiben, wenn gleich zu Überfirnsung ihrer Bilder und Heiligthümer alle Meere ihr Schnecken-Blut, und gantz Morgenland seine Perlen und Edelgesteine dahin zinset. Da hingegen eine wahre Gottheit eben so ein aus schlechtem Rasen erhöhetes Altar, und ein mehr einem finstern Grabe als einem Tempel ähnliches, aber von dem Feuer andächtiger Seelen erleuchtetes Heiligthum; wie die Sonne alle düstere Wohnungen mit ihrem eigenen Glantze erleuchtet und herrlich macht, also dass ohne die Gegenwart des grossen Auges der Welt alle gestirnte Himmels-Kreise düstern, in Abwesenheit einer wesentlichen Gottheit all von Rubin und loderndem Weyrauch schimmernde Tempel irrdisch sind. Denn ob wohl Gott in und ausser aller Dinge ist, seine Macht und Herrschafft sonder einige Beunruhigung sich über all Geschöpfe erstrecket, seine Liebe ohne Ermüdung allen durch ihre Erhaltung die Hände unterlegt; ob er gleich ohne Ausdehnung alles auswendig umbschleust, alles inwendig ohne seine Verkleinerung durchdringet; und er also in, über, unter und neben allen Sachen, iedoch an keinen Ort angebunden, noch nach einigem Maasse der Höhe, Tieffe und Breite zu messen, seine Grösse nirgends ein-, sein Wesen nirgends auszuschlüssen ist: So ist doch unwidersprechlich, dass Gott seiner Offenbarung nach, und wegen der von denen Sterblichen erfoderten Andacht, einen Ort für dem andern, nicht etwan wegen seiner absonderlichen Herrligkeit, sondern aus einer unerforschlicher Zuneigung, ihm belieben lasse, ja mehrmahls selbst erkieset habe. Über dem Eingange nun dieser ebenfals für andern erwehlten Höle waren nachfolgende Reimen in einen lebendigen Steinfels gegraben, iedoch gar schwer zu lesen; weil sie nicht allein mit denen vom Tuisco erfundenen Buchstaben geschrieben, sondern auch vom Regen abgewaschen und vom Mooss verstellet waren:

Ihr Eiteln, weicht von hier! der Anfang aller Dinge, Der eh als dieser Fels und dieser Brunnquell war, Hat hier sein Heiligthum, sein Wohnhaus, sein Altar; Der will, dass man ihm nur zum Opfer Andacht bringe. Die ist das Eigenthum der Menschen. Weyrauch, Blut, 5 Gold, Weitzen, Oel, und Vieh ist sein selbsteigen Gut.

Die Opfer, die ihr ihm auf tausend Tischen schlachtet, Die machen ihn nicht feist, und keine Gabe reich. Ihr selbst genüsset es, wenn ihr den Schöpfer gleich Durch eure Erstlingen hier zu beschencken trachtet. 10 Euch scheint der Fackeln Licht, ihr rücht des Zimmets Brand; Ja, was ihr gebt, bleibt euch mit Wucher in der Hand.

Gott heischt diss zwar, doch nicht aus lüsterner Begierde. Denn was ergeitzt das Meer ihm an der armen Flut Des Thaues? welcher Stern wünscht ihm der Würmer Glut, 15 Die bey den Nachten scheint, und der Rubinen Zierde? Ihr weiht Gott nur das Hertz zum Zeichen euer Pflicht; Euch selbst zu eurem Nutz, ihm zur Vergnügung nicht.

Ja auch die Andacht Selbst weiss Gott nichts zuzufrömen; Denn eignet sie uns zu gleich seine Gnad und Heil, 20 So hat sein Wohlstand doch nicht an dem unsern Theil, Wie unsre Freude rinnt aus seinen Wohlthats-Strömen. Hingegen wie kein Dunst versehrt der Sonnen Licht, So verunehrt auch ihn kein Aberglaube nicht.

Der Lästerer ihr Fluch thut ihm geringern Schaden, 25 Als wenn ein toller Hund den vollen Mond anbillt. Es rühmt als Richter ihn, was in der Hölle brüllt; Wie’s Lob der Seligen preist seine Vater-Gnaden. Den grossen Gott bewehrt die Kohle, die dort glüht, So wohl als die, die man wie Sterne gläntzen sieht. 30

So ist’s nun Übermaass, unsäglich grosse Gütte, Dass Gott die Betenden hier würdigt zu erhörn. Weicht, Eitele! um nicht diss Heil’ ge zu versehrn! Denn dass Gott in diss Thal nur einen Blick ausschütte, Ist gröss’re Gnad, als wenn das Auge dieser Welt 35 Den schlechtsten Sonnen-Staub mit seinem Glantz erhält.

[Notes: 1: Gottheit, subject of erleuchtet und herrlich macht understood.]

+LIX. HANS JAKOB CHRISTOFFEL VON GRIMMELSHAUSEN+

The most important writer of prose fiction in the 17th century (ca. 1625-1676). He spent his early years as a roving soldier. After the war he published anonymously a number of tales, which are known collectively as Simplicianische Schriften. The best of them is Der abentheuerliche Simplicissimus, which is largely autobiographic. The book parodies the fashionable romances of adventure and takes hints from the picaresque tales which had begun to come in from Spain. It is particularly interesting for its truthful pictures of German life in the time of the great war. The selection follows Braune’s Neudrucke, Nos. 19-25.

From ‘Simplicissimus,’ Book I, Chapter 4: The hero’s childhood; brutal soldiers plunder his foster-father’s house and outrage the inmates.

Wiewol ich nicht bin gesinnet gewesen, den friedliebenden Leser, mit diesen Reutern, in meines Knäns Hauss und Hof zuführen, weil es schlim genug darin hergehen wird: So erfodert jedoch die Folge meiner Histori, dass ich der lieben posterität hinterlasse, was vor Grausamkeiten in diesem unserm Teutschen Krieg hin und wieder verübet worden, zumalen mit meinem eigenen Exempel zubezeugen, dass alle solche Übel von der Güte dess Allerhöchsten, zu unserm Nutz, offt notwendig haben verhängt werden müssen: Dan lieber Leser, wer hätte mir gesagt, dass ein Gott im Himmel wäre, wan keine Krieger meines Knäns Hauss zernichtet, und mich durch solche Fahung unter die Leute gezwungen hätten, von denen ich gnugsamen Bericht empfangen? Kurtz zuvor konte ich nichts anders wissen noch mir einbilden, als dass mein Knän, Meuder, ich und das übrige Haussgesind, allein auff Erden sey, weil mir sonst kein Mensch, noch einzige andre menschliche Wohnung bekant war, als diejenige, darin ich täglich auss und einging: Aber bald hernach erfuhr ich die Herkunfft der Menschen in diese Welt, und dass sie wieder darauss müsten; ich war nur mit der Gestalt ein Mensch, und mit dem Namen ein Christen-Kind, im übrigen aber nur eine Bestia! Aber der Allerhöchste sahe meine Unschuld mit barmhertzigen Augen an, und wolte mich beydes zu seiner und meiner Erkantnus bringen: Und wiewol er tausenderley Wege hierzu hatte, wolte er sich doch ohn zweiffel nur dessjenigen bedienen, in welchem mein Knän und Meuder, andern zum Exempel, wegen ihrer liederlichen Aufferziehung gestrafft würden.

Das Erste, das diese Reuter thäten, war, dass sie ihre Pferde einställeten, hernach hatte jeglicher seine sonderbare Arbeit zuverrichten, deren jede lauter Untergang und Verderben anzeigte, dan obzwar etliche anfingen zumetzgen, zusieden und zubraten, dass es sahe, als solte ein lustig Panquet gehalten werden, so waren hingegen andere, die durchstürmten das Hauss unten und oben, ja das heimliche Gemach war nicht sicher, gleichsam ob wäre das golden Fell von Colchis darin verborgen; Andere machten von Tuch, Kleidungen und allerley Haussrath, grosse Päck zusammen, als ob sie irgends einen Krempelmarkt anrichten wolten, was sie aber nicht mitzunehmen gedachten, ward zerschlagen, etliche durchstachen Heu und Stroh mit ihren Degen, als ob sie nicht Schafe und Schweine genug zustechen gehabt hätten, etliche schütteten die Federn auss den Betten, und fülleten hingegen Speck, andere dürr Fleisch und sonst Geräth hinein, als ob alsdan besser darauff zuschlaffen wäre; Andere schlugen Ofen und Fenster ein, gleichsam als hätten sie einen ewigen Sommer zuverkündigen, Kupffer und Zingeschirr schlugen sie zusammen, und packten die gebogene und verderbte Stücken ein, Bettladen, Tische, Stüle und Bäncke verbranten sie, da doch viel Claffter dürr Holtz im Hof lag, Häfen und Schüsseln muste endlich alles entzwey, entweder weil sie lieber Gebraten assen, oder weil sie bedacht waren, nur eine einzige Mahlzeit allda zuhalten, unsre Magd ward im Stall dermassen tractirt, dass sie nicht mehr darauss gehen konte, welches zwar eine Schande ist zumelden! den Knecht legten sie gebunden auff die Erde, steckten ihm ein Sperrholtz ins Maul, und schütteten ihm einen Melckkübel voll garstig Mistlachen-wasser in Leib, das nanten sie einen Schwedischen Trunck, wodurch sie ihn zwungen, eine Parthey anderwerts zuführen, allda sie Menschen und Viehe hinweg namen, und in unsern Hof brachten, unter welchen mein Knän, meine Meuder, und unsre Ursele auch waren.

Da fing man erst an, die Steine von den Pistolen, und hingegen anstat deren der Bauren Daumen auffzuschrauben, und die armen Schelmen so zufoltern, als wan man hätte Hexen brennen wollen, massen sie auch einen von den gefangenen Bauren bereits in Backofen steckten, und mit Feuer hinter ihm her waren, unangesehen er noch nichts bekant hatte, einem andern machten sie ein Sail um den Kopff, und raitelten es mit einem Bengel zusammen, dass ihm das Blut zu Mund, Nas und Ohren herauss sprang. In Summa, es hatte jeder sein eigne invention, die Bauren zupeinigen, und also auch jeder Bauer seine sonderbare Marter: Allein mein Knän war meinem damaligen Bedüncken nach der glückligste, weil er mit lachendem Munde bekante, was andere mit Schmertzen und jämmerlicher Weheklage sagen musten, und solche Ehre wiederfuhr ihm ohn Zweiffel darum, weil er der Haussvater war, dan sie satzten ihn zu einem Feur, banden ihn, dass er weder Hände noch Füsse regen konte, und rieben seine Fusssolen mit angefeuchtem Saltz, welches ihm unsre alte Geiss wieder ablecken, und dadurch also kützeln muste, dass er vor Lachen hätte zerbersten mögen; das kam so artlich, dass ich Gesellschafft halber, oder weil ichs nicht besser verstund, von Hertzen mit lachen muste: In solchem Gelächter bekante er seine Schuldigkeit, und öffnete den verborgenen Schatz, welcher von Gold, Perlen und Cleinodien viel reicher war, als man hinter den Bauren hätte suchen mögen. Von den gefangenen Weibern, Mägden und Töchtern weiss ich sonderlich nichts zusagen, weil mich die Krieger nicht zusehen liessen, wie sie mit ihnen umgingen: Das weiss ich noch wol, dass man theils hin und wieder in den Winckeln erbärmlich schreyen hörte, schätze wol, es sey meiner Meuder und unserm Ursele nit besser gangen, als den andern. Mitten in diesem Elend wante ich Braten, und halff Nachmittag die Pferde träncken, durch welches Mittel ich zu unsrer Magd in Stall kam, welche wunderwercklich zerstrobelt ausssahe, ich kante sie nicht, sie aber sprach zu mir mit kräncklicher Stimme: O Bub lauff weg, sonst werden dich die Reuter mit nemen, guck dass du davon kommst, du siehst wol, wie es so ubel: mehrers konte sie nicht sagen.

[Notes: 1: Knäns = Vaters; Spessart dialect, like Meuder = Mutter below. 2: Krempelmarkt = Trödelmarkt. 3: Steine, i.e. Feuersteine, ‘gun-flints.’ They were held in by a screw. 4: Massen = wie denn. 5: Raitelten, ‘twisted.’ 6: Zerstrobelt = zerschlagen.]

+LX. BENJAMIN NEUKIRCH+

A trenchant satirist and the father of German literary criticism (1665-1729). He was by birth a Silesian and in his early years an admirer of Hofmannswaldau and Lohenstein. Later he turned against them and against the whole tribe of insincere occasional rimesters, who were bringing the poetic art into contempt. His lyric poems are of small account, but his satires are vigorous and illuminative. The text follows Fulda’s edition in Kürschner’s Nationalliteratur, Vol. 39.

+Auf unverständige Poeten.+

Lass doch, Lysander, ab, mit Reimen dich zu plagen Und einer Bettelkunst halb rasend nachzujagen, Die zwar die Phantasei durch süsse Träume rührt, Dich aber auf den Weg der Hungerwiesen führt Und endlich, wo du dich lässt ihre Grillen treiben, 5 Mit Meistersängern wird in eine Rolle schreiben. Die eben ist das Gift, das wie die Missethat Gleich mit der Muttermilch mir ins Geblüte trat. Wie glücklich wär’ ich doch, wenn mich zu rechter Stunden Ein kluger Arzt davon durch Kräutersaft entbunden 10 Und alles, was ich nur von Versen angeblickt, Durch hebend Antimon hätt’ in die Luft geschickt; So dürft’ ich nicht wie jetzt in Kummerwinckeln sitzen, Und bei geborgter Lust von langen Sorgen schwitzen, So hätt’ ich auch vielleicht den Wuchergriff erlernt, 15 Wie man durch Ränke sich von der Vernunft entfernt, Den Trieb der Redlichkeit mit Silberzäumen lenket, Den Geist der Gottesfurcht in klugen Schlaf versenket, Ein reiches Lasterweib zu seinem Willen beugt, Durch höflichen Betrug auf Ehrenbänke steigt 20 Und endlich, wenn die Kraft der Jugend uns verlassen, Bei voller Tafel kann von fremdem Gute prassen. So hab’ ich manchen Tag und manche Nacht verreimt Und oft ein grosses Lied von Zwergen hergeträumt, Verliebten ihre Lust in Zucker zugemessen, 25 Betrüger reich gemacht, mich aber gar vergessen; Und ob mich endlich gleich mit der verjährten Zeit Ein kurzer Sonnenblick bei Hofe noch erfreut Und Preussens Salomo, den ich mit Recht gepriesen, Mir zu der Ehrenburg den Vorhof angewiesen, 30 Ward doch durch seinen Tod, der alles umgekehrt, Mein Glück und auch zugleich mein ganzer Ruhm verzehrt Nun lacht die Wucherschar bei ihren Judengriffen, Dass ich der Tugend Lob auf Hoffnung hergepfiffen, Die Zungendrescherei den Musen nachgesetzt, 35 Und wahre Weisheit mehr als Geld und Gut geschätzt, Und dass ich, da der Hof zum Laufen mich gezwungen, Nicht noch zu rechter Zeit in Schulenstaub gesprungen, Die matte Dürftigkeit in Mäntel eingehüllt, Mit leerer Wissenschaft die Jugend angefüllt, 40 Die Kinder gegen Lohn den Toten vorgetrieben Und wöchentlich ein Lied für Thaler hingeschrieben.

Hiebei verbleibt es nicht. Die schwärmende Vernunft Der von der Hungersucht bethörten Dichterzunft, Die sich durch falsche Kunst auf den Parnass geschlichen, 45 Von der gesetzten Bahn der Alten abgewichen, Mit frecher Hurtigkeit gefüllte Bogen schmiert Und alle Messen fast ein totes Werk gebiert, Wird so verwegen schon, dass sie Gesetze stellet, Der Griechen Zärtlichkeit das Todesurteil fället, 50 Des Maro klugen Witz in Kinderklassen weist, Horazens Dichterbuch verrauchte Grillen heisst, Und alles, was sich nur nach alter Kraft beweget, Auf lüsterndem Papier mit Tinte niederschläget. Da nun das Wespenheer von Tag zu Tage wächst, 55 Und jeder Knabe schon nach Narrenwasser lechzt, Was Wunder ist es denn, wenn Ruhm und Ehre stirbet, Die Kunst zu Grabe geht, die Tugend gar verdirbet? ... So viel als Reimer sind, so viel und mancherlei Wirkt in der Poesie nun auch die Phantasei. 60 Ein halb mit Pickelscherz vermengtes Operettchen, Ein stinkender Roman vom rasenden Chrysettchen, Ein geiles Myrtenlied und ein nach dem Adon Des üppigen Marin erbauter Venusthron, Der der Geliebten Schoss bis auf den Grund entdecket 65 Und Büsch’ und Brunnen draus und Vogelnester hecket, Ein lügenvolles Lob, das uns ins Angesicht Den lastervollen Ruf der Toten widerspricht, Ein rohes Trauerspiel, in dem die Regeln fehlen, Und so viel Schnitzer fast als Silben sind zu zählen, 70 Ein Brief, den Adam schon der Eva zugesandt, Da beide dazumal doch keine Schrift gekannt, Ein kreissendes Sonett, das mit dem Tode ringet Und der Gedanken Rad so wie die Reime zwinget, Und ein nach Pöbelart gepriesner Buhlerblick 75 Ist oft bei dieser Zeit das grösste Meisterstück. So lang ich meinen Vers nach gleicher Art gewogen, Dem Bilde der Natur die Schminke vorgezogen, Der Reime dürren Leib mit Purpur ausgeschmückt Und abgeborgte Kraft den Wörtern angeflickt, 80 So war ich auch ein Mann von hohen Dichtergaben; Allein sobald ich nur der Spure nachgegraben, Auf der man zur Vernunft beschämt zurücke kreucht Und endlich nach und nach nur den Parnass erreicht, So ist es aus mit mir, so kommt von seinem Suschen 85 Ein mit Ebräerwitz gespicktes Philomuschen, Klaubt ihm ein Jugendwort in meinen Schriften aus Und untergräbt damit mein ganzes Ehrenhaus.

Was soll ich Ärmster thun? Soll ich noch einmal rasen Und durch mein Haberrohr zum Federsturme blasen? 90 Nein, nein, Lysander, nein! Ich will zurücke stehn Und der erlauchten Schar nur aus den Augen gehn, Sonst wirft der Schwindelgeist der klugen Weisianer Mich endlich auf die Bank der reimenden Quintaner Und jagt mich, ob ich gleich halb notenmässig bin, 95 Ins re, mi, fa, sol, la der Hübneristen hin, Die sich doch ohnedem an Odermusen reiben, Sudetenzungen nur zu Mamelucken schreiben Und alles, was durch Kunst der Pleisse nicht geschehn, Für Eigenliebe kaum mit halben Augen sehn. 100 Zwar weich’ ich darum nicht, als ob ich, wenn es brennte, Nicht auch ein Jammerlied im Tanze drechseln könnte, Und ob der Trippeltakt der leichten Reimerei In Dedekindens Schoss allein zu Hause sei. Mir ist ja wohl bekannt, wie man den Schädel seifen 105 Und solche Spötter kann mit Lauge wiedertäufen, Wie mancher ohne Bart in Phöbus’ Auen springt, Und wie ein kollernd Pferd sich auf den Pindus schwingt; Allein ich hab’ einmal die Thorheit aufgegeben. Es reime, wer da will; ich will in Friede leben. 110

[Notes: 1: Friedrich I, who died in 1713. 2: Den Toten, i.e. den alten (Schriftstellern) 3: Lüsterndem, ‘wanton,’ ‘lubricious.’ 4: Pickelscherz (Pickelhäringscherz), ‘clownish jokes.’ 5: The Italian poet Marino, known for his sensuality and affectation, was in high favor with the later Silesians. 6: Brief, in allusion to the sensual Heldenbriefe of Hofmannswaldau. 7: Philomuschen, ‘poetaster’ (lover of the Muses). 8: Weisianer, partisans of the dull and trivial schoolmaster-poet, Christian Weise. 9: Hübneristen, mechanical rimesters; Hübner was the author of a dictionary of rimes. 10: Odermusen; ‘muses of the Oder’ and ‘tongues of the Sudeti’ are both names for the later Silesian poets. 11: Kunst der Pleisse, Leipzig’s art. 12: Wenn es brennte = wenn es drauf ankäme. 13: Dedekindens; C. C. Dedekind was a facile but vacuous rimester.]

+LXI. JOHANN CHRISTIAN GÜNTHER+

A gifted lyric poet whose life was short and full of trouble (1695-1723). In an age of poetic artificiality and pretense his verse is generally simple, sincere, and passionate. His work is mainly a record of suffering, the note of joy being relatively infrequent. He is a forerunner of those modern poets of whom one may say with Goethe’s Tasso: Mir gab ein Gott zu sagen, wie ich leide. The text follows Fulda’s edition in Kürschner’s Nationalliteratur, Vol. 38.

+1+

+Studentenlied.+

Brüder, lasst uns lustig sein, Weil der Frühling währet Und der Jugend Sonnenschein Unser Laub verkläret; Grab und Bahre warten nicht; 5 Wer die Rosen jetzo bricht, Dem ist der Kranz bescheret.

Unsers Lebens schnelle Flucht Leidet keinen Zügel, Und des Schicksals Eifersucht 10 Macht ihr stetig Flügel; Zeit und Jahre fliehn davon, Und vielleichte schnitzt man schon An unsers Grabes Riegel.

Wo sind diese, sagt es mir, 15 Die vor wenig Jahren Eben also, gleich wie wir, Jung und fröhlich waren? Ihre Leiber deckt der Sand, Sie sind in ein ander Land 20 Aus dieser Welt gefahren.

Wer nach unsern Vätern forscht, Mag den Kirchhof fragen; Ihr Gebein, so längst vermorscht, Wird ihm Antwort sagen. 25 Kann uns doch der Himmel bald, Eh die Morgenglocke schallt, In unsre Gräber tragen.

Unterdessen seid vergnügt, Lasst den Himmel walten, 30 Trinkt, bis euch das Bier besiegt, Nach Manier der Alten. Fort! Mir wässert schon das Maul, Und, ihr andern, seid nicht faul, Die Mode zu erhalten. 35

Dieses Gläschen bring’ ich dir, Dass die Liebste lebe Und der Nachwelt bald von dir Einen Abriss gebe! Setzt ihr andern gleichfalls an, 40 Und wenn dieses ist gethan, So lebt der edle Rebe.

+2+

+An Leonoren.+

Als er sich mit ihr wieder zu versöhnen suchte.

Kluge Schönheit, nimm die Busse Eines armen Sünders an, Welcher dir mit einem Kusse Gestern Abends weh gethan, Und auf deinen Rosenwangen 5 Einen schönen Raub begangen.

Ich gesteh’ es, mein Verbrechen Ist der schärfsten Strafe wert, Und du magst ein Urteil sprechen, Wie dein Wille nur begehrt; 10 Dennoch würd’ ich zu den Füssen Deiner Gnade danken müssen.

Aber weil ihr Himmelskinder Eurem Vater ähnlich seid, Welcher auch die gröbsten Sünder 15 Seines Eifers oft befreit, Ach, so werden meine Zähren Deinen Zorn in Liebe kehren.

Gönne mir nur dieses Glücke, Bald mit dir versöhnt zu sein, 20 Bis nach manchem kalten Blicke Deiner Augen Sonnenschein Mir und meiner Hoffnung lache Und mich endlich kühner mache.

+3+

+Die verworfene Liebe.+

Ich habe genug! Lust, Flammen und Küsse Sind giftig und süsse Und machen nicht klug; Komm, selige Freiheit, und dämpfe den Brand, 5 Der meinem Gemüte die Weisheit entwandt.

Was hab’ ich gethan! Jetzt seh’ ich die Triebe Der thörichten Liebe Vernünftiger an; 10 Ich breche die Fessel, ich löse mein Herz Und hasse mit Vorsatz den zärtlichen Schmerz.

Was quält mich vor Reu’? Was stört mir vor Kummer Den nächtlichen Schlummer? 15 Die Zeit ist vorbei. O köstliches Kleinod, o teurer Verlust! O hätt’ ich die Falschheit nur eher gewusst!

Geh, Schönheit, und fleuch! Die artigsten Blicke 20 Sind schmerzliche Stricke. Ich merke den Streich, Es lodern die Briefe, der Ring bricht entzwei Und zeigt meiner Schönen: Nun leb’ ich recht frei.

Nun leb’ ich recht frei 25 Und schwöre von Herzen, Dass Küssen und Scherzen Ein Narrenspiel sei; Denn wer sich verliebet, der ist wohl nicht klug; Geh, falsche Sirene, ich habe genug! 30

+4+

+An Leonoren.+

Als er sie einer beständigen Liebe versicherte.

Treuer Sinn, Wirf den falschen Kummer hin. Lass den Zweifel der Gedanken Nicht mit meiner Liebe zanken, Da ich längst dein Opfer bin. 5

Glück und Zeit Hasset die Beständigkeit; Doch das Feuer, so ich fühle, Hat die Ewigkeit zum Ziele Und verblendet selbst den Neid. 10

Meine Glut Leidet keinen Wankelmut; Eher soll die Sonn’ erfrieren, Als die Falschheit mich verführen, Eher löscht mein eigen Blut. 15

Grab und Stein Adeln selbst mein Redlichsein. Bricht mir gleich der Tod das Herze, So behält die Liebeskerze In der Asche doch den Schein. 20

+5+

+An Leonoren.+

Gedenk an mich und meine Liebe, Du mit Gewalt entrissnes Kind, Und glaube, dass die reinen Triebe Dir jetzt und allzeit dienstbar sind, Und dass ich ewig auf der Erde 5 Sonst nichts als dich verehren werde.

Gedenk an mich in allem Leiden Und tröste dich mit meiner Treu! Die Luft mag jetzt empfindlich schneiden, Die Wetter gehn doch all vorbei, 10 Und nach dem ungeheuren Knallen Wird auch ein fruchtbar Regen fallen.

Gedenk an mich in deinem Glücke, Und wenn es dir nach Wunsche geht, So setze nie den Freund zurücke, 15 Der bloss um dich in Sorgen steht! Auch mir kann bei dem besten Leben Nichts mehr als du Entzückung geben.

Gedenk an mich in deinem Sterben; Der Himmel halte dies noch auf; 20 Doch sollen wir uns nicht erwerben, Und zürnt der Sterne böser Lauf, So soll mir auch das Sterbekissen Die Hinfahrt durch dein Bild versüssen.

Gedenk an mich und meine Thränen, 25 Die dir so oft das Herz gerührt Und die dich durch mein kräftig Sehnen Zum ersten auf die Bahn geführt, Wo Kuss und Liebe treuer Herzen Des Lebens Ungemach verschmerzen. 30

Gedenk auch, endlich an die Stunde, Die mir das Herz vor Wehmut brach, Als ich, wie du, mit schwachem Munde Die letzten Abschiedsworte sprach; Gedenk an mich und meine Plagen! 35 Mehr will und kann ich jetzt nicht sagen.

+6+

+An seine Leonore.+

Bist du denn noch Leonore, Der so manch verliebter Schwur (Sinne nach, bei welchem Thore!) Unter Kuss und Schmerz entfuhr, Ach, so nimm die stummen Lieder 5 Eben noch mit dieser Hand, Die mir ehmals Herz und Glieder Mit der stärksten Reizung band.

Durch dein sehnliches Entbehren Werd’ ich vor den Jahren grau, 10 Und der Zufluss meiner Zähren Mehrt schon lange Reif und Tau; Meine Schwachheit, mein Verbleichen Und die Brust, so stündlich lechzt, Wird des Kummers Siegeszeichen, 15 Der aus unsrer Trennung wächst.

Lust und Mut und Geist zum Dichten, Feuer, Jugend, Ruhm und Fleiss Suchen mit Gewalt zu flüchten Und verlieren ihren Preis, 20 Weil der Zunder deiner Küsse Meinen Trieb nicht mehr erweckt Und die Führung harter Schlüsse Ein betrübtes Ziel gesteckt.

Alle Bilder meiner Sinnen 25 Sind mir Ekel und Verdruss, Da sie nichts als Gram gewinnen, Weil ich dich noch suchen muss. Nichts ergetzt mich mehr auf Erden Als das Weinen in der Nacht, 30 Wenn es unter viel Beschwerden Dein Gedächtnis munter macht.

Jedes Blatt von deinen Händen Ist ein Blatt voll Klag’ und Weh, Und ich kann es niemals wenden, 35 Dass kein Stich ans Herze geh’; Die Versichrung leerer Zeilen Giebt den Leibern wenig Kraft, Welche Luft und Ort zerteilen. O bedrängte Leidenschaft! 40

+7+

+Die seufzende Geduld.+

Morgen wird es besser werden, Also seufzt mein schwacher Geist, Den die Menge der Beschwerden Über allen Abgrund reisst.

Aber ach, wenn bricht der Morgen 5 Und das Licht der Hoffnung an, Da ich die so langen Sorgen Nach und nach vergessen kann?

Sklaven auf den Ruderbänken Wechseln doch mit Müh’ und Ruh’, 10 Dies mein unaufhörlich Kränken Lässt mir keinen Schlummer zu.

Niemand klagt mein schweres Leiden, Dies vergrössert Last und Pein. Himmel, lass mich doch verscheiden, 15 Oder gieb mir Sonnenschein!

Will ich mich doch gerne fassen, Wenn mich nur der Trost erquickt, Dass dein ewiges Verlassen Mich nicht in die Grube schickt. 20

+LXII. BARTHOLD HEINRICH BROCKES+

A writer of rather mediocre gifts who is of some historical importance as the pioneer in a new poetry of nature (1680-1747). He was the first to blend reverent emotion with very minute observation and description. His thesis—as oft reiterated in his many-volumed Earthly Pleasure in God—is that we ought to love nature because it is the wonderful and perfect work of an infinitely wise and good Creator. The selections follow Kürschner’s Nationalliteratur, Vol. 39.

+1+

+Anmutige Frühlingsvorwürfe.+

Ich höre die Vögel, ich sehe die Wälder, Ich fühle das Spielen der kühlenden Luft, Ich rieche der Blüte balsamischen Duft, Ich schmecke die Früchte. Die fruchtbaren Felder, Die glänzenden Wiesen, das funkelnde Nass 5 Der tauichten Tropfen, das wallende Gras Voll lieblicher Blumen, das sanfte Gezische Der mancherlei lieblich beblätterten Büsche, Das murmelnde Rauschen der rieselnden Flut, Der zitternde Schimmer der silbernen Fläche 10 Durch grünende Felder sich schlängender Bäche, Der flammenden Sonne belebende Glut, Die alles verherrlichet, wärmet und schmücket, Dies alles ergetzet, erquicket, entzücket Ein Auge, das Gott in Geschöpfen ersieht, 15 Ein Ohr, das den Schöpfer verstehet und höret, Ein Herze, das Gott in den Wundern verehret, Kein viehisch, nur einzig ein menschlich Gemüt.

+2+

+Die Nachtigall und derselben Wettstreit gegen einander.+

Im Frühling rührte mir das Innerste der Seelen Der Büsche Königin, die holde Nachtigall, Die aus so enger Brust und mit so kleiner Kehlen Die grössten Wälder füllt durch ihren Wunderschall. Derselben Fertigkeit, die Kunst, der Fleiss, die Stärke, 5 Verändrung, Stimm’ und Ton sind lauter Wunderwerke Der wirkenden Natur, die solchen starken Klang In ein paar Federchen, die kaum zu sehen, senket Und einen das Gehör bezaubernden Gesang In solche dünne Haut und zarten Schnabel schränket. 10 Ihr Hälschen ist am Ton so unerschöpflich reich, Dass sie tief, hoch, gelind und stark auf einmal singet. Die kleine Gurgel lockt und zischt und pfeift zugleich, Dass sie wie Quellen rauscht, wie tausend Glocken klinget. Sie zwitschert, stimmt und schlägt mit solcher Anmut an, 15 Mit solchem nach der Kunst gekräuselten Geschwirre, Dass man darob erstaunt und nicht begreifen kann, Ob sie nicht seufzend lach’, ob sie nicht lachend girre. Ihr Stimmchen ziehet sich in einer hohlen Länge Von unten in die Höh’, fällt, steigt aufs neu empor, 20 Und schwebt nach Mass und Zeit; bald drängt sich eine Menge Verschiedner Tön’ aus ihr als wie ein Strom hervor. Sie dreht und dehnt den Ton, zerreisst und fügt ihn wieder, Singt sanft, singt ungestüm, bald klar, bald grob, bald hell. Kein Pfeil verfliegt so rasch, kein Blitz verstreicht so schnell, 25 Die Winde können nicht so streng im Stürmen wehen, Als ihre schmeichelnde verwunderliche Lieder Mit wirbelndem Geräusch sich ändern, sich verdrehen. Ein flötend Glucken quillt aus ihrer hohlen Brust, Ein murmelnd Pfeifen labt der stillen Hörer Herzen; 30 Doch dies verdoppelt noch und mehrt die frohe Lust, Wenn etwan ihrer zwo zugleich zusammen scherzen. Die singt, wenn jene ruft; wann diese lockt, singt jene Mit solch anmutigem bezaubernden Getöne, Dass diese wiederum aus Missgunst, als ergrimmt, 35 In einen andern Ton die schlanke Zunge stimmt. Die andre horcht indes und lauscht voll Unvergnügen, Ja fängt zu ihres Feinds und Gegensängers Hohn, Um durch noch künstlichern Gesang ihn zu besiegen, Von neuem wieder an in solchem scharfen Ton, 40 Mit solchem feurigen, empfindlich hellen Klang, Mit solch gewaltigem oft wiederholtem Schlagen, Dass so durchdringenden und heftigen Gesang Das menschliche Gehör kaum mächtig zu ertragen. Wer nun so süssen Ton im frohen Frühling hört 45 Und nicht des Schöpfers Macht voll Brunst und Andacht ehrt, Der Luft Beschaffenheit, das Wunder unsrer Ohren Bewundernd nicht bedenkt, ist nur umsonst geboren Und folglich nicht der Luft, nicht seiner Ohren wert.

+3+

+Frühlingsbetrachtungen.+

Mich erquicken, Mich entzücken In der holden Frühlingszeit Alle Dinge, die ich sehe, Da ja, wo ich geh’ und stehe, 5 Alles voller Lieblichkeit.

Durch der grünen Erde Pracht, Durch die Blumen, durch die Blüte Wird durchs Auge mein Gemüte Recht bezaubernd angelacht. 10

Die gelinden lauen Lüfte Voller balsamreicher Düfte Treibt des holden Zephyrs Spiel Zum Geruch und zum Gefühl.

Auf den glatten Wellen wallen 15 Wie auf glänzenden Krystallen Im beständig regen Licht Tausend Strahlen, tausend Blitze, Und ergetzen das Gesicht, Sonderlich wenn selbe zwischen 20 Noch nicht dick bewachs’nen Büschen Und durch junge Weiden glimmen. Kleine Lichter, welche schwimmen Auf dem Laub und auf der Flut Bald in weiss-, bald blauer Glut, 25 Treffen mit gefärbtem Scherz Durch die Augen unser Herz.

Seht die leichten Vögel fliegen, Höret, wie sie sich vergnügen, Seht, wie die beblümten Hecken 30 Ihr geflochtnes Nest verstecken! Schlüpfet dort nach seinem Neste Ein verliebt und emsigs Paar, Hüfpet hier durch Laub und Äste Eine bunt gefärbte Schar. 35 Seht, wie sie die Köpfchen drehn Und des Frühlings Pracht besehn, Hört, wie gurgeln sie so schön! Höret, wie sie musicieren!

Lass dich doch ihr Beispiel rühren, 40 Liebster Mensch, lass dem zu Ehren, Der die Welt so schön geschmückt Und durch sie dich fast entzückt, Auch ein frohes Danklied hören!

+LXIII. JOHANN CHRISTOPH GOTTSCHED+

A Leipzig scholar (1700-1766) who, as professor in the university, author of text-books, editor of journals, and reformer of the local stage, won a great though transitory prestige. He was a stedfast champion of clarity, regularity, and good taste, laid great stress on probability and reasonableness, and held that a strict observance of the three unities was essential in tragedy. His advocacy of French forms and taste led to a sharp controversy with the Swiss school of Bodmer, who looked rather to English models. Gottsched’s Cato met with great success on the stage, but now seems cold and mechanical. His critical views can best be studied in the Critische Dichtkunst, from which a selection is given according to the second edition, of 1737.

From the ‘Critical Poetics,’ Part II, Chapter 10.

§ 11. Wie eine gute tragische Fabel gemacht werden müsse, das ist schon im vierten Hauptstücke des ersten Theils einiger maassen gewiesen worden. Der Poet wählet sich einen moralischen Lehrsatz, den er seinen Zuschauern auf eine sinnliche Art einprägen will. Dazu ersinnt er sich eine allgemeine Fabel, daraus die Wahrheit eines Satzes erhellet. Hiernächst sucht er in der Historie solche berühmte Leute, denen etwas ähnliches begegnet ist: Und von diesen entlehnet er die Namen, für die Personen seiner Fabel, um derselben also ein Ansehen zu geben. Er erdenket sodann alle Umstände dazu, um die Hauptfabel recht wahrscheinlich zu machen, und das werden die Zwischenfabeln, oder Episodia genannt. Dieses theilt er dann in fünf Stücke ein, die ungefehr gleich gross sind, und ordnet sie so, dass natürlicher Weise das letztere aus dem vorhergehenden fliesset: Bekümmert sich aber weiter nicht, ob alles in der Historie so vorgegangen, oder ob alle Nebenpersonen wirklich so und nicht anders geheissen haben. Zum Exempel kann die oberwähnte Tragödie des Sophokles, oder auch mein Cato dienen. Der Poet wollte dort zeigen, dass Gott auch die Laster, so unwissend begangen werden, nicht ungestraft lasse. Hierzu ersinnt er nun eine allgemeine Fabel, die etwa so lautet:

§ 12. Es war einmal ein Prinz, wird es heissen, der sehr viel gute Eigenschaften an sich hatte, aber dabey verwegen, argwöhnisch und neugierig war. Dieser hatte einmal, vor dem Antritte seiner Regierung, auf freyem Felde einen Mord begangen; ohne zu wissen, dass er seinen eigenen Vater erschlagen hatte. Durch seinen Verstand bringet er sich in einem fremden Lande in solches Ansehen, dass er zum Könige gemacht wird, und die verwittibte Königinn heurathet, ohne zu wissen, dass selbige seine eigene Mutter ist. Aber dieses alles geht ihm nicht für genossen aus. Seine Laster kommen ans Licht, und es treffen ihn alle die Flüche, die er selbst auf den Mörder seines Vorfahren im Regimente ausgestossen hatte. Er wird des Reiches entzetzet, und ins Elend getrieben, nachdem er sich selbst aus Verzweifelung der Augen beraubet hatte. Zu dieser allgemeinen Fabel nun findet Sophokles in den alten thebanischen Geschichten den Oedipus geschickt. Er ist ein solcher Prinz, als die Fabel erfordert: Er hat unwissend einen Vatermord und eine Blutschande begangen. Er ist dadurch auf eine Zeitlang glücklich geworden: Allein die Strafe bleibt nicht aus; sondern er muss endlich alle die Wirkungen seiner unerhörten Laster empfinden.

§ 13. Diese Fabel ist nun geschickt, Schrecken und Mitleiden zu erwecken, und also die Gemüthsbewegungen der Zuschauer auf eine der Tugend gemässe Weise zu erregen. Man sieht auch, dass der Chor in dieser Tragödie dadurch bewogen wird, recht erbauliche Betrachtungen, über die Unbeständigkeit des Glückes der Grossen dieser Welt, und über die Schandbarkeit seiner Laster anzustellen, und zuletzt in dem Beschlusse die Thebaner so anzureden: Ihr Einwohner von Theben, sehet hier den Oedipus, der durch seine Weisheit Räthsel erklären konnte, und an Tapferkeit alles übertraf; ja der seine Hohheit sonst keinem, als seinem Verstande und Heldenmuthe zu danken hatte: Seht, in was für schreckliche Trübsalen er gerathen ist; und wenn ihr dieses unselige Ende desselben erweget, so lernt doch niemanden für glücklich halten, bis ihr ihn seine letzte Stunde glücklich habt erreichen gesehen.

§ 14. Eine solche Fabel nun zu erdichten, sie recht wahrscheinlich einzurichten, und wohl auszuführen, das ist das allerschwerste in einer Tragödie. Es hat viele Poeten gegeben, die in allem andern Zubehör des Trauerspiels, in den Charactern, in dem Ausdrucke, in den Affecten u.s.w. glücklich gewesen: Aber in der Fabel ist es sehr wenigen gelungen. Das macht, dass dieselbe eine dreyfache Einheit haben muss, wenn ich so reden darf: Die Einheit der Handlung, der Zeit, und des Ortes. Von allen dreyen müssen wir insonderheit handeln.

§ 15. Die ganze Fabel hat nur eine Hauptabsicht, nemlich einen moralischen Satz: Also muss sie auch nur eine Haupthandlung haben, um derentwegen alles übrige vorgehet. Die Nebenhandlungen aber, die zur Ausführung der Haupthandlung gehören, können gar wohl andre moralische Wahrheiten in sich schliessen: Wie zum Exempel in Oedipus die Erfüllung der Orakel, darüber Iocasta vorher gespottet hatte, die Lehre giebt: Dass die göttliche Allwissenheit nicht fehlen könne. Alle Stücke sind also tadelhaft und verwerflich, die aus zwoen Handlungen bestehen, davon keine die vornehmste ist. Ich habe dergleichen im Jahr 1717 am Reformationsfeste in einer Schulcomödie vorstellen gesehen, wo der Inhalt der Aeneis Virgilii, und die Reformation Lutheri zugleich vorgestellet wurde. In einem Auftritte war ein Trojaner, in dem andern der Ablasskrämer Tetzel zu sehen. Bald handelte Aeneas von der Stiftung des römischen Reichs, bald kam Lutherus und reinigte die Kirche. Bald war Dido, bald die babylonische Hure zu sehen u.s.w. Und diese beyde so verschiedene Handlungen hiengen nicht anders zusammen, als durch eine lustige Person, die zwischen solchen Vorstellungen auftrat, und z.E. den auf der See bestürmten Aeneas mit dem in Gefahr schwebenden Kirchenschifflein verglich. Das ist nun ein sehr handgreiflicher Fehler, wo zwey so verschiedene Dinge zugleich gespielet werden. Allein die andern, so etwas unmerklicher sind, verdienen deswegen keine Entschuldigung.

§ 16. Die Einheit der Zeit ist das andre, so in der Tragödie unentbehrlich ist. Die Fabel eines Heldengedichtes kann viele Monate dauren, wie oben gewiesen worden; das macht, sie wird nur gelesen: Aber die Fabel eines Schauspieles, die mit lebendigen Personen in etlichen Stunden lebendig vorgestellet wird, kann nur einen Umlauf der Sonnen, wie Aristoteles spricht, das ist einen Tag, dauren. Denn was hat es für eine Wahrscheinlichkeit, wenn man in dem ersten Auftritte den Helden in der Wiege, weiter hin als einen Knaben, hernach als einen Jüngling, Mann, Greis, und zuletzt gar im Sarge vorstellen wollte: Wie Cervantes solche thörichte Schauspiele an seinen spanischen Poeten im Don Quixote ausgelachet hat. Oder wie ist es wahrscheinlich, dass man es auf der Schaubühne etlichemal Abend werden sieht, und doch selbst, ohne zu essen oder zu trinken, oder zu schlafen, immer auf einer Stelle sitzen bleibt? Die besten Fabeln sind also diejenigen, die nicht mehr Zeit nöthig gehabt hätten, wirklich zu geschehen, als sie zur Vorstellung brauchen; das ist etwa drey oder vier Stunden: Und so sind die Fabeln der meisten griechischen Tragödien beschaffen. Kömmt es hoch, so bedörfen sie sechs, acht, oder zum höchsten zehn Stunden zu ihrem ganzen Verlaufe: Und höher muss es ein Poet nicht treiben; wenn er nicht wieder die Wahrscheinlichkeit handeln will.

§ 17. Es müssen aber diese Stunden bey Tage, und nicht bey Nacht seyn, weil diese zum Schlafen bestimmet ist: Es wäre denn dass die Handlung entweder in der Nacht vorgegangen wäre, oder erst nach Mittag anfienge, und sich bis in die späte Nacht verzöge; oder umgekehrt frühmorgens angienge, und bis zu Mittage daurete. Der berühmte Cid des Corneille läuft in diesem Stücke wieder die Regeln, denn er dauret eine ganze Nacht durch, nebst dem vorigen und folgenden Tage, and braucht wenigstens volle vier und zwanzig Stunden: Welches schon viel zu viel ist, und unerträglich seyn würde, wenn das Stück nicht sonst viel andre Schönheiten in sich hätte, die den Zuschauern fast nicht Zeit liessen, daran zu gedenken. Das ist nun eben die Kunst, die Fabel so ins kurze zu bringen, dass keine lange Zeit dazu gehöret; und eben deswegen sind auch bey uns Deutschen die Tragödien vom Wallenstein, von der Banise, ingleichen von der böhmischen Libussa ganz falsch und unrichtig: Weil sie zum Theil etliche Monate, zum Theil aber viele Jahre zu ihrer Dauer erfordern. Meine obrige Schultragödie hub sich von dem Urtheile des Paris über die drey Göttinnen an, und daurete bis auf des Aeneas Ankunft in Italien. Das war nun eine Zeit, davon die zwey Heldengedichte, Ilias und Aeneis, nicht den zwanzigsten Theil einnehmen, und ich zweifle, ob man die Ungereimtheit höher hätte treiben können.

§ 18. Zum dritten gehört zur Tragödie die Einigkeit des Ortes. Die Zuschauer bleiben auf einer Stelle sitzen: Folglich müssen auch die spielenden Personen alle auf einem Platze bleiben, den jene übersehen können, ohne ihren Ort zu ändern. So ist im Oedipus, z.E. der Schauplatz auf dem Vorhofe des königlichen thebanischen Schlosses, darinn Oedipus wohnt. Alles, was in der ganzen Tragödie vorgeht, das geschieht vor diesem Pallaste: Nichts was man wirklich sieht, trägt sich in den Zimmern zu, sondern draussen auf dem Schlossplatze, vor den Augen alles Volks. Heute zu Tage, da unsre Fürsten alles in ihren Zimmern verrichten, fällt es also schwerer, solche Fabeln wahrscheinlich zu machen. Daher nehmen denn die Poeten gemeiniglich alte Historien dazu, oder sie stellen uns auch einen grossen Audienzsaal vor, darinn vielerley Personen auftreten können. Ja sie helfen sich auch zuweilen mit dem Vorhange, den sie fallen lassen und aufziehen, wenn sie zwey Zimmer zu der Fabel nöthig haben. Man kann also leicht denken, wie ungereimt es ist, wenn, nach dem Berichte des Cervantes, die spanischen Trauerspiele den Helden in dem ersten Aufzuge in Europa, in dem andern in Africa, in dem dritten in Asien, und endlich gar in America vorstellen: Oder, wenn meine obgedachte Schulcomödie uns bald in Asien die Stadt Troja, bald die ungestüme See, darauf Aeneas schiffet, bald Carthago, bald Italien vorstellete, und uns also durch alle drey Theile der damals bekannten Welt, führete, ohne dass wir uns von der Stelle rühren dorften. Es ist also in einer regelmässigen Tragödie nicht erlaubt, den Schauplatz zu ändern. Wo man ist, da muss man bleiben; und daher auch nicht in dem ersten Aufzuge im Walde, in dem andern in der Stadt, in dem dritten im Kriege und in dem vierten in einem Garten, oder gar auf der See seyn; Das sind lauter Fehler wieder die Wahrscheinlichkeit: Eine Fabel aber, die nicht wahrscheinlich ist, taugt nichts, weil dieses ihre vornehmste Eigenschaft ist.

+LXIV. JOHANN JAKOB BODMER+

A Swiss scholar (1698-1783) who is important as the first notable champion of English literature, and also as the pioneer editor of medieval poetry. In 1721 he began, with a group of Zürich friends, the publication of Discourse der Mahlern, a literary magazine for which the English Spectator served as a model. A defense of Milton, published in 1740, brought on the controversy with Gottsched. In the course of his long life Bodmer wrote vast quantities of didactic verse, also epics and tragedies, which are now forgotten, his theory of poetry having been better than his practice. His fragmentary and uncritical editions of Wolfram’s Parzival, the Nibelung Lay, and the Minnesingers (1753-59) are the earliest attempts to arouse interest in the forgotten poetry of the despised Middle Ages. The selection is from the Discourse der Mahlern, following Bächtold and Vetter’s reprint in Bibliothek älterer Schriftwerke der deutschen Schweiz, Zürich, 1887.

From ‘Discourses of the Painters,’ Part I, No. 19; Importance of the Imagination.

Eine Imagination, die sich wol cultiviert hat, ist eines von den Haupt-Stücken, durch welche sich der gute Poet von dem gemeinen Sänger unterscheidet, massen die reiche und abändernde Dichtung, die ihr Leben und Wesen eintzig von der Imagination hat, die Poesie von der Prosa hauptsächlich unterscheidet. Dass Opitz den Rang vor Menantes pretendieren kan, geben ihm das Recht diese schönen und abwechselnde Bildnissen, die er gemachet hat, und in welchen er die Natur mit denen Farben und in der Gestalt gemahlet hat, die ihr eigen sind. Ich bediene mich mit Fleisse dieser Metaphora, die ich von den Mahlern entlehne, denn die erste und eintzige Regel, welche ein jedweder Schreiber und Redner, es seye in gebundener oder ungebundener Rede, nachzufolgen hat, und welche ihm mit den Mahlern gemein ist, die ist diese, dass er das Natürliche nachspüre und copiere; alle diese andere Regeln, dass er anmuthig, delicat, hoch schreibe, sind in dieser eingeschlossen und fliessen daraus ab. Wenn er von einer jeden Sache dasjenige saget, was ein curieuser Sinn davon wahrnimmt, wenn er nichts davon verfliegen lässt, das sie dienet von andern Sachen zuunterscheiden, und wenn er mit solchen angemessenen Worten davon redet, welche mir eben dieselben Ideen davon erwecken, so sage ich dass er natürlich schreibe; wenn er denn von einer anmuthigen Sache natürlich schreibet, so kan ich sagen, dass sein Stylus anmuthig ist; schreibet er von einer Delicatesse natürlich, so wird der Stylus delicat, und er wird hoch, wenn er von einer Sache natürlich redet, welche die Menschen bewundern und gross nennen. Weil nun Opitz natürlicher, und welches nichts anders saget, annehmlicher, delicater und höcher ist, als Menantes, so heisst er mir auch ein besserer Poet als Menantes. Dass aber Opitz natürlicher dichtet als der andere, ist dieses die Ursache, weil er die Imagination mehr poliert und bereichert hat als dieser; Opitz hat, nemlich, nicht allein mehr Sachen durch die eigene Erfahrung und die Lesung in seine Imagination zusammengetragen, sondern er hat noch an denjenigen Sachen, die ihm aufgestossen, und die Hunolden vielleicht auch in die Sinnen gefallen, mehrere Seiten und Differenzien wahrgenommen, er hat sie von einer Situation angeschauet, von welcher sie ihm besser in die Imagination gefallen sind, und er hat sich länger darüber aufgehalten, indem er sie mit einer sorgfältigern Curiosität betrachtet und durchgesuchet hat. Also hat er erstlich eine nähere und vollkommnere Kenntniss der Objecten erworben, und hernach hat er eben darum auch gewissere und vollkommnere Beschreibungen machen können, in welchen die wahre Proportion und Eigenschafften der Sachen bemercket, und derselben Seiten ohne Ermangeln abgezehlet worden.

Ihr erkennet aus diesem die Nothwendigkeit, und was es contribuiert natürlich schreiben zu lernen, dass ein Schüler der Natur sich wisse über den aufstossenden Objecten zufixieren, und sie in einer solchen Postur anzuschauen, in welcher ihm kein Theil und keine Seiten derselben kan verborgen bleiben; er muss so nahe zu derselben tretten, und die Augen so wol offen behalten, dass ihm weder die allzuweite Entfernung sie kleiner machet, noch die Nähe mit einem Nebel überziehet. Wenn ich jetz ferner untersuche, warum Opitz die Imagination freyer und ungebundener bewahret, und die Distractionen ausgewichen habe, welche Hunolden die Menge der Objecten und andere Umstände erwecket haben, so finde ich keine andere Ursache, als weil Opitz von diesen belebten Seelen gewesen, welche weit zärtlichern und hitzigern Affecten unterworffen sind, und viel geschwinder Feuer, oder dass ich ohne Metaphora rede, Liebe für ein Objectum fangen, als andere unachtsame und dumme Leute; denn es ist im übrigen gewiss, dass wir uns um eine Sache, für die wir passioniert sind, weit mehr interessieren, und weit mehr Curiositet und Fleiss haben, sie anzuschauen, folglich auch die Imagination damit mehr anfüllen, als wir bey einem Objecte thun, für das wir indifferent sind. Ein Amant wird von der Schönheit seiner Buhlschäfft eine ähnlichere und natürlichere Beschreibung machen, als ein jedweder andrer, dem sie nicht so starck an das Hertze gewachsen ist. Ihr werdet einen Affect allezeit natürlicher ausdrücken, den ihr in dem Hertzen fühlet, als den ihr nur simulieret. Die Leidenschafft wird euch im ersten Fall alle Figuren der Rhetoric auf die Zunge legen, ohne dass ihr sie studieret. Zertheilet und erleset die Harangue einer Frauen, die ihre Magd von Hertzen ausschiltet, ihr werdet es also finden. Wenn auf diese Weise die Imagination von der Passion begleitet wird, alsdann ist sie im Stande sich ohne Distraction über ein Objecte aufzuhalten, und sich die Natur, Gestalt und Grösse desselben bekandt zumachen; und dieses ist die Manier, die sie brauchet, sich auszuschmücken und zu bereichern.

Erst ein solcher Schreiber der, wie unser Opitz, die Imagination mit Bildern der Sachen bereichert und angefüllet hat, kan lebhaft und natürlich dichten. Er kan die Objecte, die er einmal gesehen hat, so offt er will, wieder aus der Imagination holen, sie wird ihn gleichsam auf die Stelle zurück führen, wo er dieselben antreffen kan. Er seye in sein Cabinet eingeschlossen, und werde von keinen andern Gegenständen umgeben, als von einem Hauffen Bücher, so wird sie ihm eine hitzige Schlacht, eine Belägerung, einen Sturm, einen Schiffbruch, etc. in derselben Ordnung wieder vormahlen, in welcher sie ihm vormahls vor dem Gesicht gestanden sind. Dieselbe wird alle die Affecte, die ihn schon besessen haben, in ihm wieder rege machen, und ihn davon erhitzen, nicht anderst als wenn er sie wirklich in der Brust fühlte. Es seye, dass er in dem Schatten einer ausgespannten Eiche sitzet, von allen Neigungen der Liebe, des Mitleidens, der Traurigkeit, des Zorns, frey und unbeweget, so bringet ihm doch die Stärke seiner Imagination alle die Ideen wieder zurück, die er gehabt hat, als er wircklich verliebt, mitleidend, betrübt, erzörnt gewesen, sie setzet ihn in einen eben so hitzigen Stande, als er damahlen gestanden ware, und ruffet ihm dieselbe Expressionen wieder zurück, welcher er sich zur selben Zeit bedienet. Will er eine Dame glauben machen, dass sie schön seye, und dass er sie liebe; will er einen Todten beweinen, der ihn vielleichte nichts angehet; will er einen erdichteten Zorn ausstossen, so weiss er die Stellungen und die Worte derer Leuten, die in der That mit diesen Passionen angefüllet sind, lebendig nachzumachen.

Diese vornehme Poeten, die ich niemals müde werde zuloben, lassen das Hertze reden, man kan sagen, dass Amor ihnen ihre Verse in die Feder geflösset hat, wenn sie von der Liebe, und Mars wenn sie von dem Kriege singen. Sie zwingen uns die Affecte anzunehmen, welche sie wollen, wir lachen, wir werden stoltz, wir förchten uns, wir erschrecken, wir betrüben uns, wir weinen, wenn es ihnen gefällt; aber auch die traurigen Affecte, die sie in uns rege machen, werden von einem gewissen Ergetzen begleitet, das damit vermenget ist.

Ich belache diese fantastische Schüler der Reim-Kunst, welche sich eine Chimerische Maitresse bey einem frostigen Hertzen, und einer noch kälteren Imagination machen, welche von Brand und Feuer mit den kältesten Expressionen reden, in der Metaphora sterben, sich hencken, sich zu tode stürtzen, derer passioniertste Complimente, die sie ihrer Liebsten machen, Spiele der Wörtern, und der truckenen Imagination sind, Phebus, Galimathias, etc.

Es bleibet mir übrig, euch mit wenigen Worten zuerklären, was es eigentlich seye, das die Poeten figürlich ihren Enthusiasmum, ihre Inspiration, oder auch ihre Poetische Raserey nennen. Diese Worte bedeuten nichts anders, als die hefftige Passion, mit welcher ein Poet für die Materie seines Gedichtes eingenommen ist, oder die gute Imagination, durch welche er sich selbst ermuntern, und sich eine Sache wieder vorstellen, oder einen Affect annehmen kan, welchen er will. Wenn er also erhitzet ist, so wachsen ihm, so zusagen, die Worte auf der Zungen, er beschreibet nichts als was er siehet, er redet nichts als was er empfindet, er wird von der Passion fortgetrieben, nicht anderst als ein Rasender, der ausser sich selbst ist, und folgen muss, wohin ihn seine Raserey führet.

[Notes: 1: Menantes, pseudonym of Christian Friedrich Hunold (1680-1721).]

+LXV. ALBRECHT HALLER+

A Swiss writer (1708-1777) who in his youth won fame as a poet, afterwards much greater fame as a man of science. In 1732, after he had taken his degree in medicine at Leyden, and had visited England and France, he published a small collection of poems entitled Versuch Schweizerischer Gedichten. They are characterized by moral fervor, trenchant thought, and sententious pregnancy of expression—a new combination up to that time. Haller is at his best in The Alps, which, notwithstanding its abundant description, is not so much a landscape poem as a philosophic eulogy of the simple life. The text below follows Bibliothek älterer Schriftwerke der deutschen Schweiz, III. 20.

From ‘The Alps’: Stanzas 1-14.

Versuchts, ihr Sterbliche, macht euren Zustand besser, Braucht, was die Kunst erfand und die Natur euch gab; Belebt die Blumen-Flur mit steigendem Gewässer, Theilt nach Korinths Gesetz gehaune Felsen ab; Umhängt die Marmor-Wand mit persischen Tapeten, 5 Speist Tunkins Nest aus Gold, trinkt Perlen aus Smaragd, Schlaft ein beim Saitenspiel, erwachet bei Trompeten, Räumt Klippen aus der Bahn, schliesst Länder ein zur Jagd; Wird schon, was ihr gewünscht, das Schicksal unterschreiben Ihr werdet arm im Glück, im Reichthum elend bleiben! 10

Wann Gold und Ehre sich zu Clios Dienst verbinden, Keimt doch kein Funken Freud in dem verstörten Sinn. Der Dinge Werth ist das, was wir davon empfinden; Vor seiner theuren Last flieht er zum Tode hin. Was hat ein Fürst bevor, das einem Schäfer fehlet? 15 Der Zepter eckelt ihm, wie dem sein Hirten-Stab. Weh ihm, wann ihn der Geiz, wann ihn die Ehrsucht quälet, Die Schaar, die um ihn wacht, hält den Verdruss nicht ab. Wann aber seinen Sinn gesetzte Stille wieget, Entschläft der minder sanft, der nicht auf Eidern lieget? 20

Beglückte güldne Zeit, Geschenk der ersten Güte, O, dass der Himmel dich so zeitig weggerückt! Nicht, weil die junge Welt in stätem Frühling blühte, Und nie ein scharfer Nord die Blumen abgepflückt; Nicht, weil freiwillig Korn die falben Felder deckte 25 Und Honig mit der Milch in dicken Strömen lief; Nicht, weil kein kühner Löw die schwachen Hürden schreckte, Und ein verirrtes Lamm bei Wolfen sicher schlief; Nein, weil der Mensch zum Glück den Überfluss nicht zählte, Ihm Nothdurft Reichtum war und Gold zum Sorgen fehlte! 30

Ihr Schüler der Natur, ihr kennt noch güldne Zeiten! Nicht zwar ein Dichterreich voll fabelhafter Pracht; Wer misst den äussern Glanz scheinbarer Eitelkeiten, Wann Tugend Müh zur Lust und Armuth glücklich macht? Das Schicksal hat euch hier kein Tempe zugesprochen, 35 Die Wolken, die ihr trinkt, sind schwer von Reif und Strahl; Der lange Winter kürzt des Frühlings späte Wochen, Und ein verewigt Eis umringt das kühle Thal; Doch eurer Sitten Werth hat alles das verbessert, Der Elemente Neid hat euer Glück vergrössert. 40

Wohl dir, vergnügtes Volk! o danke dem Geschicke, Das dir der Laster Quell, den Überfluss, versagt; Dem, den sein Stand vergnügt, dient Armuth selbst zum Glücke, Da Pracht und Üppigkeit der Länder Stütze nagt. Als Rom die Siege noch bei seinen Schlachten zählte, 45 War Brei der Helden Speis und Holz der Götter Haus; Als aber ihm das Maass von seinem Reichthum fehlte, Trat bald der schwächste Feind den feigen Stolz in Graus. Du aber hüte dich, was grössers zu begehren; So lang die Einfalt daurt, wird auch der Wohlstand währen. 50

Zwar die Natur bedeckt dein hartes Land mit Steinen, Allein dein Pflug geht durch, und deine Saat errinnt; Sie warf die Alpen auf, dich von der Welt zu zäunen, Weil sich die Menschen selbst die grössten Plagen sind. Dein Trank ist reine Flut und Milch die reichsten Speisen, 55 Doch Lust und Hunger legt auch Eicheln Würze zu; Der Berge tiefer Schacht giebt dir nur schwirrend Eisen, Wie sehr wünscht Peru nicht, so arm zu sein als du. Dann, wo die Freiheit herrscht, wird alle Mühe minder, Die Felsen selbst beblümt und Boreas gelinder. 60

Glückseliger Verlust von schadenvollen Gütern! Der Reichthum hat kein Gut, das eurer Armuth gleicht; Die Eintracht wohnt bei euch in friedlichen Gemüthern, Weil kein beglänzter Wahn euch Zweitrachtsäpfel reicht; Die Freude wird hier nicht mit banger Furcht begleitet, 65 Weil man das Leben liebt und doch den Tod nicht hasst; Hier herrschet die Vernunft, von der Natur geleitet, Die, was ihr nöthig, sucht und mehrers hält für Last. Was Epictet gethan und Seneca geschrieben, Sieht man hier ungelehrt und ungezwungen lieben. 70

Hier herrscht kein Unterschied, den schlauer Stolz erfunden, Der Tugend unterthan und Laster edel macht; Kein müssiger Verdruss verlängert hier die Stunden, Die Arbeit füllt den Tag und Ruh besetzt die Nacht; Hier lässt kein hoher Geist sich von der Ehrsucht blenden, 75 Des morgens Sonne frisst des heutes Freude nie. Die Freiheit theilt dem Volk, aus milden Mutter-Händen, Mit immer gleichem Maass Vergnügen, Ruh und Müh; Kein unzufriedner Sinn zankt sich mit seinem Glücke, Man isst, man schläft, man liebt und danket dem Geschicke 80

Zwar die Gelehrtheit feilscht hier nicht papierne Schätze, Man misst die Strassen nicht zu Rom und zu Athen, Man bindet die Vernunft an keine Schulgesetze, Und niemand lehrt die Sonn in ihren Kreisen gehn. O Witz! des Weisen Tand, wann hast du ihn vergnüget? 85 Er kennt den Bau der Welt und stirbt sich unbekannt; Die Wollust wird bei ihm vergällt und nicht besieget, Sein künstlicher Geschmack beeckelt seinen Stand; Und hier hat die Natur die Lehre, recht zu leben, Dem Menschen in das Herz und nicht ins Hirn gegeben. 90

Hier macht kein wechselnd Glück die Zeiten unterschieden, Die Thränen folgen nicht auf kurze Freudigkeit; Das Leben rinnt dahin, in ungestörtem Frieden, Heut ist wie gestern war und morgen wird wie heut. Kein ungewohnter Fall bezeichnet hier die Tage, 95 Kein Unstern malt sie schwarz, kein schwülstig Glücke roth. Der Jahre Lust und Müh ruhn stets auf gleicher Waage, Des Lebens Staffeln sind nichts als Geburt und Tod. Nur hat die Fröhlichkeit bisweilen wenig Stunden Dem unverdrossnen Volk nicht ohne Müh entwunden. 100

Wann durch die schwüle Luft gedämpfte Winde streichen, Und ein begeistert Blut in jungen Adern glüht, So sammlet sich ein Dorf im Schatten breiter Eichen, Wo Kunst und Anmuth sich um Lieb und Lob bemüht. Hier ringt ein kühnes Paar, vermählt den Ernst dem Spiele 105 Umwindet Leib um Leib und schlinget Huft um Huft. Dort fliegt ein schwerer Stein nach dem gesteckten Ziele, Von starker Hand beseelt, durch die zertrennte Luft. Den aber führt die Lust, was edlers zu beginnen, Zu einer muntern Schaar von jungen Schäferinnen. 110

Dort eilt ein schnelles Blei in das entfernte Weisse, Das blitzt und Luft und Ziel im gleichen Jetzt durchbohrt; Hier rollt ein runder Ball in dem bestimmten Gleisse Nach dem erwählten Zweck mit langen Sätzen fort. Dort tanzt ein bunter Ring mit umgeschlungnen Händen 115 In dem zertretnen Gras bei einer Dorf-Schallmei, Und lehrt sie nicht die Kunst, sich nach dem Tacte wenden, So legt die Fröhlichkeit doch ihnen Flügel bei. Das graue Alter dort sitzt hin in langen Reihen, Sich an der Kinder Lust noch einmal zu erfreuen. 120

Denn hier, wo die Natur allein Gesetze giebet, Umschliesst kein harter Zwang der Liebe holdes Reich. Was liebenswürdig ist, wird ohne Scheu geliebet, Verdienst macht alles werth und Liebe macht es gleich. Die Anmuth wird hier auch in Armen schön gefunden, 125 Man wiegt die Gunst hier nicht für schwere Kisten hin, Die Ehrsucht theilet nie, was Werth und Huld verbunden, Die Staatssucht macht sich nicht zur Unglücks-Kupplerin: Die Liebe brennt hier frei und scheut kein Donnerwetter, Man liebet für sich selbst und nicht für seine Väter. 130

So bald ein junger Hirt die sanfte Glut empfunden, Die leicht ein schmachtend Aug in muntern Geistern schürt, So wird des Schäfers Mund von keiner Furcht gebunden, Ein ungeheuchelt Wort bekennet, was ihn rührt; Sie hört ihn und, verdient sein Brand ihr Herz zum Lohne, 135 So sagt sie, was sie fühlt, und thut, wornach sie strebt; Dann zarte Regung dient den Schönen nicht zum Hohne, Die aus der Anmuth fliesst und durch die Tugend lebt. Verzüge falscher Zucht, der wahren Keuschheit Affen, Der Hochmuth hat euch nur zu unsser Qual geschaffen! 140

[Notes: 1: Tunkins Nest, the edible birds’-nests of Tonkin, as a type of imported luxury. 2: Scheinbarer = glänzender. 3: Errinnt = geht auf. 4: Schwirrend = klirrend, ‘clanking,’ or possibly with reference to the ‘whizzing’ of iron missiles.]

+LXVI. EWALD VON KLEIST+

A Prussian soldier-poet (1715-1759) who fell at the battle of Kunersdorf. His temperament and the circumstances of his early life disposed him to melancholy; so that he readily came under the spell of Haller, Thomson, and the other poets who extolled nature and the simple life as a refuge from the badness of civilization. His best known production is the fragment called Spring (1749), in which fine passages of personal feeling are interwoven with detailed descriptions that are sometimes a little tedious. The text follows Muncker’s edition in Kürschner’s Nationalliteratur, Vol. 45.

+1+

+Das Landleben.+

O Freund, wie selig ist der Mann zu preisen, Dem kein Getümmel, dem kein schwirrend Eisen, Kein Schiff, das Beute, Mast und Bahn verlieret, Den Schlaf entführet!

Der nicht die Ruhe darf in Berge senken, 5 Der fern von Purpur, fern von Wechselbänken, In eignen Schatten, durch den West gekühlet, Sein Leben fühlet.

Er lacht der Schlösser, von Geschütz bewachet, Verhöhnt den Kummer, der an Höfen lachet, 10 Verhöhnt des Geizes in verschlossnen Mauren Törichtes Trauren.

Sobald Aurora, wenn der Himmel grauet, Dem Meer entsteigend, lieblich abwärts schauet, Flieht er sein Lager, ohn’ verzärtelt Schmücken, 15 Mit gleichen Blicken.

Er lobt den Schöpfer, hört ihm Lerchen singen, Die durch die Lüfte sich dem Aug entschwingen, Hört ihm vom Zephyr, lispelnd auf den Höhen, Ein Loblied wehen. 20

Er schaut auf Rosen Tau wie Demant blitzen; Schaut über Wolken von der Berge Spitzen, Wie schön die Ebne, die sich blau verlieret, Flora gezieret.

Bald zeigt sich fliehend auf des Meeres Rücken 25 Ein Schiff von weitem den nachfliehnden Blicken, Das sie erst lange gleichsam an sich bindet Und dann verschwindet.

Bald sieht er abwärts, voller Glanz und Prangen, Noch einen Himmel in den Fluten hangen, 30 Noch eine Sonne Amphitritens Grenzen Grundaus durchglänzen.

Er geht in Wälder, wo an Schilf und Sträuchen Im krummen Ufer Silberbäche schleichen, Wo Blüten duften, wo der Nachtigallen 35 Lustlieder schallen.

Jetzt propft er Bäume, leitet Wassergräben, Schaut Bienen schwärmen, führt an Wänden Reben; Jetzt tränkt er Pflanzen, zieht von Rosenstöcken Schattende Hecken. 40

Eilt dann zur Hütten, (da kein Laster thronet, Die Ruh’ und Wollust unsichtbar bewohnet,) Weil seine Doris, die nur Liebreiz schminket, Ihm freundlich winket.

Kein Knecht der Krankheit mischt für ihn Gerichte; 45 Unschuld und Freude würzt ihm Milch und Früchte. Kein bang Gewissen zeigt ihm Schwert und Strafe Im süssen Schlafe.

Freund, lass uns Golddurst, Stolz und Schlösser hassen, Und Kleinigkeiten Fürsten überlassen! 50 Mein Lange ruft uns, komm zum Sitz der Freuden In seine Weiden!