An anthology of German literature · Calvin Thomas
Chapter 2
Chapter 29 of 52 · 7 min read
From the fifth act of ‘Horribilicribrifax’: Terrific encounter of the two braggart captains Daradiridatumtarides and Horribilicribrifax.
HORRIB. Und wenn du mir biss in den Himmel entwichest und schon auf dem lincken Fuss des grossen Bären sässest, so wolte ich dich doch mit dem rechten Spornleder erwischen und mit zweien Fingern in den Berg Ætna werfen.
DARADIR. Gardez-vous, follâtreau! Meinest du, dass ich vor dir gewichen? Und wenn du des grossen Carols Bruder, der grosse Roland selbst, und mehr Thaten verrichtet hättest als Scanderbek, ja in die Haut von Tamerlanes gekrochen werest, soltest du mir doch keine Furcht einjagen.
HORRIB. Ich? Ich will dir keine Furcht einjagen, sondern dich in zwei und siebentzigmal hundert tausend Stücke zersplittern, dass du in einer See von deinem eigenen Blut ersticken sollest. Io ho vinto l’inferno e tutti i diavoli.
DARADIR. Ich will mehr Stücker von dir hauen, als Sternen itzund an dem Himmel stehen, und wil dich also tractiren, dass das Blut von dir fliessen sol, biss die oberste Spitze des Kirchthurms darinnen versunken.
HORRIB. Per non lasciar piu altre passar questa superba arroganza, wil ich die ganze Belägerung von Troja mit dir spielen.
DARADIR. Und ich die Zerstörung von Constantinopel.
HORRIB. Io spiro morte e furore, doch lasse ich dir noch so viel Zeit: befihle deine Seele Gott und bete ein Vaterunser!
DARADIR. Sprich einen englischen Gruss und hiermit stirb.
HORRIB. Du wirst zum wenigsten die reputation in deinem Tode haben, dass du von dessen unüberwindlichen Faust gestorben, der den König in Schweden niedergeschossen.
DARADIR. Tröste dich mit dem, dass du durch dessen Hand hingerichtet wirst, der dem Tilly und Pappenheim den Rest gegeben.
HORRIB. So hab ich mein Schwerd ausgezogen in der Schlacht vor Lützen.
DARADIR. Morbleu, me voila en colère! Mort de ma vie! je suis fâché par ma foi. So hab ich zur Wehre gegriffen in dem Treffen vor Nördlingen.
HORRIB. Eine solche Positur machte ich in der letzten Niederlage vor Leipzig.
DARADIR. So lief ich in den Wallgraben, als man Glogau hat einbekommen.
HORRIB. Ha! ha! ist er nicht questo capitano, mit dem ich Kugeln wechselte bei der Gula?
DARADIR. O! Ist er nicht derjenige Signeur, mit dem ich Brüderschaft machte zu Schlichtigheim?
HORRIB. Ha! mon signeur, mon frère!
DARADIR. Ha! Fratello mio illustrissimo!
HORRIB. Behüte Gott, welch ein Unglück hätte bald geschehen sollen!
DARADIR. Welch ein Blutvergiessen, massacre et strage, wenn wir einander nicht erkennet hätten!
HORRIB. Magnifici et cortesi heroi können leicht unwissend zusammen gerathen.
DARADIR. Les beaux esprits lernen einander durch dergleichen rencontre erkennen.
[Dionysius tritt auf.]
DIONYS. Welche Bärenhäuter rasen hier für unsern Thüren? Wisset ihr Holunken nicht, dass man des Herren Statthalters Pallast anders zu respectiren pfleget? Trollet euch von hier, oder ich lege euch beiden einen frischen Prügel um die Ohren!
HORRIB. Io rimango petrificato dalla meraviglia. Sol Capitain Horribilicribrifax diss leiden?
DARADIR. Sol Capitain von Donnerkeil sich also despectiren lassen?
HORRIB. Io mi levo il pugnale dal lato, der Herr Bruder leide es nicht!
DARADIR. Me voila, der Herr Bruder greiffe zu der Wehre, ich folge.
HORRIB. Comminciate di gratia. Ich lasse dem Herren Bruder die Ehre des ersten Angriffs.
DARADIR. Mein Herr Bruder, ich verdiene die Ehre nicht, et gehe voran. C’est trop discourir. Commencez.
HORRIB. Ei, der Herr Bruder fahre fort, er lasse sich nicht auffhalten. La necessità vuole.
DIONYS. Heran, ihr Ertzberenhäuter, ich will euch die Haut sonder Seiffen und Balsam einschmieren.
HORRIB. Ha! Patrone mio, questa supercheria è molta ingiusta.
DARADIR. O monsieur, bey dem Element, er sihet mich vor einen Unrechten an.
HORRIB. Ei, signore mio gratioso, ich bin Signor Horribilicribrifax. 75
DIONYS. (Nimmt beiden die Degen und schlägt sie darmit um die Köpfe.) Auffschneider, Lügner, Bärenhäuter, Bengel, Baurenschinder, Erznarren, Cujonen!
DARADIR. Ei, ei, monsieur, basta questo pour istesso, es ist genung, der Kopf blutet mir. 80
HORRIB. Ei, ei, signor, ich wuste nicht, dass der Statthalter hier wohnete.
DIONYS. Packet euch, oder ich will euch also zurichten, dass man euch mit Mistwagen sol von dem Platze führen.
[Notes: 9: Gardez-vous(-en), follâtreau (from folâtre) ‘take care, nincompoop.’ 10: Io ho ... diavoli, ‘I have vanquished hell and all the devils.’ 11: Per ... arroganza, ‘to prevent this arrogant conceit from going further.’ 12: Io ... furore, ‘I breathe death and fury.’ 13: Sprich ... Gruss, ‘pray an Angelus’ (angel’s greeting, Luke i, 28), i.e. ‘attend to your devotions.’ 14: Morbleu ... foi, ‘Zounds! Behold me in a rage! Death and destruction! Faith, but I am angry.’ 15: Questo capitano, ‘that captain.’ 16: Mon ... frère, ‘my dear sir, my brother.’ 17: Fratello ... illustrissimo, ‘most renowned brother.’ 18: Massacre et strage, ‘slaughter and carnage.’ 19: Magnifici ... heroi, ‘magnificent and gentlemanly heroes.’ 20: Les beaux esprits, ‘fine spirits.’ 21: Rencontre, ‘meeting(s).’ 22: Dionysius is the servant of the governor, Cleander, before whose palace the captains have been brawling. 23: Io ... meraviglia, ‘I am petrified with amazement.’ 24: Io ... lato, ‘I take my sword from my side.’ 25: Me voila, ‘here I am.’ 26: Comminciate di gratia, ‘begin, please.’ 27: C’est ... commencez, ‘there’s too much talking; begin!’ 28: La ... vuole, ‘necessity commands.’ 29: Patrone ... ingiusta, ‘my good sir, this violence is very unjust.’ 30: Signore ... gratioso, ‘my gracious sir.’ 31: Cujonen, ‘scallywags.’ 32: Basta ... istesso, ‘enough of that.’]
+LIV. SIMON DACH+
1605-1659. Dach was a Königsberg schoolmaster who won considerable repute as a writer of religious and occasional verse. He is the earliest Prussian poet of any importance. The second selection shows what he thought of Opitz. His Anke van Tharau, though a wedding-song written by request (like many of Dach’s productions), is so fresh and hearty that Herder gave it a place among his folksongs. The text follows Oesterley’s edition in Kürschner’s Nationalliteratur, Vol. 30.
+1+
+Abendlied.+
Der Tag hat auch sein Ende, Die Nacht ist wieder hier; Drum heb ich Herz und Hände, O Vater, auff zu dir Und dancke deiner Treu, 5 Die mich gantz überschüttet, Und für der Tiranney Der Höllen mich behütet.
Dein Wort hat auch daneben Mein kranckes Herz geheilt, 10 Mir reichlich Trost und Leben In aller Noth ertheilt. Für solche Liebesthat Was soll ich dir erzeigen? Was Erd und Himmel hat, 15 Das ist vorhin dein eigen.
Mein Herz sey dir geschencket, Das richt, o Gott, dir zu, Dass, was es nur gedencket, Sey nichts, als einig du. 20 Entzeuch es dieser Welt, Dass es aus diesen Tränen In deiner Freuden Feld Sich mög ohn Ablass sehnen.
Und da ich heut verübet, 25 Was gegen dein Geboth Und deinen Geist betrübet, Das sey vertilgt und todt Durch Christi theures Blut, Das mildiglich geflossen, 30 Als er es, mir zu guth, Aus Liebe hat vergossen.
Und weil ich jetzt sol schlafen, So lass mich sicher seyn Durch deiner Aufsicht Waffen, 35 Schleuss deiner Huth mich ein! Des Teufels Mord und List, Der bösen Menschen Tücke Und was sonst schädlich ist, Treib, Herr, von mir zurücke! 40
Lass mich kein böses Ende Betreten allermeist, Denn ich in deine Hände Befehle meinen Geist. Ich bin zu aller Zeit 45 Dein Eigenthum und Erbe, Es sey lieb oder leid, Ich leb, Herr, oder sterbe.
+2+
+Opitz in Königsberg.+
Ist es unsrer Seiten Werck’ Je einmahl so wol gelungen, Dass wir dir, o Königsbergk, Etwas Gutes vorgesungen, So vernimm auch diess dabey, 5 Wer desselben Stiffter sey.
Dieser Mann, durch welchen dir Jetzt die Ehre wiederfähret, Dass der Deutschen Preiss und Zier Sämptlich bey dir eingekehret, 10 Opitz, den die gantze Welt Für der Deutschen Wunder hält.
Ach, der Aussbund und Begriff Aller hohen Kunst und Gaben, Die der Alten Weissheit tieff 15 Ihrem Ertz hat eingegraben, Und der lieben Vorfahrt Handt Uns so treulich zugesandt!
Man erschricket, wenn er nun Seiner tieff-erforschten Sachen 20 Abgrund anhebt auffzuthun, Und sein Geist beginnt zu wachen; Wer alsdan ihn los sieht gehn, Der sieht Welschlandt und Athen.
Orpheus giebt schon besser Kauff, 25 Hört er dieses Mannes Seiten, Unser Maro horchet auff, Sagt: Was sol mir das bedeuten? Wird der Weisen Lieder-Ruhm Nun der Deutschen Eigenthum? 30
Ja, Herr Opitz, eurer Kunst Mages Deutschland einig dancken, Dass der fremden Sprachen Gunst Mercklich schon beginnt zu wancken, Und man nunmehr ins gemein 35 Lieber deutsch begehrt zu sein.
Wer hat eurer süssen Handt Diesen Nachdruck mitgegeben, Dass das gantze Norden-Landt, Wenn ihr schlagt, sich muss erheben, 40 Und so mancher edler Geist Euch zu folgen sich befleist?
Last den stoltzen Thracer-Fluss Nicht so trotzig sich ergiessen, Und den edlen Mincius 45 Was bescheidentlicher fliessen: Eures Bobers kleine Fluth Nimmt doch allen nun den Muth.
Wol euch, Herr! Was für ein Lohn Hat sich hie mit eingedinget, 50 Dass von hie ab euer Ton Bis in jenes Leben dringet, Dessen Nachklangk aller Zeit Und Vergängnüss sich befreyt?
Hie kunt’ eure Jugend zwar 55 Schon den Lorbeer-Krantz erjagen, Aber dort wird euer Haar Erst der Ehren Krohne tragen, Die euch David gern gesteht, Weil ihr seinen Fusspfad geht. 60
Doch wird auch des Pregels Randt, Weil er ist, von euch nicht schweigen; Was von uns hie wird bekant, Was wir singen oder geigen, Unser Nahme, Lust und Ruh’ 65 Stehet euch, Herr Opitz, zu.
[Notes: 1: The full title runs: Gesang bey des edlen und hochberühmten Herren Martin Opitzen u.s.w. hocherfreulichen Gegenwart zu Königsberg in Preussen 1638. 29 Heumonat gesungen. 2: Vorfahrt = Vorfahren. 3: Giebt .... Kauff = wird billiger.]
+3+
+Anke van Tharau.+
Anke van Tharau öss, de my geföllt, Se öss mihn Lewen, mihn Goet on mihn Gölt.
Anke van Tharau heft wedder eer Hart Op my geröchtet ön Löw’ on ön Schmart.
Anke van Tharau, mihn Rihkdom, mihn Goet, 5 Du mihne Seele, mihn Fleesch on mihn Bloet.
Quöm’ allet Wedder glihk ön ons tho schlahn, Wy syn gesönnt by een anger tho stahn.
Kranckheit, Verfälgung, Bedröfnös on Pihn Sal unsrer Löwe Vernöttinge syn. 10
Recht as een Palmen-Bohm äver söck stöcht, Je mehr en Hagel on Regen anföcht,
So wardt de Löw’ ön ons mächtig on groht, Dörch Kryhtz, dörch Lyden, dörch allerley Noht.
Wördest du glihk een mahl van my getrennt, 15 Leewdest dar, wor ön dee Sönne kuhm kennt,
Eck wöll dy fälgen dörch Wöler, durch Mär, Dörch Yhss, dörch Ihsen, dörch fihndlöcket Hähr.
Anke van Tharau, mihn Licht, mihne Sönn, Mihn Lewen schluht öck ön dihnet henönn. 20
Wat öck geböde, wart van dy gedahn, Wat öck verböde, dat lätstu my stahn.
Wat heft de Löwe däch ver een Bestand, Wor nicht een Hart öss, een Mund, eene Hand,
Wor öm söck hartaget, kabbelt on schleyht 25 On glihk den Hungen on Katten begeyht?
Anke van Tharau, dat war wy nich dohn, Du böst mihn Dyhfken, mihn Schahpken, mihn Hohn.
Wat öck begehre, begehrest du ohck, Eck laht den Rock dy, du lätst my de Brohk. 30
Dit öss dat, Anke, du söteste Ruh, Een Lihf on Seele wart uht öck on du.
Dit mahckt dat Lewen tom hämmlischen Rihk, Dörch Zancken wart et der Hellen gelihk.



