An anthology of German literature · Calvin Thomas

Chapter 1

Chapter 32 of 52 · 9 min read

From the ‘Messiah’: First Song, lines 1-137.

Sing, unsterbliche Seele, der sündigen Menschen Erlösung, Die der Messias auf Erden in seiner Menschheit vollendet, Und durch die er Adams Geschlecht zu der Liebe der Gottheit, Leidend, getötet, und verherrlichet, wieder erhöht hat. Also geschah des Ewigen Wille. Vergebens erhub sich 5 Satan gegen den göttlichen Sohn; umsonst stand Juda Gegen ihn auf; er tat’s und vollbrachte die grosse Versöhnung. Aber, o Tat, die allein der Allbarmherzige kennet, Darf aus dunkler Ferne sich auch dir nahn die Dichtkunst? Weihe sie, Geist Schöpfer, vor dem ich hier still anbete, 10 Führe sie mir, als deine Nachahmerin, voller Entzückung, Voll unsterblicher Kraft, in verklärter Schönheit entgegen. Rüste mit deinem Feuer sie, du, der die Tiefen der Gottheit Schaut, und den Menschen aus Staube gemacht zum Tempel sich heiligt! Rein sei das Herz! So darf ich, obwohl mit der bebenden Stimme 15 Eines Sterblichen, doch den Gottversöhner besingen, Und die furchtbare Bahn, mit verziehnem Straucheln, durchlaufen.

Menschen, wenn ihr die Hoheit kennt, die ihr damals empfinget, Da der Schöpfer der Welt Versöhner wurde, so höret Meinen Gesang, und ihr vor allen, ihr wenigen Edlen, 20 Teure, herzliche Freunde des liebenswürdigen Mittlers, Ihr mit dem kommenden Weltgerichte vertrauliche Seelen, Hört mich, und singt den ewigen Sohn durch ein göttliches Leben. Nah an der heiligen Stadt, die sich jetzt durch Blindheit entweihte, Und die Krone der hohen Erwählung unwissend hinwegwarf, 25 Sonst die Stadt der Herrlichkeit Gottes, der heiligen Väter Pflegerin, jetzt ein Altar des Bluts vergossen von Mördern; Hier war’s, wo der Messias von einem Volke sich losriss, Das zwar jetzt ihn verehrte, doch nicht mit jener Empfindung, Die untadelhaft bleibt vor dem schauenden Auge der Gottheit. 30 Jesus verbarg sich diesen Entweihten. Zwar lagen hier Palmen Vom begleitenden Volk; zwar klang dort ihr lautes Hosanna; Aber umsonst. Sie kannten ihn nicht, den König sie nennten, Und den Gesegneten Gottes zu sehn, war ihr Auge zu dunkel. Gott kam selbst von dem Himmel herab. Die gewaltige Stimme: 35 Sieh, ich hab’ ihn verklärt, und will ihn von neuem verklären! War die Verkündigerin der gegenwärtigen Gottheit. Aber sie waren, Gott zu verstehn, zu niedrige Sünder. Unterdes nahte sich Jesus dem Vater, der wegen des Volkes, Dem die Stimme geschah, mit Zorn zu dem Himmel hinaufstieg. 40 Denn noch einmal wollte der Sohn des Bundes Entschliessung, Seine Menschen zu retten, dem Vater feierlich kund tun. Gegen die östliche Seite Jerusalems liegt ein Gebirge, Welches auf seinem Gipfel schon oft den göttlichen Mittler, Wie in das Heilige Gottes, verbarg, wenn er einsame Nächte 45 Unter des Vaters Anschaun ernst in Gebeten durchwachte. Jesus ging nach diesem Gebirg. Der fromme Johannes, Er nur folgt’ ihm dahin bis an die Gräber der Seher, Wie sein göttlicher Freund, die Nacht in Gebete zu bleiben. Und der Mittler erhub sich von dort zu dem Gipfel des Berges. 50 Da umgab von dem hohen Moria ihn Schimmer der Opfer, Die den ewigen Vater noch jetzt in Bilde versöhnten. Ringsum nahmen ihn Palmen in’s Kühle. Gelindere Lüfte, Gleich dem Säuseln der Gegenwart Gottes, umflossen sein Antlitz Und der Seraph, der Jesus zum Dienst auf der Erde gesandt war, 55 Gabriel, nennen die Himmlischen ihn, stand feirend am Eingang Zwoer umdufteter Cedern, und dachte dem Heile der Menschen, Und dem Triumphe der Ewigkeit nach, als jetzt der Erlöser Seinem Vater entgegen vor ihm in Stillem vorbeiging. Gabriel wusste, dass nun die Zeit der Erlösung herankam. 60 Diese Betrachtung entzückt’ ihn, er sprach mit leiserer Stimme: Willst du die Nacht, o Göttlicher, hier in Gebete durchwachen? Oder verlangt dein ermüdeter Leib nach seiner Erquickung? Soll ich zu deinem unsterblichen Haupt ein Lager bereiten? Siehe, schon streckt der Sprössling der Ceder den grünenden Arm aus, 65 Und die weiche Staude des Balsams. Am Grabe der Seher Wächst dort unten ruhiges Moos in der kühlenden Erde. Soll ich davon, o Göttlicher, dir ein Lager bereiten? Ach, wie bist du, Erlöser, ermüdet! Wie viel erträgst du Hier auf der Erd’, aus inniger Liebe zu Adams Geschlechte! 70 Gabriel sagt’s. Der Mittler belohnt ihn mit segnenden Blicken, Steht voll Ernst auf der Höhe des Bergs am näheren Himmel. Dort war Gott. Dort betet’ er. Unter ihm tönte die Erde, Und ein wandelndes Jauchzen durchdrang die Pforten des Abgrunds, Als sie von ihm tief unten die mächtige Stimme vernahmen. 75 Denn sie war es nicht mehr des Fluches Stimme, die Stimme Angekündet in Sturm, und in donnerndem Wetter gesprochen, Welche die Erde vernahm. Sie hörte des Segnenden Rede, Der mit unsterblicher Schöne sie einst zu verneuen beschlossen. Ringsum lagen die Hügel in lieblicher Abenddämmerung, 80 Gleich als blühten sie wieder, nach Edens Bilde geschaffen. Jesus redete. Er, und der Vater durchschauten den Inhalt Gränzlos: diess nur vermag des Menschen Stimme zu sagen: Göttlicher Vater, die Tage des Heils, und des ewigen Bundes Nahen sich mir, die Tage zu grösseren Werken erkoren, 85 Als die Schöpfung, die du mit deinem Sohne vollbrachtest. Sie verklären sich mir so schön und herrlich, als damals, Da wir der Zeiten Reih’ durchschauten, die Tage der Zukunft, Durch mein göttliches Schaun, bezeichnet, und glänzender sahen. Dir nur ist es bekannt, mit was vor Einmut wir damals, 90 Du, mein Vater, und ich und der Geist die Erlösung beschlossen. In der Stille der Ewigkeit, einsam und ohne Geschöpfe, Waren wir bei einander. Voll unsrer göttlichen Liebe, Sahen wir auf die Menschen, die noch nicht waren, herunter. Edens selige Kinder, ach unsre Geschöpfe, wie elend 95 Waren sie, sonst unsterblich, nun Staub und entstellt von der Sünde! Vater, ich sah ihr Elend, du meine Tränen. Da sprachst du: Lasset der Gottheit Bild in dem Menschen von neuem uns schaffen! Also beschlossen wir unser Geheimnis, das Blut der Versöhnung, Und die Schöpfung der Menschen verneut zu dem ewigen Bilde! 100 Hier erkor ich mich selbst, die göttliche Tat zu vollenden. Ewiger Vater, das weisst du, das wissen die Himmel, wie innig Mich seit diesem Entschluss nach meiner Erniedrung verlangte! Erde, wie oft warst du, in deiner niedrigen Ferne, Mein erwähltes, geliebteres Augenmerk! Und o Kanan, 105 Heiliges Land, wie oft hing unverwendet mein Auge An dem Hügel, den ich von des Bundes Blute schon voll sah! Und wie bebt mir mein Herz von süssen, wallenden Freuden, Dass ich so lange schon Mensch bin, dass schon so viele Gerechte Sich mir sammeln, und nun bald alle Geschlechte der Menschen 110 Mir sich heiligen werden! Hier lieg’ ich, göttlicher Vater, Noch nach deinem Bilde geschmückt mit den Zügen der Menschheit, Betend vor dir: bald aber, ach bald wird dein tötend Gericht mich Blutig entstellen, und unter den Staub der Toten begraben. Schon, o Richter der Welt, schon hör’ ich fern dich, und einsam 115 Kommen und unerbittlich in deinen Himmeln dahergehn. Schon durchdringt mich ein Schauer dem ganzen Geistergeschlechte Unempfindbar, und wenn du sie auch mit dem Zorne der Gottheit Tötetest, unempfindbar! Ich seh’ den nächtlichen Garten Schon vor mir liegen, sinke vor dir in niedrigen Staub hin, 120 Lieg’, und bet’, und winde mich, Vater, in Todesschweisse. Siehe, da bin ich, mein Vater. Ich will des Allmächtigen Zürnen, Deine Gerichte will ich mit tiefem Gehorsam ertragen. Du bist ewig! Kein endlicher Geist hat das Zürnen der Gottheit, Keiner je, den Unendlichen tötend mit ewigem Tode, 125 Ganz gedacht, und keiner empfunden. Gott nur vermochte Gott zu versöhnen. Erhebe dich, Richter der Welt! Hier bin ich! Töte mich, nimm mein ewiges Opfer zu deiner Versöhnung. Noch bin ich frei, noch kann ich dich bitten; so tut sich der Himmel Mit Myriaden von Seraphim auf, und führet mich jauchzend, 130 Vater, zurück in Triumph zu deinem erhabenen Trone! Aber ich will leiden, was keine Seraphim fassen, Was kein denkender Cherub in tiefen Betrachtungen einsieht; Ich will leiden, den furchtbarsten Tod ich Ewiger leiden. Weiter sagt’ er, und sprach: Ich hebe gen Himmel mein Haupt auf, 135 Meine Hand in die Wolken, und schwöre bei dir und mir selber, Der ich Gott bin, wie du: Ich will die Menschen erlösen.

[Notes: 1: Lines 24 ff. Klopstock here follows John xii, making Jesus ‘hide himself’ from the palm-strewing people before entering the city gate. 2: Säuseln; the ‘still small voice’ of I Kings xix, 12. 3: Wandelndes = fortwandelndes, ‘continuing.’ 4: Abgrunds; the ‘pit’ of hell, where the imprisoned fathers are waiting to be released.]

+2+

+Wingolf: The eighth song.+

Komm, goldne Zeit, die selten zu Sterblichen Heruntersteiget, lass dich erflehn, und komm Zu uns, wo dir es schon im Haine Weht, und herab von dem Quell schon tönet!

Gedankenvoller, tief in Entzückungen Verloren, schwebt bei dir die Natur. Sie hat’s Getan! hat Seelen, die sich fühlen, Fliegen den Geniusflug, gebildet.

Natur, dich hört’ ich im Unermesslichen Herwandeln, wie, mit Sphärengesangeston, Argo, von Dichtern nur vernommen, Strahlend im Meere der Lüfte wandelt.

Aus allen goldnen Zeiten begleiten dich, Natur, die Dichter! Dichter des Altertums! Der späten Nachwelt Dichter! Segnend Sehn sie ihr heilig Geschlecht hervorgehn.

[Notes: 5: The entire ode, dating from 1747 and consisting of eight ‘songs’ in Alcaic meter, was at first entitled An des Dichters Freunde. Wingolf, as it was finally called, is the Norse Gimle, the abode of the blest after Ragnarok. The seven preceding songs extol the various friends who, united in a new Bardenhain, are to usher in a new Golden Age.]

+3+

+An Fanny.+

Wenn einst ich tot bin, wenn mein Gebein zu Staub Ist eingesunken, wenn du, mein Auge, nun Lang über meines Lebens Schicksal, Brechend im Tode nun ausgeweint hast,

Und stillanbetend da, wo die Zukunft ist, 5 Nicht mehr hinaufblickst, wenn mein ersungner Ruhm, Die Frucht von meiner Jünglingsträne, Und von der Liebe zu dir, Messias,

Nun auch verweht ist, oder von wenigen In jene Welt hinüber gerettet ward; 10 Wenn du alsdann auch, meine Fanny, Lange schon tot bist, und deines Auges

Stillheitres Lächeln, und sein beseelter Blick Auch ist verloschen, wenn du, vom Volke nicht Bemerket, deines ganzen Lebens 15 Edlere Taten nunmehr getan hast,

Des Nachruhms werter als ein unsterblich Lied, Ach, wenn du dann auch einen beglückteren Als mich geliebt hast, lass den Stolz mir, Einen beglückteren, doch nicht edleren! 20

Dann wird ein Tag sein, den werd’ ich auferstehn! Dann wird ein Tag sein, den wirst du auferstehn! Dann trennt kein Schicksal mehr die Seelen, Die du einander, Natur, bestimmtest.

Dann wägt, die Wagschal’ in der gehobnen Hand, 25 Gott Glück und Tugend gegen einander gleich; Was in der Dinge Lauf jetzt missklingt, Tönet in ewigen Harmonien!

Wenn dann du dastehst jugendlich auferweckt, Dann eil’ ich zu dir! säume nicht, bis mich erst 30 Ein Seraph bei der Rechten fasse, Und mich, Unsterbliche, zu dir führe.

Dann soll dein Bruder, innig von mir umarmt, Zu dir auch eilen! dann will ich tränenvoll, Voll froher Tränen jenes Lebens 35 Neben dir stehn, dich mit Namen nennen,

Und dich umarmen! Dann, o Unsterblichkeit, Gehörst du ganz uns! Kommt, die das Lied nicht singt, Kommt unaussprechlich süsse Freuden! So unaussprechlich, als jetzt mein Schmerz ist. 40

Rinn, unterdes, o Leben! Sie kommt gewiss, Die Stunde, die uns nach der Zypresse ruft. Ihr andern, seid der schwermutsvollen Liebe geweiht, und umwölkt und dunkel!

[Notes: 6: The ode dates from 1748. Fanny Schmidt was a young woman whose indifference to Klopstock’s devotion threw him back on the hope of a union in heaven. 7: Jünglingsträne; tears of high poetic aspiration. 8: Beglückteren, ‘more blest’ with this world’s goods.]

+4+

+Hermann und Thusnelda.+

Ha, dort kömmt er mit Schweiss, mit Römerblute, Mit dem Staube der Schlacht bedeckt! So schön war Hermann niemals! So hat’s ihm Nie von dem Auge geflammt!

Komm, ich bebe vor Lust! reich mir den Adler 5 Und das triefende Schwert! Komm, atm’, und ruh’ hier Aus in meiner Umarmung, Von der zu schrecklichen Schlacht!

Ruh’ hier, dass ich den Schweiss der Stirn abtrockne, Und der Wange das Blut! Wie glüht die Wange! 10 Hermann! Hermann! So hat dich Niemals Thusnelda geliebt!

Selbst nicht, da du zuerst im Eichenschatten Mit dem bräunlichen Arm mich wilder fasstest! Fliehend blieb ich, und sah dir 15 Schon die Unsterblichkeit an,

Die nun dein ist! Erzählt’s in allen Hainen, Dass Augustus nun bang mit seinen Göttern Nektar trinket! Dass Hermann, Hermann unsterblicher ist! 20

“Warum lockst du mein Haar? Liegt nicht der stumme Tote Vater vor uns? O hätt’ Augustus Seine Heere geführt, er Läge noch blutiger da.”

Lass dein sinkendes Haar mich, Hermann, heben, 25 Dass es über dem Kranz in Locken drohe! Siegmar ist bei den Göttern! Folg’ du, und wein’ ihm nicht nach!

[Notes: 9: Thusnelda greets her husband on his return from the victory over the Roman legions under Quinctilius Varus in the Teutoburg Wood.]

+LXXI. CHRISTOPH MARTIN WIELAND+

1733-1813. Wieland’s great service is to have set forth the cultural problems and tendencies of the Age of Reason in an attractive literary form. His most important imaginative works are prose tales and narrative poems having a Greek, a medieval, or an Oriental setting, but dealing in reality with living issues of his own day. His Agathon (1766-1794) marks the beginning of the German Bildungsroman. He had much in common with the Gallic genius and was widely read in French translations—the first German to attain that distinction. During the last quarter of the 18th century he was the most popular and influential of German writers.