An anthology of German literature · Calvin Thomas
Chapter 1
Chapter 33 of 52 · 2 min read
From ‘Musarion,’ lines 1385-1446; The happy estate of the converted Phanias.
Der schönste Tag folgt dieser schönen Nacht. 1385 Mit jedem folgenden find’t jedes sich beglückter, Indem es sich im andern glücklich macht. Durch überstandne Not geschickter Zum weiseren Gebrauch, zum reizendern Genuss Des Glücks, das, sich mit ihm so unverhofft versöhnte, 1390 Gleich fern von Dürftigkeit und stolzem Überfluss; Glückselig, weil er’s war, nicht weil die Welt es wähnte, Bringt Phanias in neidenswerter Ruh Ein unbeneidet Leben zu, In Freuden, die der unverfälschte Stempel 1395 Der Unschuld und Natur zu echten Freuden prägt. Der bürgerliche Sturm, der stets Athen bewegt, Trifft seine Hütte nicht—den Tempel Der Grazien, seitdem Musarion sie ziert. Bescheidne Gunst, durch ihren Witz geleitet, 1400 Gibt der Natur, so weit sein Landgut sich verbreitet, Den stillen Reiz, der ohne Schimmer rührt. Ein Garten, den mit Zephyrn und mit Floren Pomona sich zum Aufenthalt erkoren; Ein Hain, worin sich Amor gern verliert, 1405 Wo ernstes Denken oft mit leichtem Scherz sich gattet; Ein kleiner Bach, von Ulmen überschattet, An dem der Mittagsschlaf uns ungesucht beschleicht;— Im Garten eine Sommerlaube, Wo, zu der Freundin Kuss, der Saft der Purpurtraube, 1410 Den Thasos schickt, ihm wahrer Nektar deucht; Ein Nachbar, der Horazens Nachbarn gleicht, Gesundes Blut, ein unbewölkt Gehirne, Ein ruhig Herz und eine heitre Stirne— Wie vieles macht ihn reich!—denkt noch Musarion 1415 Hinzu, und sagt, was kann zum frohen Leben Der Götter Gunst ihm mehr und Bessers geben? Die Weisheit nur, den ganzen Wert davon Zu fühlen, immer ihn zu fühlen, Und, seines Glückes froh, kein andres zu erzielen; 1420 Auch diese gab sie ihm. Sein Mentor war Kein Cyniker mit ungekämmtem Haar, Kein runzlichter Cleanth, der, wenn die Flasche blinkt, Wie Zeno spricht und wie Silenus trinkt; Die Liebe war’s—wer lehrt so gut wie sie? 1425 Auch lernt’ er gern, und schnell, und sonder Müh, Die reizende Philosophie, Die, was Natur und Schicksal uns gewährt, Vergnügt geniesst, und gern den Rest entbehrt; Die Dinge dieser Welt gern von der schönen Seite 1430 Betrachtet; dem Geschick sich unterwürfig macht; Nicht wissen will, was alles das bedeute, Was Zeus aus Huld in rätselhafte Nacht Vor uns verbarg, und auf die guten Leute Der Unterwelt, so sehr sie Toren sind, 1435 Nie böse wird, nur lächerlich sie find’t Und sich dazu—sie drum nicht minder liebet; Den irrenden bedaurt, und nur den Gleisner flieht; Nicht stets von Tugend spricht, noch, von ihr sprechend, glüht, Doch ohne Sold und aus Geschmack sie übet; 1440 Und, glücklich oder nicht, die Welt Für kein Elysium, für keine Hölle hält, Nie so verderbt, als sie der Sittenrichter Von seinem Tron—im sechsten Stockwerk—sieht, So lustig nie als jugendliche Dichter 1445 Sie malen, wenn ihr Hirn von Wein und Phyllis glüht.
[Notes: 1: Phanias is at first a crabbed misanthrope. The lovely Musarion takes him in hand and teaches him her art of love as a philosophy of the Graces. 2: The Stoic Cleanthes is one of the characters of the poem.]



