An anthology of German literature · Calvin Thomas
Chapter 3
Chapter 49 of 52 · 16 min read
From Maler Müller’s ‘Golo and Genevieve,’ Act 3, Scene 4.
GOLO (hervor). Wie unruhig die Nacht! Hat mich der schönste Stern hervorgezischt? Oder war sie es selbst, die jetzt ebenso liebeunruhig im Grünen irret wie ein angeschossen Reh, meiner heissen Sehnsucht zu begegnen? Wie entglommen mein Herz! O Mathilde, du sagtest mir nicht alles; ich bin wohl glücklicher als ich es selbst gewusst.
Ach, süsses Glück der Liebe, Wer dich nicht kost, Des Lebens Freude kennt er nicht, Des Lebens besten Schatz.
Still! Was hör’ ich droben am Fenster? Sie selbst, o Himmel! (Zieht sich in die Grotte.)
GENOVEVA (oben auf dem Altan). Die du alles bedeckst, Nacht, bedecke auch meinen Gram, süsse, liebe, heitere Nacht! Ich bin schon wieder froh. Was trauere ich denn auch? Was hat mein Herz verbrochen? (Singt.)
Viel lieber wollt’ nicht leben Als mich dem Gram ergeben; Der Gram das Leben frisst.
Was nur der Waldbruder meinte? Sollte es möglich sein, grosser Gott, möglich? Golo ein Verräter an mir, an Siegfried, der ihn so brüderlich liebt? Und warum sollt’ er’s sein? Worin? (Singt.)
Aufs sichere Nest kein Vogel geht, Auch Sturm es manchmal rüttelt; Kein Baum im freien Walde weht, Den Winters Gewalt nicht schüttelt. Was auf der Erde lebt und steht; Wechselt immer Schmerz und Wonne; Der Winter wohl nach Sommer geht, Nach Regen lacht die Sonne.
Also packt euch, ihr Grillen, wohin ihr wollt; ich mag nicht länger mit euch zu schaffen haben. Wie angenehm der falbe Mondglanz zwischen den Bäumen dort unten! Ich will auch hinunter, mich noch ein Weilchen erlaben, jetzt, da ich allein bin. Das will ich. (Ab.)
GOLO. Kommt sie herunter? Sie fliegt herunter meinen Armen zu. O Stunde, Stunde, bist du da? Ich hör’, ich hör’ sie schon; da ist sie, da bin ich, wie über Wolken zu dir auf, himmlisches, seliges Wesen!
GENOVEVA. Wer hält mich? Wer ist da? Himmel! Bin ich nicht allein?
GOLO. Ach, kannst du noch fragen? Ich bin’s, Genoveva, ich, der schon so lange anbetet, nach dir lechzt wie der Hirsch nach frischem Trank, nach dir! Genoveva, Genoveva, du, selig machst du mich jetzt, selig! (Er kniet vor ihr und hält sie.)
GENOVEVA. Edler Ritter, lasst ab, ich bitt’ Euch; haltet ein, Ihr irrt.
GOLO. O Leben! Nimm mir das Leben! Teure, ich liebe Euch, liebe Euch.
GENOVEVA. Ihr liebt mich, Ritter? Wie? Ihr? Was sagt Ihr?
GOLO
Ach hier, wo sich mein Herz verlor, In süssen Jugendtagen, Ihr Stauden, hänget noch betrübt Von meinen schweren Klagen! O schau’ hinauf ins Sternenchor, Sie werden’s all dir sagen, Wie treu und rein der Ritter liebt, Der dir so ist ergeben. So rein ihr Schein, Steht hoffnungsfroh nach dir allein Mein Streben und mein Leben.
Erlös’ mich, schönstes Herz, eine arme Seele ans Flammen zu dir! Erbarme dich!
GENOVEVA (zitternd). Was wollt Ihr? Golo, Golo, was sprecht Ihr? Gedenkt doch—O nein, nein, es darf ja nicht—Schweigt doch, der Himmel hört uns beide. Schaut um Euch, junger Ritter; in der Welt werdet Ihr noch eine schöne Gemahlin finden, die Euch trösten darf; sprecht nicht so zu mir; ich vermag’s ja nicht.
GOLO. O bei den Lichtern, die dort oben brennen, keine unter dem Himmel und auf Erden als du allein! Eh soll sich dies Herz so in Glut verzehren! Du allein, süsses, seliges Wesen, dein Abdruck, rein bis in den Tod.
GENOVEVA. O lasst mich, lasst mich, lasst mich doch, Ritter! Kann Euch nicht länger anhören. O Himmel!
GOLO. Flieh nicht, Genovevchen, reissest mir die Seele mit weg. Ermorde mich, Grausame; gib mir den Tod; sage, du wollest mich nicht trösten; dein Zorn macht mich zur Leiche.
GENOVEVA. Golo! Ritter, bedenkt doch ums Himmels willen!
GOLO. Es ist vorbei, ich kann nicht. (Küsst ihre Hand.)
GENOVEVA. Halt!
GOLO. Engel, süsser Engel!
GENOVEVA. Falscher, was treibt Ihr? Unsinniger!
GOLO. Umsonst! Umsonst! (Umfasst sie und trägt sie der Höhle zu.)
GENOVEVA. Ungeheuer! Nicht edler Ritter! —Ihr droben, erbarmt euch mein! Hilfe! Hilfe!
(Dragones der Grotte zu.)
DRAGONES. Was gibt’s hier? Steht! Wer ist’s? —Eure Stimme, Gräfin? Ehrenräuber! Wer du auch bist, halt! Halt!
GOLO (lässt Genoveven los, schlägt den Mantel vor.) Hölle! O alles! Da, nimm’s, ungebetener Hund!
DRAGONES. Weh mir! Bin verwundet! Hilfe! O Hilfe!
GOLO. Was soll ich nun? Genoveva! Was fang’ ich nun an? Verflucht! Dort kommen mehr Leute. Ich muss flüchten, bin verraten, verloren. Weh! Weh!
[Notes: 3: Friedrich Müller (1749-1825), commonly distinguished as Maler Müller, wrote his Golo und Genoveva between 1775 and 1781. Siegfried, Count Palatine, has gone to aid Charles Martel against the Moors, leaving his virtuous and saintly wife, Genevieve, in the care of his trusted vassal Golo. Inflamed by lust and perverted by evil counsels, Golo proves faithless to his trust. The scene is in Genevieve’s castle-garden, where Golo has hidden in a grotto.]
+LXXVI. THE GÖTTINGEN POETIC ALLIANCE+
In the year 1772 a number of Göttingen youths formed a society for the cultivation of a vigorous Deutschtum in what they supposed to be the spirit of the forefathers. Klopstock was their hero, Wieland their aversion. They wrote songs, ballads, odes, idyls, elegies, etc., treating of freedom, virtue, love of country, the brave days of old; of nature and the seasons; of common folk and their employments. Their work accords with the general spirit of the ‘Storm and Stress,’ and here and there presages the romantic movement. Of the selections, Nos. 1, 4, 9 are by Count Friedrich Leopold Stolberg (1750-1819); Nos. 2, 5 by Johann Heinrich Voss (1751-1826); Nos. 3, 6, 10 by Ludwig Hölty (1748-1776); Nos. 7, 8 by Johann Martin Miller (1750-1814). See Kürschner’s Nationalliteratur, Vols. 49-50.
+1+
+Die Freiheit.+
Freiheit! Der Höfling kennt den Gedanken nicht, Sklave! Die Kette rasselt ihm Silberton! Gebeugt das Knie, gebeugt die Seele, Reicht er dem Joche den feigen Nacken.
Mir ein erhabner, schauergebärender 5 Wonne-Gedanke! Fre heit, ich fühle dich! Das ganze Herz, von dir erfüllet, Strömet in voller Empfindung über!
Nektar der Seele! Helden entflammtest du, Welchen die Nachwelt jedes Erstaunen weiht, 10 Du stärktest sie! In Sklavenhänden Rostet der Stahl, wird entnervt der Bogen.
Wer für die Freiheit, wer für das Vaterland Mutig den Arm hebt, leuchtet im Blute wie Der Blitz des Nachtsturms; der Gefahren 15 Trübt ihm nicht eine die heitre Stirne.
Namen, mir festlich wie ein Triumphgesang: Brutus! Tell! Hermann! Cato! Timoleon! Im Herzen des, dem freie Seele Gott gab, mit Flammenschrift eingegraben. 20
+2+
+An Goethe.+
Der du edel entbranntst, wo hochgelahrte Diener Justinians Banditen zogen, Die in Roms Labyrinthen Würgen das Recht der Vernunft;
Freier Goethe, du darfst die goldne Fessel, Aus des Griechen Gesang geschmiedet, höhnen! Shakespeare dürft’ es und Klopstock, Söhne gleich ihm der Natur!
Mag doch Heinrichs Homer, im trägen Mohnkranz, Mag der grosse Corneill’, am Aristarchen— Trone knieend, das Klatschen Staunender Leutlein erflehn!
Deutsch und eisern wie Götz, sprich Hohn den Schurken— Mit der Fessel im Arm! Des Sumpfes Schreier Schmäht der Leu zu zerstampfen, Wandelt durch Wälder und herrscht!
[Notes: 1: The ode, written in 1773, alludes to Goethe’s newly published Götz, in which there are some drastic comments on German legal procedure under the Code Justinian. 2: Allusion to Voltaire’s Henriade.]
+3+
+An Teuthard.+
Trotz jedem Ausland stürmet Begeisterung In deutschen Seelen. Barden, ihr zeuget es, Die ihr von Sarons Palmen und von Heimischen Eichen euch Kränze wandet!
Mit schnellern Flügen als der Hesperier 5 Und Brite flogt ihr, Barden des Vaterlands, Zu Bragas Gipfel! Noch war Dämmrung; Dämmrung zerflog, und die Mittagssonne
Stand hoch am Himmel. —Muse Teutoniens, Du bietest deiner Schwester, der Britin, Trotz 10 Und überfleugst sie bald! Du lächelst, Muse, der gaukelnden Afterschwester,
Die in den goldnen Sälen Lutetiens Ihr Liedchen klimpert. Schande dem Sohne Teuts, Der’s durstig trinket, weil es Wollust 15 Durch die entloderten Adern strömet!
Kein deutscher Jüngling wähle das Mädchen sich, Das deutsche Lieder hasset und Buhlersang Des Galliers in ihre Laute Tändelnde Silberaccorde tönet! 20
Schwing deine Geissel, Sänger der Tugend, schwing Die Feuergeissel, welche dir Braga gab, Die Natternbrut, die unsre deutsche Redlichkeit, Keuschheit und Treue tötet,
Zurückzustäupen! Ich will, o Freund, indes, 25 Wenn deine Geissel brauset, des tollen Schwarms Am Busen eines deutschen Mädchens Unter den Blumen des Frühlings lachen.
[Notes: 3: Teuthard—poetic name for a rugged Old German—is Fritz Hahn, a member of the Alliance.]
+4+
+Lied eines deutschen Knaben.+
Mein Arm wird stark, und gross mein Mut, Gib, Vater mir ein Schwert! Verachte nicht mein junges Blut, Ich bin der Väter wert!
Ich finde fürder keine Ruh 5 Im weichen Vaterland! Ich stürb, o Vater, stolz wie du, Den Tod fürs Vaterland!
Schon früh in meiner Jugend war Mein täglich Spiel der Krieg; 10 Im Bette träumt’ ich nur Gefahr Und Wunden nur und Sieg.
Mein Feldgeschrei erweckte mich Aus mancher Türkenschlacht; Noch jüngst ein Faustschlag, welchen ich 15 Dem Bassa zugedacht.
Da neulich unsrer Krieger Schar Auf dieser Strasse zog, Und, wie ein Vogel der Husar Das Haus vorüberflog: 20
Da gaffte starr und freute sich Der Knaben froher Schwarm; Ich aber, Vater, härmte mich Und prüfte meinen Arm.
Mein Arm wird stark, und gross mein Mut, 25 Gib, Vater, mir ein Schwert! Verachte nicht mein junges Blut, Ich bin der Väter wert!
+5+
+Trinklied für Freie.+
Mit Eichenlaub den Hut bekränzt! Wohlauf! und trinkt den Wein, Der duftend uns entgegenglänzt! Ihn sandte Vater Rhein.
Ist einem noch die Knechtschaft wert, 5 Und zittert ihm die Hand, Zu heben Kolbe, Lanz’ und Schwert, Wenn’s gilt fürs Vaterland:
Weg mit dem Schurken, weg von hier! Er kriech’ um Schranzenbrot, 10 Und sauf’ um Fürsten sich zum Tier, Und bub’ und lästre Gott!
Und putze seinem Herrn die Schuh, Und führe seinem Herrn Sein Weib und seine Tochter zu 15 Und trage Band und Stern!
Für uns, für uns ist diese Nacht, Für uns der edle Trank! Man keltert’ ihn, als Frankreichs Macht In Höchstädts Tälern sank. 20
Drum, Brüder, auf! den Hut bekränzt! Und trinkt, und trinkt den Wein, Der duftend uns entgegenglänzt! Uns sandt’ ihn Vater Rhein.
Uns rötet hohe Freiheitsglut, 25 Uns zittert nicht die Hand, Wir scheuten nicht des Vaters Blut, Geböt’s das Vaterland.
Uns, uns gehöret Hermann an, Und Tell, der Schweizerheld, 30 Und jeder freie deutsche Mann; Wer hat den Sand gezählt?
[Notes: 4: Buben, ‘indulge in shameless vice.’ 5: At Höchstädt in Bavaria the French were defeated in 1704 by the English and Germans.]
+6+
+Vaterlandslied.+
Gesegnet mir, mein Vaterland, Wo ich so viele Tugend fand, Gesegnet mir, mein Vaterland!
Die Männer haben Heldenmut, Verströmen Patriotenblut, Sind edel auch dabei und gut.
Die Weiber sind den Engeln gleich, Es ist, fürwahr, ein Himmelreich, Ihr Preislichen, zu schauen euch.
Sie lieben Zucht und Biedersinn. O selig Land, worin ich bin! O möcht’ ich lange leben drin!
+7+
+Lob der Alten.+
Es leben die Alten, Die Mädchen und Wein Für Mittel gehalten Sich weislich zu freun! Sie übten die Pflichten 5 Des Biedermanns aus Und lachten in Züchten Beim nächtlichen Schmaus.
Da lud man die Jugend Zum Mahle mit ein, 10 Und predigte Tugend Durch Taten allein; Man rühmte die Grossen, Die, tapfer und gut, Kein andres vergossen 15 Als feindliches Blut.
Dem Lande zu Ehren Nahm jeder sein Glas; Vergnügen half’s leeren, Doch hielten sie Mass, 20 Und lachten sich nüchtern Und sangen in Ruh Von fröhlichen Dichtern Ein Liedchen dazu.
Um Mitternacht schieden 25 Sie küssend vom Schmaus, Und kehrten in Frieden Zum Weibchen nach Haus. Es leben die Alten! Wir folgen dem Brauch, 30 Auf den sie gehalten, Und freuen uns auch.
+8+
+Deutsches Trinklied.+
Auf, ihr meine deutschen Brüder, Feiern wollen wir die Nacht! Schallen sollen frohe Lieder, Bis der Morgenstern erwacht! Lasst die Stunden uns beflügeln! 5 Hier ist echter, deutscher Wein, Ausgepresst auf deutschen Hügeln Und gereift am alten Rhein!
Wer im fremden Tranke prasset, Meide dieses freie Land! 10 Wer des Rheines Gabe hasset, Trik’ als Knecht am Marnestrand! Singt in lauten Wechselchören! Ebert, Hagedorn und Gleim Sollen uns Gesänge lehren; 15 Denn wir lieben deutschen Reim.
Trotz geboten allen denen, Die, mit Galliens Gezier, Unsre Nervensprache höhnen! Ihrer spotten wollen wir! 20 Ihrer spotten! Aber, Brüder, Stark und deutsch, wie unser Wein, Sollen immer unsre Lieder Bei Gelag und Mahlen sein.
Unser Kaiser Joseph lebe! 25 Biedermann und deutsch ist er. Hermanns hoher Schatten schwebe Waltend um den Enkel her, Dass er, mutig in Gefahren, Sich dem Vaterlande weih’, 30 Und in Kindeskinder-Jahren Muster aller Kaiser sei!
Jeder Fürst im Lande lebe, Der es treu und redlich meint! Jedem wackern Deutschen gebe 35 Gott den wärmsten Herzensfreund, Und ein Weib in seine Hütte, Das ihm sei ein Himmelreich, Und ihm Kinder geb’, an Sitte Seinen braven Vätern gleich! 40
Leben sollen alle Schönen, Die, von fremder Torheit rein, Nur des Vaterlandes Söhnen Ihren keuschen Busen weihn! Deutsche Redlichkeit und Treue 45 Macht uns ihrer Liebe wert: Drum wohlauf! der Tugend weihe Jeder-sich, der sie begehrt!
+9+
+An die Natur.+
Süsse, heilige Natur, Lass mich gehn auf deiner Spur! Leite mich an deiner Hand, Wie ein Kind am Gängelband!
Wenn ich dann ermüdet bin, Rück ich dir am Busen hin, Atme süsse Himmelslust, Hangend an der Mutter Brust.
Ach, mir ist so wohl bei dir! Will dich lieben für und für. Lass mich gehn auf deiner Spur, Süsse, heilige Natur!
+10+
+Frühlingslied.+
Die Luft ist blau, das Tal ist grün, Die kleinen Maienglocken blühn Und Schlüsselblumen drunter; Der Wiesengrund Ist schon so bunt Und malt sich täglich bunter.
Drum komme, wem der Mai gefällt, Und freue sich der schönen Welt Und Gottes Vatergüte, Die diese Pracht Hervogebracht, Dem Baum und seine Blüte.
+LXXVII. GOTTFRIED AUGUST BÜRGER+
1747-1794. The stormy decade 1770-1780, which quickened other germs of what was afterwards to be known as romanticism, brought with it a notable renascence of the ballad. By general consent the first place in the balladry of the time belongs to Bürger’s Lenore (1774). The uncanny supernaturalism and onomatopœic word-jingles, which had lent a mysterious fascination to many an old ballad, but had virtually disappeared from the lyric poetry of the reason-worshiping century, were here revived with telling effect.
+Lenore.+
Lenore fuhr ums Morgenrot Empor aus schweren Träumen: “Bist untreu, Wilhelm, oder tot? Wie lange willst du säumen?” Er war mit König Friedrichs Macht 5 Gezogen in die Prager Schlacht, Und hatte nicht geschrieben, Ob er gesund geblieben.
Der König und die Kaiserin, Des langen Haders müde, 10 Erweichten ihren harten Sinn Und machten endlich Friede; Und jedes Heer, mit Sing und Sang, Mit Paukenschlag und Kling und Klang, Geschmückt mit grünen Reisern, 15 Zog heim zu seinen Häusern.
Und überall all überall, Auf Wegen und auf Stegen, Zog alt und jung dem Jubelschall Der Kommenden entgegen. 20 Gottlob! rief Kind und Gattin laut, Willkommen! manche frohe Braut. Ach! aber für Lenoren War Gruss und Kuss verloren.
Sie frug den Zug wohl auf und ab, 25 Und frug nach allen Namen; Doch keiner war, der Kundschaft gab, Von allen, so da kamen. Als nun das Heer vorüber war, Zerraufte sie ihr Rabenhaar 30 Und warf sich hin zur Erde, Mit wütiger Gebärde.
Die Mutter lief wohl hin zu ihr:— “Ach, dass sich Gott erbarme! Du trautes Kind, was ist mit dir?”— 35 Und schloss sie in die Arme.— “O Mutter, Mutter, hin ist hin! Nun fahre Welt und alles hin! Bei Gott ist kein Erbarmen. O weh, o weh mir Armen!”— 40
“Hilf Gott, hilf! Sieh uns gnädig an! Kind, bet’ ein Vaterunser! Was Gott tut, das ist wohlgetan. Gott, Gott erbarmt sich unser!”— “O Mutter, Mutter, eitler Wahn! 45 Gott hat an mir nicht wohlgetan! Was half, was half mein Beten? Nun ist’s nicht mehr von Nöten.”—
“Hilf Gott, hilf! wer den Vater kennt, Der weiss, er hilft den Kindern. 50 Das hochgelobte Sacrament Wird deinen Jammer lindern.”— “O Mutter, Mutter, was mich brennt, Das lindert mir kein Sacrament! Kein Sacrament mag Leben 55 Den Toten wiedergeben.”—
“Hör, Kind, wie wenn der falsche Mann, Im fernen Ungerlande, Sich seines Glaubens abgetan, Zum neuen Ehebande? 60 Lass fahren, Kind, sein Herz dahin! Er hat es nimmermehr Gewinn! Wann Seel’ und Leib sich trennen, Wird ihn sein Meineid brennen.”—
“O Mutter, Mutter, hin ist hin! 65 Verloren ist verloren! Der Tod, der Tod ist mein Gewinn! O wär’ ich nie geboren! Lisch aus, mein Licht, auf ewig aus! Stirb hin, stirb hin, in Nacht und Graus! 70 Bei Gott ist kein Erbarmen. O weh, o weh mir Armen!”—
“Hilf Gott, hilf! Geh nicht ins Gericht Mit deinem armen Kinde! Sie weiss nicht, was die Zunge spricht. 75 Behalt ihr nicht die Sünde! Ach, Kind, vergiss dein irdisch Leid, Und denk’ an Gott und Seligkeit! So wird doch deiner Seelen Der Bräutigam nicht fehlen,”— 80
“O Mutter, was ist Seligkeit? O Mutter! Was ist Hölle? Bei ihm, bei ihm ist Seligkeit, Und ohne Wilhelm Hölle!— Lisch aus, mein Licht, auf ewig aus! 85 Stirb hin, stirb hin, in Nacht und Graus! Ohn ihn mag ich auf Erden, Mag dort nicht selig werden.”—
So wütete Verzweifelung Ihr in Gehirn und Adern. 90 Sie fuhr mit Gottes Vorsehung Vermessen fort zu hadern; Zerschlug den Busen und zerrang Die Hand, bis Sonnenuntergang, Bis auf am Himmelsbogen 95 Die goldnen Sterne zogen.
Und aussen, horch! ging’s trap trap trap, Als wie von Rosses Hufen; Und klirrend stieg ein Reiter ab, An des Geländers Stufen. 100 Und horch! und horch! den Pfortenring Ganz lose, leise, klinglingling! Dann kamen durch die Pforte Vernehmlich diese Worte:
“Holla! Holla! Tu auf, mein Kind! 105 Schläfst, Liebchen, oder wachst du? Wie bist noch gegen mich gesinnt? Und weinest oder lachst du?”— “Ach, Wilhelm, du? —So spät bei Nacht?— Geweinet hab ich und gewacht; 110 Ach, grosses Leid erlitten! Wo kommst du hergeritten?”—
“Wir satteln nur um Mitternacht. Weit ritt ich her von Böhmen. Ich habe spät mich aufgemacht, 115 Und will dich mit mir nehmen.”— “Ach, Wilhelm, erst herein geschwind! Den Hagedorn durchsaust der Wind, Herein, in meinen Armen, Herzliebster, zu erwarmen!”— 120
“Lass sausen durch den Hagedorn, Lass sausen, Kind, lass sausen! Der Rappe scharrt, es klirrt der Sporn, Ich darf allhier nicht hausen. Komm, schürze, spring und schwinge dich 125 Auf meinen Rappen hintermich! Muss heut noch hundert Meilen Mit dir ins Brautbett eilen.”—
“Ach, wolltest hundert Meilen noch Mich heut ins Brautbett tragen? 130 Und horch! es brummt die Glocke noch, Die elf schon angeschlagen.”— “Sieh hin, sieh her! der Mond scheint hell. Wir und die Toten reiten schnell. Ich bringe dich, zur Wette, 135 Noch heut ins Hochzeitbette.”—
“Sag’ an, wo ist dein Kämmerlein? Wo? Wie dein Hochzeitbettchen?”— “Weit, weit von hier! —Still, kühl und klein!— Sechs Bretter und zwei Brettchen!”— 140 “Hat’s Raum für mich?” —“Für dich und mich! Komm, schürze, spring und schwinge dich! Die Hochzeitgäste hoffen; Die Kammer steht uns offen.”—
Schön Liebchen schürzte, sprang und schwang 145 Sich auf das Ross behende; Wohl um den trauten Reiter schlang Sie ihre Lilienhände. Und hurre hurre, hop hop hop, Ging’s fort im sausenden Galopp, 150 Dass Ross und Reiter schnoben, Und Kies und Funken stoben.
Zur rechten und zur linken Hand Vorbei vor ihren Blicken, Wie flogen Anger, Heid’ und Land! 155 Wie donnerten die Brücken! “Graut Liebchen auch? —Der Mond scheint hell! Hurra! die Toten reiten schnell! Graut Liebchen auch vor Toten?”— “Ach, nein! —Doch lass die Toten!” 160
Was klang dort für Gesang und Klang? Was flatterten die Raben? Horch Glockenklang! horch Totensang: “Lasst uns den Leib begraben!” Und näher zog ein Leichenzug, 165 Der Sarg und Totenbahre trug. Das Lied war zu vergleichen Dem Unkenruf in Teichen.
“Nach Mitternacht begrabt den Leib, Mit Klang und Sang und Klage! 170 Jetzt führ’ ich heim mein junges Weib. Mit, mit zum Brautgelage! Komm, Küster, hier! Komm mit dem Chor, Und gurgle mir das Brautlied vor! Komm, Pfaff, und sprich den Segen, 175 Eh wir zu Bett uns legen!”—
Still Klang und Sang. —Die Bahre schwand.— Gehorsam seinem Rufen, Kam’s hurre hurre! nachgerannt, Hart hinters Rappen Hufen. 180 Und immer weiter, hop hop hop! Ging’s fort im sausenden Galopp, Dass Ross und Reiter schnoben. Und Kies und Funken stoben.
Wie flogen rechts, wie flogen links 185 Gebirge, Bäum’ und Hecken! Wie flogen links, und rechts, und links Die Dörfer, Städt’ und Flecken! “Graut Liebchen auch? —Der Mond scheint hell! Hurra! die Toten reiten schnell! 190 Graut Liebchen auch vor Toten?”— “Ach! Lass sie ruhn, die Toten!”—
Sieh da! sieh da! Am Hochgericht Tanzt’ um des Rades Spindel Halb sichtbarlich, bei Mondenlicht, 195 Ein lustiges Gesindel.— “Sasa! Gesindel, hier! Komm hier! Gesindel, komm und folge mir! Tanz uns den Hochzeitreigen, Wann wir zu Bette steigen!”— 200
Und das Gesindel husch husch husch! Kam hinten nachgeprasselt, Wie Wirbelwind am Haselbusch Durch dürre Blätter rasselt Und weiter, weiter, hop hop hop! 205 Ging’s fort irn sausenden Galopp, Dass Ross und Reiter schnoben, Und Kies und Funken stoben.
Wie flog, was rund der Mond beschien, Wie flog es in die Ferne! 210 Wie flogen oben über hin Der Himmel und die Sterne!— “Graut Liebchen auch? —Der Mond scheint hell! Hurra! die Toten reiten schnell! Graut Liebchen auch vor Toten?”— 215 “O weh, lass ruhn die Toten!”—
“Rapp’! Rapp’! Mich dünkt, der Hahn schon ruft.— Bald wird der Sand verrinnen— Rapp’! Rapp’! Ich wittre Morgenluft— Rapp’! Tummle dich von hinnen!— 220 Vollbracht, vollbracht ist unser Lauf! Das Hochzeitbette tut sich auf! Die Toten reiten schnelle! Wir sind, wir sind zur Stelle!”—
Rasch auf ein eisern Gittertor 225 Ging’s mit verhängtem Zügel. Mit schlanker Gert’ ein Schlag davor Zersprengte Schloss und Riegel. Die Flügel flogen klirrend auf, Und über Gräber ging der Lauf. 230 Es blinkten Leichensteine Rund um im Mondenscheine.
Ha sieh! Ha sieh! im Augenblick Huhu! ein grässlich Wunder! Des Reiters Koller, Stück für Stück, 235 Fiel ab wie mürber Zunder. Zum Schädel, ohne Schöpf und Zopf, Zum nackten Schädel ward sein Kopf; Sein Körper zum Gerippe, Mit Stundenglas und Hippe. 240
Hoch bäumte sich, wild schnob der Rapp’, Und sprühte Feuerfunken; Und hui! war ’s unter ihr hinab Verschwunden und versunken. Geheul! Geheul aus hoher Luft, 245 Gewinsel kam aus tiefer Gruft. Lenorens Herz, mit Beben, Rang zwischen Tod und Leben.
Nun tanzten wohl bei Mondenglanz, Rund um herum im Kreise, 250 Die Geister einen Kettentanz, Und heulten diese Weise: “Geduld! Geduld! Wenn’s Herz auch bricht! Mit Gott im Himmel hadre nicht! Des Leibes bist du ledig; 255 Gott sei der Seele gnädig!”
+LXXVIII. FRIEDRICH SCHILLER+
1759-1805. The more important work of Schiller falls without the limit set for this book. His contribution to the literature of revolution begins with the Robbers (1781), a fierce castigation of the social order, and ends with Cabal and Love (1784), which is the only family tragedy of that time that has survived on the stage. The dramatic genius which was to give Schiller the supreme place in the history of the German theater appears full-fledged in his early plays, not, however, his self-control, his wisdom, or his knowledge of human nature.
+1+
+Lied Amaliens.+
Schön wie Engel, voll Walhallas Wonne, Schön vor allen Jünglingen war er, Himmlisch mild sein Blick, wie Maiensonne Rückgestrahlt vom blauen Spiegelmeer.
Seine Küsse—paradiesisch Fühlen! Wie zwo Flammen sich ergreifen, wie Harfentöne in einander spielen Zu der himmelvollen Harmonie,—
Stürzten, flogen, schmolzen Geist und Geist zusammen, Lippen, Wangen brannten, zitterten,— Seele rann in Seele—Erd’ und Himmel schwammen Wie zerronnen um die Liebenden!
Er ist hin—vergebens, ach, vergebens Stöhnet ihm der bange Seufzer nach! Er ist hin, und alle Lust des Lebens Wimmert hin in ein verlorenes Ach!
+2+
+Die Entzückung an Laura.+
Laura, über diese Welt zu flüchten Wähn’ ich—mich in Himmelmaienglanz zu lichten, Wenn dein Blick in meine Blicke flimmt; Ätherlüfte träum’ ich einzusaugen, Wenn mein Bild in deiner sanften Augen 5 Himmelblauem Spiegel schwimmt.
Leierklang aus Paradieses Fernen, Harfenschwung aus angenehmern Sternen, Ras’ ich in mein trunknes Ohr zu ziehn; Meine Muse fühlt die Schäferstunde, 10 Wenn von deinem wollustheissen Munde Silbertöne ungern fliehn.
Amoretten seh’ ich Flügel schwingen, Hinter dir die trunknen Fichten springen, Wie von Orpheus’ Saitenruf belebt; 15 Rascher rollen um mich her die Pole, Wenn im Wirbeltanze deine Sohle Flüchtig, wie die Welle, schwebt.
Deine Blicke, wenn sie Liebe lächeln, Könnten Leben durch den Marmor fächeln, 20 Felsenadern Pulse leihn; Träume werden um mich her zu Wesen, Kann ich nur in deinen Augen lesen: Laura, Laura mein!



