An anthology of German literature · Calvin Thomas
Chapter 2
Chapter 8 of 52 · 18 min read
From the Low German ‘Reinke de Vos,’ Book 2: Reinke under the Pope’s ban; Martin the Ape offers to assist him.
Als Martin der Affe das vernommen, Reinke wolle zu Hofe kommen, Zu reisen gedacht’ er just nach Rom. Er ging ihm entgegen und sprach: “Lieber Ohm, Fasst Euch ein Herz und frischen Mut.” 5 Den Stand seiner Sache kannt’ er gut, Doch frug er nach ein und anderm Stück. Reineke sprach: “Mir ist das Glück In diesen Tagen sehr zuwider. Gegen mich klagen und zeugen wieder 10 Etliche Diebe, wer es auch sei, Das Kaninchen ist und die Krähe dabei. Der eine hat sein Weib verloren, Der andre die Hälfte von seinen Ohren. Könnt’ ich selber vor den König kommen, 15 So sollt’ es beiden wenig frommen. Was mir am meisten schaden kann, Ist dies: Ich bin in des Papstes Bann. Der Probst hat in der Sache Macht, Aus dem der König selber viel macht. 20 Warum man in den Bann mich tat, Ist, weil ich Isegrim gab den Rat, Da er ein Klausner war geworden, Dass er weglief’ aus dem Orden, In den er bei Clemar sich begeben. 25 Er schwur, er könne nicht mehr leben In solch hartem, strengem Wesen, So lang zu fasten, so viel zu lesen. Ich half ihm weg; das reut mich jetzt, Zumal er mich zum Dank verschwätzt: 30 Er feindet mich beim König an Und tut mir Schaden, wo er kann. Geh’ ich nach Rom, so setz’ ich fürwahr Weib und Kinder in grosse Gefahr, Denn Isegrim wird es nicht lassen, 35 Ihnen nachzustellen und aufzupassen Mit andern, die mir zu schaden trachten Und schon manches wider mich erdachten. Würd’ ich nur aus dem Bann gelöst, So wär’ mir Mut ins Herz geflösst; 40 Ich könnte getrost mit besserm Gemache Sprechen für meine eigne Sache.” Martin sprach: “Reineke, lieber Ohm, Ich bin eben auf dem Weg nach Rom; Da will ich Euch helfen mit schönen Stücken, 45 Ich leide nicht, dass sie Euch unterdrücken. Als Schreiber des Bischofs, könnt Ihr denken, Versteh’ ich was von solchen Ränken. Ich will den Probst nach Rom citieren Und will so gegen ihn plädiren; 50 Seht, Ohm, ich schaff’ Euch Excusation Und bring’ Euch endlich Absolution, Und wenn der Probst sich vor Ärger hinge. Ich kenn’ in Rom den Lauf der Dinge, Und was zu tun ist, weiss ich schon. 55 Da ist auch mein Oheim Simon, Der sehr mächtig ist und hochgestellt Und jedem gerne hilft fürs Geld. Herr Schalkefund steht auch da hoch, Dr. Greifzu und andre noch, 60 Herr Wendemantel und Herr Losefund, Die sind da all mit uns im Bund. Ich habe Geld voraus gesandt, Mit Geld wird man am besten bekannt. Ja, Quark, man spricht wohl von Citieren; 65 Sie wollen nur, man soll spendieren. Wär’ eine Sache noch so krumm, Man biegt mit Geld sie um und um. Wer Geld bringt, mag sich Gnade kaufen; Wer das nicht hat, den lässt man laufen. 70 Seht, Ohm, seid ruhig um den Bann, Ich nehme mich der Sachen an Und bring’ Euch frei, Ihr habt mein Wort. Geht dreist zu Hof, Ihr findet dort Frau Riechgenau, mein Ehgemahl. 75 Der König liebt sie, und zumal Auch unsre Frau, die Königin, Denn sie hat klugen, behenden Sinn. Sprecht sie an, sie liebt die Herrn Und verwendet sich für Freunde gern. 80 Sie ist Euch zu jedem Dienst erbötig. Das Recht hat manchmal Hilfe nötig. Bei ihr sind ihrer Schwestern zwei, Dazu auch meiner Kinder drei Und viel andre noch von Euerm Geschlecht, 85 Die gern Euch helfen zu Euerm Recht. Kann Euch denn sonst kein Recht geschehn, So lass’ ich meine Macht Euch sehn. Macht es mir nur gleich bekannt. Alle, die wohnen im ganzen Land, 90 Den König und alle, Weib und Mann, Die bring’ ich in des Papstes Bann Und schick’ ein Interdict so schwer, Man soll nicht begraben noch taufen mehr, Und keine Messe lesen noch singen. 95 Drum, lieber Ohm, seid guter Dingen! Der Papst ist ein alter, schwacher Mann, Er nimmt sich keiner Sache mehr an; Drum hat man sein auch wenig acht. Am Hofe übt die ganze Macht 100 Der Kardinal von Ohnegenügen, Ein rüstiger Mann, der weiss es zu fügen. Ich kenn’ ein Weib, die hat er lief, Die soll ihm bringen einen Brief. Mit der bin ich sehr wohl bekannt, 105 Und, was sie will, geschieht im Land. Sein Schreiber heisst Johann Partei, Der kennt wohl Münze alt und neu. Horchgenau ist sein Kumpan, Der ist des Hofes Kurtisan. 110 Wendundschleich ist Notarius, Beider Rechte Baccalaureus; Übt der ein Jahr noch seine Tücken, So wird er Meister in Praktiken, Moneta und Donarius halten jetzt 115 Die Richterstühle dort besetzt; Wem sie das Recht erst abgesprochen, Dem ist und bleibt der Stab gebrochen. So gilt in Rom jetzt manche List, Daran der Papst unschuldig ist. 120 Die muss ich alle zu Freunden halten: Sie haben über die Sünden zu schalten Und lösen das Volk all aus dem Bann. Oheim, vertraut Euch mir nur an! Der König hat es schon vernommen, 125 Dass ich Euch will zu Hilfe kommen. Er weiss auch, dass ich der Mann dazu bin; Drum kommt Ihr nicht zu Ungewinn. Bedenkt alsdann der König recht, Wie viele vom Affen- und Fuchsgeschlecht, 130 In seinem geheimsten Rate sitzen. Geh’s wie es will, das muss Euch nützen.” Reineke sprach: “Ich bin getröstet; Ich dank’ Euch’s gern, wenn Ihr mich löstet.”
+XXXVI. PETER SUCHENWIRT+
The most gifted verse-writer of the poetically barren 14th century. He was a ‘wandering singer’ who depended for his livelihood upon the patronage of princes and spent the most of his life in Austria. He died about 1400. The selection is a translation of his Red’ von der Minne.
+A Discourse of Love.+
Ich wanderte an einem Tag In einen wonniglichen Hag, Darin die Vögel sungen; Da kam ich unbezwungen Auf einem wonniglichen Raume 5 Zu einem dichtbelaubten Baume, An deren Wurzeln wundervoll Hervor ein kaltes Brünnlein quoll. Da fand ich sitzen hart anbei Drei Frauen alle mangelfrei, 10 Minne, Stæt’ und Gerechtigkeit. Die erste klagt’ ihr Herzensleid, Bezwungen von des Schmerzes Not; Sie sprach: “Ich bin beinahe tot An Ehren und an Sinnen: 15 Die mich sollten minnen, Sie sind ein ehrloses Geschlecht. Da ich nun, Minne, mit Unrecht Auf Erden kam zu solchem Leben, Sollt ihr getreuen Rat mir geben. 20 Gerechtigkeit, in Gottes Namen, Von dem die zehn Gebote kamen, Macht, dass mein Recht mir werd’ erteilt: Wer Minne lasterhaft vergeilt Und reiner Frauen Würdigkeit, 25 Der büss’ es! Das ist nun mein Leid.” Gerechtigkeit sprach zu der Stæte: “Wir hätten nötig gute Räte, Um recht zu richten die Geschicht’.” Frau Stæte sprach mit Worten schlicht: 30 “Nun hört und merkt, was ich will sagen: Wem Minne Hass mag tragen, Den wollen wir in aller Schnelle Sogleich verhören auf der Stelle.” Gerechtigkeit tat auf den Mund: 35 “Macht uns allhier mit Worten kund, Durch wen Ihr leidet solche Pein.” Frau Minne sprach: “Der Jammer mein Ist leider hart und schauderhaft, Weil mancher Prahler lügenhaft 40 Von reinen Frauen faselt. Ach, Dass Gott ihn nicht mit seinem Schlag Getroffen aller Welt zur Lehr’! Das würde mich erfreuen sehr, Wie ich bekenne öffentlich. 45 Die schnöden Dinge liebt er sich Und schwatzt von dem, was er nie sah. Drum sollt’ er in die Höll’ und da Die heisse Loh ihn sengen, Der Teufel hart bedrängen, 50 Zur Ahndung seiner falschen List, Weil er ein loser Schwätzer ist. Darüber sollt ihr richten mir.” Gerechtigkeit erwidert’ ihr: “So sei’s! Ein Urteil soll geschehn: 55 Ihn soll kein lieblich Aug’ ansehn, Von einer reinen Frauen zart; Ihr Mund sei gegen ihn verspart, Dass ihm kein Gruss mag werden kund Von einem rosenroten Mund. 60 Das ist der strenge Wille mein.” Frau Stæte sprach: “Ich leid’ auch Pein In meinem Herzen mannigfalt: Ich habe Diener, jung und alt, Die sagen, dass sie stätig sein 65 Und tun das öffentlich zum Schein Bei reinen Frauen manchmal kund; Doch tief in ihres Herzens Grund Liegt falscher List ein grosser Hort: Das ist der Seele arger Mord 70 Und reiner Frauen Ungewinn. Ich wollt’, wer hätt’ so falschen Sinn, Dass dem doch aus dem Munde sein Die Zähne wüchsen, wie dem Schwein; Daran erkenntlich wären die Leut’, 75 Und reine Frauen leicht befreit Von jener Schälkchen loser Schar Mit Worten sanft und doch nicht wahr, Mit Zungen, die wie Messer schneiden; Ach, was muss man davon leiden! 80 Und noch eins mich mit Schmerz bewegt: Dass mancher Blau am Leibe trägt Und wähnt davon stätig zu sein, Weil er in blauer Farbe Schein Erzeiget sich den Frauen gut. 85 Mich dünkt nun so in meinem Mut: Wäre die Farbe, wie man hört, Die Elle hätte wohl den Wert Von hundert Gulden sicherlich; Doch Stæte wiegt im Herzen sich, 90 Sie tut nicht von der Farbe kommen, Drum kann es manchem wenig frommen, Wenn er der Unstæt’ huldigt Und wird von Fraun beschuldigt.” Ich hört’ ihr Plaudern mannigfalt, 95 Und was zu tun, entschied ich bald. Ich ging hinzu und sprach kein Wort. Frau Minn’ erblickte mich sofort, Die war gar wundersam geziert: “Sag’ mir, mein lieber Suchenwirt,” 100 Sprach sie, “was tust du hie?” Geschwinde fiel ich auf ein Knie. “Gnade, Frau,” darauf sprach ich; “Der Mai hat Blumen wonniglich Im ganzen Land herumgestreut, 105 Dass manches Herze wird erfreut, So wie die kleinen Vögelein. Ich kam verlockt vorn Augenschein Auf diesen Anger wunderbar; Da wurde Euer ich gewahr 110 Und hörte Eure Klage gross.” Sie sprach: “Ich bin der Freuden bloss Und weiss, was ich beginnen soll. Die Welt ist schlechter Kniffe voll: Hast du gehört des Jammers Pein, 115 So handle nach dem Willen mein Und tu’ es offenherzig kund Den Edlen hier zu mancher Stund’, Dass sie vor Schande hüten sich.” “Das tu’ ich gerne, Frau,” sprach ich. 120 So schied ich von der Minne dann Beglückt und ohne argen Wahn.
+XXXVII. BRANT’S SHIP OF FOOLS+
A famous satire published at Basel in 1494, with numerous excellent woodcuts. Its author, Sebastian Brant, was born at Strassburg in 1457, took his degree in law, became city clerk of his native place and died in 1521. The Ship of Fools, which consists of disconnected sections describing the various kinds of fools—over a hundred of them—who have embarked in the ship for Fool-land, was translated into Latin, into French three times and into English twice. It was Germany’s first important contribution to world literature. The selections are from the modernization by Simrock, Berlin, 1872.
+1+
+Von Geiznarren.+
Wer sich verlässt auf zeitig Gut, Drin Freude sucht und guten Mut, Der ist ein Narr mit Leib und Blut.
Der ist ein Narr, der sammelt Gut Und hat nicht Freud’, und guten Mut 5 Und weiss auch nicht, wem er’s wird sparen, Wenn er muss zum düstern Keller fahren. Noch törichter ist, wer vertut In Üppigkeit und Frevelmut Was Gott ins Haus ihm hat gegeben. 10 Er nur verwalten soll sein Leben Und Rechenschaft drum geben muss Wohl schwerer als mit Hand und Fuss. Ein Narr häuft den Verwandten viel; Die Seel’ er nicht bedenken will, 15 Sorgt, ihm gebrech’ es in der Zeit, Und fragt nicht nach der Ewigkeit. O armer Narr, wie bist du blind! Du scheust den Ausschlag, kriegst den Grind. Erwirbt mit Sünden mancher Gut 20 Und brennt dann in der Hölle Glut, Des achten seine Erben klein: Sie hülfen ihm nicht mit einem Stein, Lösten ihn kaum mit einem Pfund, Wie tief er läg’ im Höllenschlund. 25 Gib weil du lebst, ist Gottes Wort: Ein andrer schaltet, bist du fort. Kein weiser Mann trug je Verlangen Mit Reichtum auf der Welt zu prangen. Er trachtet nur sich selbst zu kennen; 30 Den Weisen mag man steinreich nennen. Das Geld am Ende Crassus trank; Danach gedürstet hatt’ ihn lang. Crates sein Geld warf in das Meer, So stört’s im Lernen ihn nicht mehr. 35 Wer sammelt, was vergänglich ist, Begräbt die Seel’ in Kot und Mist.
[Notes: 1: These three lines, which are a sort of motto, precede a picture representing a rich man seated at a table which is loaded with money and plate. Two poor travelers approach and look covetously upon the wealth. All three men wear the fool’s cap.]
+2+
+Selbstgefälligkeit.+
Den Narrenbrei ich nie vergass, Seit mir gefiel das Spiegelglas: Hans Eselsohr mein Herz besass.
Der rührt sich wohl den Narrenbrei, Der wähnt, dass er sehr witzig sei, 5 Und gefällt sich selber gar so wohl, Dass er in den Spiegel guckt wie toll Und doch nicht mag gewahren, dass Er einen Narren sieht im Glas. Und sollt’ er schwören einen Eid, 10 Spricht man von Zucht und Artigkeit, Meint er, die hätt’ er ganz allein, Seinsgleichen könnt’ auch nirgends sein, Der aller Fehler ledig wär’. Sein Tun und Ruhn gefällt ihm sehr. 15 Des Spiegels er drum nicht enträt, Wo er sitzt und reitet, geht und steht, Wie es Kaiser Otho hat gemacht, Der den Spiegel mitnahm in die Schlacht Und schor die Backen zwier am Tag, 20 Mit Eselsmilch sie wusch hernach. Dem Spiegel sind die Fraun ergeben; Ohne Spiegel könnte keine leben. Eh’ sie sich recht davor geschleiert Und geputzt, wird Neujahr wohl gefeiert. 25 Wem so gefällt Gestalt und Werk, Ist dem Affen gleich zu Heidelberg. Dem Pygmalion gefiel sein Bild, Vor Narrheit ward er toll und wild. Sah in den Spiegel nicht Narciss, 30 Lebt’ er noch manches Jahr gewiss. Mancher sieht stets den Spiegel an, Der ihm doch nichts Schönes zeigen kann. Wo du solch närrisch Schaf siehst weiden, Das mag auch keinen Tadel leiden, 35 Es geht in seinem Taumel hin, Und kein Verstand will ihm zu Sinn.
[Notes: 2: The picture shows a fool stirring porridge and looking into a mirror. 3: A note by Simrock states that upon the old bridge at Heidelberg was formerly to be seen an emblematic ape, with the verses: Was hast du mich hier anzugaffen? Sahst du noch nie den alten Affen? Zu Heidelberg sieh hin und her; Du findest meinesgleichen mehr.]
+XXXVIII. FOLK-SONGS OF THE FIFTEENTH CENTURY+
A large number of folk-songs originated in the 15th and still more in the 16th century. From the nature of the type they can seldom be exactly dated unless they relate to a known historical occurrence. The following selections are taken from Erk and Böhme’s admirable Deutscher Liederhort, 3 volumes quarto, Leipzig, 1893-4. As any translation into smooth modern verse would destroy a part of the characteristic flavor of the songs, they are printed as in Erk and Böhme, but with occasional modernizations of spelling and grammar.
+1+
+Reigen um das erste Veilchen.+
Der Maie, der Maie Bringt uns der Blümlein viel; Ich trag’ ein frei’s Gemüte, Gott weiss wohl, wem ich’s will.
Ich will’s ei’m freien Gesellen, Derselb’ der wirbt um mich, Er trägt ein seiden Hemd an, Darein so preist er sich.
Er meint, es säng’ ein’ Nachtigall, Da war’s ein’ Jungfrau fein: Und kann er mein nicht werden, Trauret das Herze sein.
[Notes: 1: A song for the ring-dance about the earliest spring violet; Erk and Böhme, II, 713. 2: M.H.G. brîsen, equivalent to modern schnüren.]
+2+
+Burschenleben.+
Ich weiss ein frisch Geschlechte, Das sind die Burschenknechte, Ihr Orden steht also: Sie leben ohne Sorgen Den Abend und den Morgen, 5 Sie sind gar stätiglich froh. Du freies Burschenleben! Ich lob’ dich für den Gral; Gott hat dir Macht gegeben Trauren zu widerstreben, 10 Frisch wesen überall.
Sie können auch nit hauen Des Morgens in dem Taue Die schönen Wiesen breit; Sonder die schönen Frauen 15 Die können sie wohl schauen Die Nacht bis an den Tag. Das macht ihr frei’s Gemüte Der schönen Frauen klar; Gott selber sie behüte 20 Durch seine milde Güte, Die minnigliche Schar!
Wie selten sie auch messen Das Koren, das sie essen, Und was der Metzen gilt! 25 Die Bauern müssen schneiden Und dazu Gerwel reiden Viel gar ohn’ ihren Dank. Du feines Burschenleben! Ich lob’ dich für den Gral; 30 Gott hat dir Macht gegeben Trauren zu widerstreben, Frisch wesen überall.
[Notes: 3: An old student song, found in a manuscript of the year 1454; Erk and Böhme, III, 484. 4: The holy Grail as symbol of something very precious. 5: In the sense of modern aber. 6: For Korn, i.e. ‘grain.’ 7: The miller’s ‘toll’ (part of the grist taken in payment for grinding). 8: Gerwel reiden, ‘turn the hand-mill.’ 9: Ohne Dank, ‘reluctantly.’]
+3+
+Mädchenkunde eines fahrenden Sängers.+
Ich spring’ an diesem Ringe Des besten, so ich’s kann, Von hübschen Fräulein singen, Als ich’s gelernet han. Ich ritt durch fremde Lande, 5 Da sah ich mancherhande, Da ich die Fräulein fand.
Die Fräuelein von Franken Die seh’ ich allzeit gern; Nach ihn’ stehn mein’ Gedanken, 10 Sie geben süssen Kern. Sie sind die feinsten Dirnen, Wollt’ Gott, ich sollt’ ihn’ zwirnen, Spinnen wollt’ ich lern.
Die Fräuelein von Schwaben 15 Die haben golden Haar, Sie dürfen’s frischlich wagen, Sie spinnen über Lahr; Wer ihn’ den Flachs will schwingen, Der muss sein nit geringe, 20 Das sag’ ich euch fürwahr.
Die Fräuelein vom Rheine Die lob’ ich oft und dick: Sie sind hübsch und feine Und geben freundlich Blick. 25 Sie können Seide spinnen, Die neuen Liedlein singen, Sie sind der Lieb’ ein Strick.
Die Fräuelein von Sachsen Die haben Scheuern weit; 30 Darin da posst man Flachse, Der in der Scheuern leit. Wer ihn’ den Flachs will possen, Muss haben ein’ Flegel grosse, Dreschend zu aller Zeit. 35
Die Fräuelein von Baiern Die können kochen wohl, Mit Käsen und mit Eiern Ihr’ Küchen die sind voll. Sie haben schöne Pfannen 40 Weiter denn die Wannen, Heisser denn ein’ Kohl’.
Den Fräuelein soll man hofieren Allzeit und weil man mag, Die Zeit die kommet schiere, 45 Es wird sich alle Tag’; Nun bin ich worden alte, Zum Wein muss ich mich halten Alldieweil ich mag.
[Notes: 10: An elderly minstrel joins in the dance and sings the praise of girls that he has seen in different German lands; Erk and Böhme, II, 712. 11: Des besten ... kann, equivalent to so gut ich kann. 12: ‘To sing,’ or perhaps ‘singing.’ 13: Habe. 14: Lernen. 15: Über die Lehre, ‘surpassing their instruction,’ ‘outdoing their teachers.’ 16: Nit geringe, ‘smart.’ 17: Sehr. 18: Equivalent to klopft, ‘beats.’ 19: Liegt. 20: ‘Court.’ 21: ‘Soon.’ 22: Es wird ... Tag, equivalent to Tag reiht sich an Tag. The sense is: The time comes fast when one must turn from girls to wine, as I am even now doing.]
+4+
+Anweisung zum Raubritterberuf.+
Der Wald hat sich belaubet, Des freuet sich mein Mut. Nun hüt’ sich mancher Bauer, Der wähnt, er sei behut! Das schafft des argen Winters Zorn, 5 Der hat mich beraubet, Das klag’ ich heut und morn.
Willst du dich ernähren, Du junger Edelmann, Folg’ du meiner Lehre, 10 Sitz’ auf und trab’ zum Bann! Halt’ dich zu dem grünen Wald, Wenn der Bauer ins Holz fährt, So renn’ ihn frischlich an!
Erwisch’ ihn bei dem Kragen, 15 Erfreu’ das Herze dein, Nimm ihm, was er habe, Spann’ aus die Pferdlein sein! Sei frisch und dazu unverzagt, Wann er nummen Pfennig hat, 20 So russ ihm d’ Gurgel ab.
Heb’ dich bald von dannen, Bewahr’ dein’ Leib, dein Gut! Dass du nit werdest zu Schannen, Halt’ dich in stäter Hut! 25 Der Bauern Hass ist also gross; Wenn der Bauer zum Tanze geht, So dünkt er sich Fürstengenoss.
Er nimmt die Metze bei der Hand, Die gibt ihm einen Kranz; 30 Er ist der Metze eben Derselbe Ferkelschwanz. Die Tölpel trippeln hinten nach, Das ist der Metze eben Und dem Conzen auch. 35
Ich weiss ein’ reichen Bauern, Auf den hab’ ich’s gericht’; Ich will ein’ Weile lauern, Wie mir darum geschicht. Er hilft mir wohl aus aller Not, 40 Gott grüss’ dich, schönes Jungfräulein, Gott grüss dich, Mündlein rot!
[Notes: 23: A robber knight greets the spring-time as good for his business, and expresses his lordly contempt of the peasantry; Erk and Böhme, II, 23. 24: ‘Secure.’ 25: Bann here means the robber’s lurking-place. 26: Keinen mehr. 27: So russ ... ab, ‘cut his throat.’ 28: Schanden. 29: ‘Wench.’ 30: ‘Pig’s tail,’ figuratively for ‘dirty clown.’ 31: ‘Agreeable.’ 32: Conz, or Kunz, contemptuously for a country lubber. 33: Geschicht, for geschieht. The sense is: I’ll lurk for him and see what comes of it.]
+5+
+Ritter und Schildknecht.+
Es ritt ein Herr und auch sein Knecht Wohl über eine Heide, die war schlecht, ja schlecht, Und alles, was sie red’ten da, War alles von einer wunderschönen Frauen, Ja Frauen. 5
“Ach, Schildknecht, lieber Schildknecht mein, Was redest du von meiner Frauen, ja Frauen? Und fürchtest nicht mein’ braunen Schild, Zu Stücken will ich dich hauen, Vor meinen Augen!” 10
“Euern braunen Schild, den fürcht’ ich klein, Der lieb’ Gott wird Euch wohl behüten, behüten.” Da schlug der Knecht sein’ Herrn zu Tod, Das geschah um des Fräuleins Güte, Ja Güte. 15
“Nun will ich heimgehn landwärts ein, Zu einer wunderschönen Frauen, ja Frauen.” “Ach Fräulein, gebt mir’s Botenbrot, Eu’r edler Herr und der ist tot, So fern auf breiter Heide, 20 Ja Heide.”
“Und ist mein edler Herre tot, Darum will ich nicht weinen, ja weinen; Der schönste Buhle, den ich hab’, Der sitzt bei mir daheime, 25 Mutteralleine.
Nun sattle mir mein graues Ross! Ich will von hinnen reiten, ja reiten.” Und da sie auf die Heide kam, Die Lilien täten sich neigen, 30 Auf breiter Heide.
Auf band sie ihm sein’ blanken Helm Und sah ihm unter die Augen, ja Augen; “Nun muss es Christ geklaget sein, Wie bist du so zerhauen 35 Unter dein’ Augen.
Nun will ich in ein Kloster ziehn, Will den lieben Gott bitten, ja bitten, Dass er dich ins Himmelreich woll’ lan, Das gescheh’ durch meinen Willen! 40 Schweig stille!”
[Notes: 34: Erk and Böhme, I, 374. Imagine the story thus: A faithless wife instigates her husband’s squire to kill him. When the murder is reported to her she is at first pleased, then touched with remorse. She rides forth to find the body of her husband, and the lilies—symbols of purity—bow in shame as she passes. At sight of her dead husband’s face, she resolves to enter a convent. 35: Wenig. 36: Fräulein here in the sense of ‘young wife’; um des Fräuleins Güte, ‘to gain the young wife’s favor.’ 37: Und der is pleonastic. 38: Täten sich neigen, ‘did bow’; täten being indicative. 39: Lan, for lassen. 40: Durch meinen Willen, ‘for my sake.’ 41: Addressed to the husband; he is not to accuse her before God.]
+6+
+Tannhäuser.+
Nun will ich aber heben an Von dem Tannhäuser singen, Und was er Wunders hat getan Mit Venus, der edlen Minne.
Tannhäuser war ein Ritter gut, 5 Wann er wollt’ Wunder schauen, Er wollt’ in Frau Venus Berg, Zu andern schönen Frauen.
“Herr Tannhäuser, Ihr seid mir lieb, Daran sollt Ihr gedenken! 10 Ihr habt mir einen Eid geschworn, Ihr wollt von mir nit wenken.”
“Frau Venus, das en hab ich nit, Ich will das widersprechen; Und red’t das jemands mehr denn Ihr, 15 Gott helf’ mir’s an ihm rächen!”
“Herr Tannhäuser, wie red’t Ihr nun? Ihr sollt bei mir beleiben; Ich will Euch mein’ Gespielin geben Zu einem stäten Weibe.” 20
“Und nähm’ ich nun ein ander Weib, Ich hab’ in meinem Sinne: So müsst’ ich in der Hölle Glut Auch ewiglich verbrinnen.”
“Ihr sagt mir viel von der Hölle Glut, 25 Habt es doch nie empfunden; Gedenkt an meinen roten Mund, Der lacht zu allen Stunden.”
“Was hilft mich Euer roter Mund? Er ist mir gar unmäre; 30 Nun gebt mir Urlaub, Fräulein zart, Durch aller Frauen Ehre!”
“Herr Tannhäuser, wollt Ihr Urlaub han, Ich will Euch keinen geben; Nun bleibt hie, edler Tannhäuser, 35 Und fristet Euer Leben.”
“Mein Leben das ist worden krank, Ich mag nit länger bleiben; Nun gebt mir Urlaub, Fräulein zart, Von Eurem stolzen Leibe!” 40
“Herr Tannhäuser, nit reden also, Ihr tut Euch nit wohl besinnen; So gehn wir in ein Kämmerlein Und spielen der edlen Minne.”
“Eu’r Minne ist mir worden leid, 45 Ich hab’ in meinem Sinne: Frau Venus, edle Fraue zart, Ihr seid ein’ Teufelinne.”
“Herr Tannhäuser, was red’t Ihr nun, Und dass Ihr mich tut schelten? 50 Nun, sollt Ihr länger hierinnen sein, Ihr müsst’ es sehr entgelten.”
“Frau Venus, das en will ich nit, Ich mag nit länger bleiben. Maria Mutter, reine Maid, 55 Nun hilf mir von dem Weibe!”
“Herr Tannhäuser, Ihr sollt Urlaub han, Mein Lob das sollt Ihr preisen, Wo Ihr in dem Land umfahrt; Nehmt Urlaub von dem Greisen!” 60
Da schied er wieder aus dem Berg, In Jammer und in Reuen: “Ich will gen Rom wohl in die Stadt Auf eines Papstes Treuen.
Nun fahr’ ich fröhlich auf die Bahn, 65 Gott müss’ sein immer walten! Zu einem Papst, der heisst Urban, Ob er mich möcht’ behalten.”
“Ach Papste, lieber Herre mein, Ich klag’ Euch hie mein’ Sünde, 70 Die ich mein’ Tag’ begangen hab’, Als ich Euch’s will verkünden.
Ich bin gewesen auch ein Jahr Bei Venus, einer Frauen. So wollt’ ich Buss’ und Beicht’ empfahn, 75 Ob ich möcht’ Gott anschauen.”
Der Papst hat ein Stäblein in seiner Hand, Das war sich also dürre: “Als wenig das Stäblein grünen mag, Kommst du zu Gottes Hulde!” 80
“Und sollt’ ich leben nur ein Jahr, Ein Jahr auf dieser Erden, So wollt’ ich Beicht’ und Buss’ empfahn Und Gottes Trost erwerben.”
Da zog er wied’rum aus der Stadt 85 In Jammer und in Leiden: “Maria Mutter, reine Magd, Muss ich mich von dir scheiden!”
Er zog nun wied’rum in den Berg Und ewiglich ohn’ Ende: 90 “Ich will zu meiner Frauen zart, Wo mich Gott will hin senden.”
“Seid gottwillkommen, Tannhäuser! Ich hab’ Eu’r lang entboren; Seid gottwillkommen, mein lieber Herr, 95 Zu einem Buhlen auserkoren.”
Das währet an den dritten Tag, Der Stab hub an zu grünen. Der Papst schickt’ aus in alle Land: Wo der Tannhäuser wär’ hinkommen? 100
Da war er wieder in den Berg Und hatt’ sein Lieb erkoren; Des muss der vierte Papst Urban Auf ewig sein verloren!
[Notes: 42: Erk and Böhme, I, 40. The Venus of the folk-song represents the German Frau Holde, a love-goddess who holds her court in a mountain and infatuates men to the peril of their souls. Just how and when the saga attached itself to the historical minnesinger Tannhäuser is not known. Urban IV, referred to in the last stanza, was pope from 1261 to 1265. 43: A form of the old negative particle; en nit = nicht. 44: Jemands ... Ihr, ‘any one but you.’ 45: Bleiben. 46: Equivalent to gleichgültig. 47: The legendary old man, faithful Eckart, who warns of danger and rebukes sinners. 48: For entbehrt.]
+XXXIX. LATE MEDIEVAL RELIGIOUS PROSE+
Prior to Luther the most noteworthy prose is found in the sermons of Berthold von Regensburg, the great 13th century preacher, and in the somewhat later writings, largely sermons, of the mystics Eckhart, Seuse, Tauler and Meerschwein. Their interest is rather more religious than literary. The earliest example of imaginative prose is the so-called Farmer of Bohemia, written in 1399, in which a bereaved husband discourses of his lost wife with Death. The 15th century shows a considerable body of prose literature in the form of sermons, chronicles, translations, paraphrases, but nothing of great artistic distinction.



