An anthology of German literature · Calvin Thomas

Chapter 1

Chapter 7 of 52 · 3 min read

From the High German ‘Reinhart Fuchs,’ lines 663 ff: Reynard initiates the wolf as a monk and teaches him to catch fish.

“Gevatter,” sprach Herr Isengrin, “Gedenkst du stets als Mönch hierin Zu wohnen bis zu deinem Tod?” 665 “Ja wohl,” sprach er, “es tut mir not: Du wolltest ohne meine Schuld Mir versagen deine Huld Und nehmen wolltest du mein Leben.” Sprach Isengrin: “Ich will’s vergeben, 670 Hast du mir je ein Leid getan, Wenn ich nun mit dir wohnen kann.” “Vergeben? Mir?” sprach da Reinhart, “Mein Leben sei nicht mehr bewahrt, Tat ich je was zu Leide dir. 675 Wüsstest du mir Dank dafür, Ich gäbe dir zwei Stücke Aal, Den Rest von meinem letzten Mahl.” Herr Isengrin war hoch erfreut. Er öffnete das Maul sehr weit. 680 Und Reinhart warf sie ihm in Mund. “Ich bliebe immermehr gesund,” Sprach Isengrin mit blödem Sinne, “Wär’ ich nur einmal Koch da drinne.” Reinhart sprach: “Ist bald getan. 685 Willst du hier Brüderschaft empfahn, So wirst du Meister über die Braten.” Dem war es recht, wie ihm geraten. “Das tu’ ich,” sagte Isengrein. “Also steck deinen Kopf herein,” 690 Sprach Reinhart. Jener war bereit, Und eilig nahte sich sein Leid. Er tat hinein die Schnauze gross, Und Bruder Reinhart ihn begoss Mit heissem Wasser, das ist wahr, 695 Und brachte ihn um Haut und Haar. Isengrin sprach: “Weh tut das mir.” Reinhart sagte: “Wähnet Ihr Den Himmel mühlos zu gewinnen? Ihr seid doch nicht so ganz von Sinnen? 700 Gern mögt Ihr leiden diese Not, Gevatter, wenn Ihr läget tot: Die Brüderschaft habt Ihr empfahn, Und alle Tage von nun an Habt Ihr an tausend Messen teil, 705 Was sicherlich Euch bringt zum Heil.” Isengrin meint’, es wäre wahr; Er klagte nicht um Haut und Haar, Die er nun nicht mehr nannte sein. Er sprach: “Jetzt, Bruder, sind gemein 710 Die Äle, die noch drinne sind, Da ich wie du ein Gotteskind. Wer mir ein Stück davon versagt, Wird vor dem Abte angeklagt.” Reinhart sprach: “Nie tät’ es not; 715 Euch steht das Unsrige zu Gebot In brüderlicher Minn’ und Ehr’, Doch hier sind keine Fische mehr. Ich will Euch aber führen gleich Zu unserm klösterlichen Teich, 720 In dem so viele Fische gehen, Dass niemand mag sie übersehen. Die Brüder taten sie hinein.” “Lasst uns nur hin,” sprach Isengrein; Da gingen sie; gleich ohne Zorn, 725 Der Teich war aber überfrorn. Sie begannen nachzuschauen; Es war ein Loch im Eis gehauen, Wo man sich Wasser herausnahm, Was Isengrin zu Schaden kam. 730 Sein Bruder trug ihm grossen Hass Und einen Eimer nicht vergass; Reinhart war froh, als er ihn fand Und an den Schwanz dem Bruder band. Da sprach Herr Isengrein: 735 “In nomine patris! Was soll das sein?” “Senkt hier den Eimer,” Reinhart sprach, “Und wartet ruhig und gemach Indem ich treibe sie hierher; Nicht lange bleibt Ihr magenleer, 740 Weil ich sie sehen kann durchs Eis.” Herr Isengrin war nicht sehr weis’. Er sprach: “Sagt mir in Bruderminne, Gibt es denn wirklich Fisch’ hierinne?” “Ja Tausende hab’ ich gesehn.” 745 “Wohl denn, es kann uns Glück geschehn.” Isengrin hatte dummen Sinn; Bald fror der Schwanz ihm fest darin. Die Nacht ward schrecklich kalt am Ort, Doch Reinhart schwieg nur immerfort. 750 Herr Isengrin fror mehr und mehr; Er sprach: “Der Eimer wird mir schwer.” “Ich zähle drin, bei meiner Ehr’, Der Äle dreissig,” sprach Reinhart; “Dies wird uns eine nütze Fahrt. 755 Steht nur noch wenig Zeit in Ruh’, Es kommen hundert noch dazu.” Nachher, als es begann zu tagen, Sprach Reinhart: “Leider muss ich sagen, Mir bangt des grossen Reichtums wegen. 760 Ich bin in hohem Grad verlegen, Weil so viel Fische uns gegönnt, Dass Ihr sie gar nicht heben könnt. Versucht’s doch, ob es Euch gelingt, Dass Ihr heraus den Eimer bringt.” 765 Herr Isengrin fing an zu ziehen, Doch all umsonst war sein Bemühen; Den Eimer musst’ er lassen stehen. Reinhart sprach: “Ich will jetzt gehen Zu den Brüdern, dass sie kommen; 770 Es soll der Fang uns allen frommen.” Bald kam herauf die helle Sonn’, Und Reinhart machte sich davon.