An anthology of German literature · Calvin Thomas
Chapter 2
Chapter 6 of 52 · 5 min read
From the Vienna play: The quacksalver scene.
(Nun kommen die Personen und singen.)
Allmächtiger Gott, Vater der höchste, Der Engel Trost, der aus der Not Uns rettete und Trost uns bot—
DIE ZWEITE PERSON
Vater, allmächtiger Gott, Dem die Engel stehn zu Gebot, 5 Was soll uns Armen nun geschehen, Da wir dich nicht mehr sollen sehen? Wir haben den verloren, Der uns zum Troste ward geboren, Jesus Christus, 10 Der reinen Jungfrau Sohn, Der der Welt Hoffnung war. O, wie gross ist unser Schmerz! Wir haben verloren Jesus Christ, Der aller Welt ein Tröster ist, 15 Mariens Sohn, den reinen; Drum müssen wir beweinen Bitterlich seinen Tod, Da er uns half aus grosser Not.
DIE DRITTE PERSON
Wir wollen dahin, wo er im Grabe liegt, 20 Und ihn betrauern, der den Tod besiegt Für uns, und salben ihm die Wunden sein; O weh, wie gross ist unsre Herzenspein! Geliebte Schwestern beide, Wie sollen wir leben in unserm Leide, 25 Wenn wir entbehren müssen Jesus den süssen? Drum gehen wir und kaufen Salben, Damit wir ihm allenthalben Bestreichen seine Wunden 30 In diesen frühen Stunden.
(Der Kaufmann ruft dem Knechte)
Rubein! Rubein! Rubein!
(Rubinus kommt gelaufen)
Was wollt Ihr denn, Herr Meister mein?
MERCATOR
Rubein, wo hast du so lange gesteckt? Du tust deinen Dienst nicht recht. 35 Du solltest hier kaufen und verkaufen Und die Leute schinden und täuschen.
RUBINUS
Herr, ich besuchte jene alten Weiber; Ich wollte auftreten als Harnsteinschneider.
MERCATOR
Rubein, es wird wohl nächstens tagen. 40 Ich hör’ ein jämmerlich Klagen Von drei Frauen, die singen; Uns mag jetzt wohl gelingen, Ein gut Geschäft zu machen mit Ehr’; Geh und rufe sie hierher. 45
RUBINUS
Herr, welche meinest du? Soll ich sie alle rufen herzu?
MERCATOR
Doch nicht! Rufe nur die allein, Die am Wege klagen und schrein.
(Rubinus geht zu den Schwestern)
Gott grüss’ euch, Frauen, zu jeder Zeit. 50 Ich sehe wohl, dass ihr betrübet seid. Was euch mag immer schmerzen, Ihr seufzt mit schwerem Herzen. Es tut mir leid, das glaubet mir, Dass so betrübt ihr stehet hier. 55
Die Personen sagen:
Gut Kind, Gott lohn’ es dir! Wir haben ein schwer Gemüt allhier.
RUBINUS
Das bessere Gott in seiner Güte Und euch vor allem Leid behüte! Ausser Trost hättet ihr was gern, 60 So geht und fragt bei meinem Herrn.
DIE ZWEITE PERSON
Gott segne dich, du guter Knabe, Und lass gedeihen deine Habe! Unser Leid ist verborgen. Wir wollen dir gerne folgen; 65 Nicht länger wollen wir hier stehn, Wir wollen gerne mit dir gehn.
Mercator canit:
Ihr Frauen, seid mir höchst willkommen! Ich hoffe zu fördern euer Frommen. Ist etwas hier, was ihr begehrt, 70 Es wird euch gern von mir gewährt. Ich habe die besten Salben, Die da allenthalben Im Lande werden zu finden sein, In Ysmodia und in Neptaleim. 75 So wahr ich mir den Korb und Stab Mitgebracht habe aus Arab; So wahr mein schönes Weib Antonie Mit mir kam von Babylonie, So muss euch diese recht gedeihen, 80 Denn ich brachte sie von Alexandreien.
DIE DRITTE PERSON
Guter Mann, ich hab’ in der Hand Drei schöne Gulden von Byzant. Gib uns dafür reichlichermassen, Und möge Gott dich leben lassen! 85
MERCATOR
Da ihr beim Kauf nicht feilschen wollt, Will ich verdienen euer Gold. Nehmt also erstens diese Büchse, Die besser ist als andre fünfe. Und nehmet diese auch dabei, 90 Die besser ist als andre zwei. Und diese Büchse nehmet, so Noch besser ist als andre zwo.
TERTIA PERSONA
Nun sage uns, du guter Mann, Sollen wir mit dieser Salbe gahn? 95
MERCATOR
Ja, Frau, und wär’ ich rotes Gold, Ihr sollt sie tragen, wohin ihr wollt.
Die Ärztin spricht zornig:
Ihr Frauen, lasst die Büchsen stehn! Ihr sollt damit von hier nicht gehn, Sie kosteten mir allzuteuer; 100 Die macht’ ich neulich überm Feuer. Geht schnell von meinem Krame ab, Sonst schlag’ ich euch mit einem Stab.
Der Krämer spricht zu ihr:
Wie doch, Ihr böse Haut! Wie dürft Ihr immer werden laut? 105 Wollt Ihr tadeln mein Verkaufen, Ich will Euch schlagen, will Euch raufen.
MERCATRIX
Wie ist der Flachsbart doch so dreist! Du bist ein rechter Plagegeist. Der Geier soll dich schänden 110 Hier unter meinen Händen!
MERCATOR
Frau, lasst ab von Eurem Schwatzen, Sonst fühlt Ihr nächstens meine Tatzen.
MERCATRIX
Ich schweige nicht, das sag’ ich dir! Wenn du kommst von deinem Bier, 115 Bist du betrunken wie ein Schwein. Mög’ es dir nimmermehr gedeihn!
MERCATOR
Schweigt, Frau, sonst rollt Ihr bald zu Hauf.
MERCATRIX
Da drüben geht der Vollmond auf.
MERCATOR
Schweigt, oder ich geb’ Euch einen Schlag. 120
MERCATRIX
Klotz, da er hier besoffen lag!
MERCATOR
O du altes Redefass! Ich trug dir doch niemals Hass. Nun geb’ ich dir eins auf den Kopf, Dass es summt dir unterm Schopf. 125 Und eins noch kriegst du auf den Rücken, Das weh tun soll in allen Stücken.
MERCATRIX
Ach, ach, ach und leider! Sind das doch die neuen Kleider, Die du zu Ostern mir gesandt. 130 Wärst du nur ins Feuer gerannt! Gott gebe dir Geschwür’ im Magen, Dass du krepierst in wenig Tagen! Wärst du nicht zu Wien entgangen, Man hätte dich schon längst gehangen. 135 Du hast auch einen roten Bart Und bist ein Kobold schlimmster Art.
MERCATOR
Fraue, liebe Fraue mein, Möget Ihr immer selig sein! Vergib mir, dass ich dich geschlagen, 140 Aber du hast so viel zu sagen. Die Klage machst du mannigfalt, Und daran tust du mir Gewalt. Du hast ein wunderlich Gebärde, Und willst mich bringen unter die Erde. 145
MERCATRIX
Ja, ich vergebe dir die Schläge Am Tag, wo ich dich ins Grab hinlege.
MERCATOR (zu Rubin)
Hinweg mit den Pulvern! Hier kann ich nicht mehr bleiben. Hebe auf Korb und Stab, 150 Und laufen wir nach Arab Weithin von diesem Lande: Sonst kämen wir vielleicht zu Schande.
RUBINUS (dicit)
Herr, ich packe ein recht gerne Und laufe mit in weite Ferne. 155
[Notes: 2: The original is printed in the Fundgruben of Hoffmann von Fallersleben, 1837. The ‘Personen’ are the three Marys, who go at break of day to anoint the body of the buried Christ. On the way they are taken in by a peripatetic quacksalver who has a cantankerous wife and a scapegrace clerk named Rubin.]
+XXXV. REYNARD THE FOX+
A humorous poem, with incidental satire, which enjoyed the favor of all medieval Europe. The earliest German attempt to weave a continuous narrative out of the animal-stories that had previously been current in Latin, and to some extent in French, was that of an Alsatian poet, Heinrich der Glichezare, who wrote about 1180 and drew upon French sources. With the exception of a badly preserved fragment this poem is lost. It was called Isengrines Not and described the pranks played by the cunning fox on the stupid wolf. Half a century later it was worked over by an unknown rimester who changed the title to Reinhart Fuchs. This is the High German version from which the first of the selections below is translated. More important in a literary way is the Low German version, of which the earliest print dates from 1498. A specimen of this is given in Simrock’s translation.



