An anthology of German literature · Calvin Thomas

Chapter 1

Chapter 5 of 52 · 2 min read

From the Redentin play: Christ’s descent into hell.

LUCIFER

Nun seht, ist das nicht ein wunderlich Getue, Dass wir nicht mehr sollen leben in Ruhe? Wir wohnen hier schon über fünftausend Jahr Und wurden solches Unfugs noch nie gewahr, Wie man ihn jetzt gegen uns will treiben; 5 Dennoch wollen wir hier verbleiben, So lange wir stehen noch kampfbereit, Ob es euch allen sei lieb oder leid.

LUCIFER (ad David)

David, wer ist dieser König der Ehren?

DAVID

Das kann ich dir wohl leicht erklären: 10 Er ist der starke Herr, Mächtig im Kampf und in aller Ehr’; Er ist’s, der alle Dinge hat erschaffen.

LUCIFER

O weh, so sind unnütz all unsre Waffen Und all unsre Wehr, 15 Kommt der gewaltige König hierher.

JESUS

Ich fordre, Riegel an dieser Hölle, Dass du dich auftuest in der Schnelle. Ich will zerbrechen das Höllentor Und die Meinen führen hervor. 20

(et cantat: Ego sum Alpha et Omega, etc.)

Ich bin ein A und auch ein O; Das sollt ihr wissen alle, so Hier seid in dieser Höllenfeste. Ich bin der Erste und auch der Letzte. Der Schlüssel Davids bin ich gekommen, 25 Um zu erlösen meine Frommen.

SATANAS

Wer ist dieser Mann mit dem roten Kleide, Der uns so vieles tut zu Leide? Eine Unanständigkeit ist das Und beleidigt uns in hohem Mass. 30

JESUS

Schweig’, Satan, und sei bange! Schweige, verdammte Schlange! Spring auf, du Höllentor! Die Seelen sollen hervor, Die darin sind gefangen. 35 Ich habe am Galgen gehangen Für die, die taten den Willen mein. Ich habe gelitten grosse Pein In meines Leibs fünf Wunden. Damit soll Lucifer sein gebunden 40 Bis an den jüngsten Tag: Ihm ewige Pein und ein grosser Schlag.

(Tunc cum vehemencia confringit infernum)

Weichet von hier geschwinde, All ihr Höllengesinde!

(et arripit Luciferum)

Lucifer, du böser Gast, 45 Du trägst fortan dieser Ketten Last, Nicht mehr treibst du dein schändlich Wesen; Meine Lieben sollen vor dir genesen.

(Chorus cantat: Sanctorum populus —Anime cantant: Advenisti —Jesus cantat: Venite benedicti —cum ricmo:)

Kommt her, meine Benedeiten! Not sollt ihr nicht mehr leiden. 50 In meines Vaters Reich begleitet ihr mich, Um dort euch zu freuen ewiglich Im lauteren Glanz der Seligkeit, Die euch ohn’ Ende stehet bereit.

(et arripit Adam manu dextra)

Adam, gib mir deine rechte Hand! 55 Heil und Glück sei dir bekannt! Ich vergebe dir, Was du verbracht zu Leide mir.

ADAM

Lob sei dir und Ehr’, Du Weltgebieter hehr! 60 Ich und all mein Geschlecht Waren verdammt mit Recht. Doch wolltest du in deiner Barmherzigkeit Uns erlösen aus solcher Jämmerlichkeit. Eva! Eva! 65 Selig Weib, komm mal her ja!

(et cantat: Te nostra vocabant suspiria—)

JESUS

Du warst an deinen Sünden gestorben; Nun hab’ ich sterbend dich wieder erworben Und will dich führen zu des Vaters Thron.

EVA

O Herr Jesus, Gottes Sohn, 70 Ich habe gesündigt gegen dich, Indem ich liess betrügen mich Und Trotz bot deinem Worte. Drum wohn’ ich hinter der Höllenpforte Wohl fünftausend Jahr! 75 Nun bin ich erlöset offenbar.

[Notes: 1: The original, in the Middle Low German of Mecklenburg (Redentin is a village near Wismar) is printed in Kürschner’s Deutsche Nationalliteratur, Vol. 14. —Upon coming to life in the tomb and escaping the guards stationed by Pilate, Christ descends into hell to release the ‘fathers.’ Lucifer’s first speech—he is the over-lord of hell and Satan his first lieutenant—is addressed to the devils in view of the rumored approach of the King of Glory.]