An anthology of German literature · Calvin Thomas
Chapter 3
Chapter 4 of 52 · 24 min read
From the ‘Rose-garden,’ Adventure 11: The battle between Dietrich and Siegfried.
Vermessentlich die Helden zwei scharfe Schwerter zogen, Dass spannenlange Scherben von ihren Schilden flogen. Um die Späne von den Schilden weinte manches Weib: “Sollen zwei Fürsten milde verlieren Leben und Leib,”
Sprachen sie, “der Königin zu lieb, das ist zu viel!” 5 “Lasst sie fechten,” sprach Kriemhild, “es ist mir nur ein Spiel.” Da fochten mit einander die beiden kühnen Degen Mit ungefügen Sprüngen, dazu mit grossen Schlägen.
Der Küsse dachte Siegfried, die er bei Kriemhild empfing; Da kam zu neuen Kräften der kühne Jüngling, 10 Man sah ihn mordlich fechten, das will ich euch sagen. Da begann er im Kreise Dietrichen umzujagen.
Da sprach die schöne Kriemhild: “Nun schaut, ihr Frauen mein, Das ist der kühne Siegfried, der Held vom Niederrhein. Wie treibt er den Berner umher auf grünem Feld! 15 Noch trägt mein lieber Siegfried das Lob vor aller Welt.”
Siegfried der edle war ein starker Mann, Jetzt lief er gewaltig Dietrichen an; Er schlug ihm eine Wunde durch seinen Eisenhut, Dass man hernieder rinnen ihm sah das rote Blut. 20
“Wie hält sich unser Herre?” frug heimlich Hildebrand. “Er ficht leider übel,” sprach Wolfhart allzuhand; “Eine tiefe Wunde hat er durch seinen Eisenhelm, Er ist mit Blut beronnen, er ficht recht wie ein Schelm.”
“Er ist noch nicht im Zorne,” sprach da Hildebrand. 25 “Nun ruf’ in den Garten, du kühner Weigand, Und sag’ ich sei gestorben, er habe mich erschlagen; Wenn das ihn nicht erzürnet, dann mögen wir wohl klagen.”
Wolfhart rief in den Garten, dass weit die Luft erscholl: “O weh mir meines Leides, das ist so gross und voll! 30 Hildbrand ist erstorben, wir müssen ihn begraben. O weh, du Vogt von Berne, was hast du ihn erschlagen!”
“Ist Hildebrand gestorben,” rief der Held von Bern, “So findet man an Treue ihm keinen gleich von fern. Nun hüte deines Lebens, Siegfried, kühner Mann, 35 Es ist mein Scherz gewesen, was ich noch stritt bis heran.
Wehr’ dich aus allen Kräften, es tut dir wahrlich not. Uns beide scheidet niemand als des einen Tod. Ich hab’ um deinetwillen verloren einen Mann, Den ich bis an mein Ende nimmer verwinden kann.” 40
Wie ein Haus, das dampfet, wenn man es zündet an, So musste Dietrich rauchen, der zornige Mann. Eine rote Flamme sah man gehen aus seinem Mund. Siegfried’s Horn erweichte; da ward ihm Dietrich erst kund.
Er brannte wie ein Drache, Siegfrieden ward so heiss, 45 Dass ihm vom Leibe nieder durch die Ringe floss der Schweiss. Den edeln Vogt von Berne ergriff sein grimmer Zorn: Er schlug dem kühnen Siegfried durch Harnisch und durch Horn,
Dass ihm das Blut, das rote, herabsprang in den Sand; Siegfried musste weichen, wie kühn er eben stand. 50 Er hatt’ ihn hin getrieben, jetzt trieb ihn Dietrich her; Das sah die schöne Kriemhild, die begann zu trauern sehr.
Der Berner schnitt die Ringe, als wär’ es faules Stroh; Zum erstenmal im Leben sah man, dass Siegfried floh. Da jagt’ ihn durch die Rosen der Berner unverzagt; 55 Nun säumte sich nicht länger die kaiserliche Magd.
Sie sprang von ihrem Sitze, ein Kleid sie von sich schwang, Kriemhild in grosser Eile hin durch die Rosen drang. Da rief mit lauter Stimme die Königstochter hehr: “Nun lasst von Eurem Streite, Dietrich, ich fleh’ Euch sehr. 60
Steht ab um meinetwillen, und lasst das Kämpfen sein; Euch ist der Sieg geworden zu Worms an dem Rhein.” Da tat der Vogt von Berne, als hätt’ er’s nicht gehört, Er schlug mit seinem Schwerte, schier hätt’ er ihn betört.
Er hörte nichts von allem, was die Königstochter sprach, 65 Bis er dem kühnen Siegfried vollends den Helm zerbrach. Wie viel man der Stühle zwischen die Streiter warf, Die zerhieb der Berner mit seinem Schwert so scharf.
Da warf sie ihren Schleier über den kühnen Degen; So dachte sie dem Gatten zu fristen Leib und Leben. 70 Da sprach die Königstochter: “Bist du ein Biedermann, So lass ihn des geniessen, dass er meine Huld gewann.”
Da sprach der Held von Berne: “Die Rede lasset sein; Wessen Ihr mich bittet, zu allem sag’ ich nein. Euch Ritter und euch Frauen, ich bring’ euch all’ in Not; 75 Ihr müsst vor mir ersterben, da Hildebrand ist tot.”
Alles, was im Garten war, wollt’ er erschlagen, Dietrich in seinem Zorne, wie wir hören sagen. Hildebrand der alte tat als ein Biedermann, Er sprang in den Garten und rief seinen Herren an. 80
Er sprach: “Lieber Herre, lasst ab von Eurem Zorn; Ihr habt den Sieg gewonnen, nun bin ich neu geborn.” Dietrich der kühne sah Hildebranden an, Da erweicht’ ihm sein Gemüte, da er stehen sah den Mann.
Der Berner liess sein Toben, er küsst’ ihn auf den Mund; 85 “Gott will ich heute loben, dass du noch bist gesund; Sonst hätte nicht verfangen ihr Flehen insgemein; Um Siegfried war’s ergangen: das schuf das Sterben dein.
Nun lass’ ich von dem Harme, da Hildbrand ist gesund.” Da schlug die Königstochter sich selber auf den Mund. 90 Da sprach Frau Kriemhild: “Ihr seid ein biedrer Mann, Dem man seinesgleichen in der Welt nicht finden kann.”
Auf setzte sie dem Berner ein Rosenkränzelein, Ein Halsen und ein Küssen gab ihm das Mägdelein. Sie sprachen einhellig: “Das mag man Euch gestehn, 95 Es ward in allen Reichen kein Mann wie Ihr gesehn.”
Siegfried dem kühnen man zu Hilfe kam, Sie führten ins Gestühle den Degen lobesam. Man zog ihm ab den Harnisch, dem kühnen Weigand; Da verbanden ihm die Wunden die Frauen allzuhand. 100
[Notes: 5: Kriemhild has at Worms a rose-garden which is guarded by twelve famous champions. She challenges Dietrich and his Amelungs to invade her garden if they dare, promising to each victor a kiss and a wreath. Eleven duels, in which Kriemhild’s man is either slain or barely holds his own, precede the encounter between the two invincibles. 6: In the preceding adventure we hear that Dietrich was at first unwilling to face Siegfried on account of his horny skin, his magic sword and his impenetrable armor. To provoke his master’s wrath—Dietrich can only fight when enraged—the faithful Hildebrand takes him aside and calls him a coward; whereat Dietrich knocks him down—to the old man’s private satisfaction.]
+XXIX. MEYER HELMBRECHT+
A metrical novelette written about 1250 by a man who calls himself Wernher the Gardner. The locus of the story, which is interesting as a picture of the times, is the region about the junction of the Inn and the Salzach. Its hero is a depraved young peasant, who gets the idea that the life of a robber knight would be preferable to hard work upon his father’s farm. So he dresses himself in fine clothes to ape the gentry, becomes a robber and commits all manner of outrages until one day he is caught and hanged by a party of his victims. In the course of his career he revisits his former home and compares notes with his father. The selection is from Bötticher’s translation in Part II of Bötticher and Kinzel’s Denkmäler.
Lines 844-986: The old knighthood and the new.
Als sie in Freuden assen, Da konnt’s nicht länger lassen 845 Der Vater, ihn zu fragen Nach höfischem Betragen, Wie er’s bei Hof gelernt jetzund. “Mein Sohn, die Sitten tu mir kund, So bin ich auch dazu bereit, 850 Zu sagen, wie vor langer Zeit In meinen jungen Jahren Die Leut’ ich sah gebaren.” “Ach Vater, das erzähle jetzt, Ich geb’ auch Antwort dir zuletzt 855 Auf alle deine Fragen Nach höfischem Betragen.” “Vor Zeiten, da ich Knecht noch war Bei meinem Vater manches Jahr, —Den du Grossvater hast genannt— 860 Hat der mich oft zu Hof gesandt Mit Käse und mit Eiern, Wie’s heut noch Brauch bei Meiern. Da hab’ die Ritter ich betrachtet Und alles ganz genau beachtet. 865 Sie waren edel, kühn und treu, Von Trug und niederm Sinne frei, Wie’s leider heut nicht oft zu schaun Bei Rittern und bei Edelfraun. Die Ritter wussten manches Spiel, 870 Das edlen Frauen wohlgefiel. Eins wurde Buhurdier’n genannt, Das tat ein Hofmann mir bekannt, Als ich ihn nach dem Namen fragte Des Spiels, das da so wohl behagte. 875 Sie rasten dort umher wie toll —Drob war man ganz des Lobes voll,— Die einen hin, die andern her. Jetzt sprengte dieser an und der, Als wollt’ er jenen niederstossen. 880 Bei meinen Dorfgenossen Ist selten solcherlei geschehn, Wie dort bei Hof ich’s hab’ gesehn. Als sie vollendet nun das Reiten, Da sah ich sie im Tanze schreiten 885 Mit hochgemutem Singen; Das lässt Kurzweil gelingen; Bald kam ein muntrer Spielmann auch, Der hub zu geigen an, wie’s Brauch. Da standen auf die Frauen, 890 Holdselig anzuschauen. Die Ritter traten jetzt heran Und fassten bei der Hand sie an; Da war nun eitel Wonne gar Bei Frauen und der Ritterschar 895 Ob süsser Augenweide. Die Junker und die Maide, Sie tanzten fröhlich allzugleich Und fragten nicht, ob arm, ob reich. Als auch der Tanz zu Ende war, 900 Trat einer aus der edlen Schar Und las von einem, Ernst genannt; Und was von Kurzweil allerhand Am liebsten jeder mochte treiben, Das fand er dort: Nach Scheiben 905 Mit Pfeil und Bogen schoss man viel; Die andern trieben andres Spiel, Sie freuten sich am Jagen. O weh, in unsern Tagen Wär’ nun der Beste, das ist wahr, 910 Wer dort der Allerschlecht’ste war. Da wusst’ ich wohl, was Ehr’ erwarb, Eh’ leid’ge Falschheit es verdarb. Die falschen, losen Gesellen, Die boshaft sich verstellen, 915 Nicht Recht und Sitte kennen,— Niemand wollt’s ihnen gönnen, Zu essen von des Hofes Speise. Heut ist bei Hofe weise, Wer schlemmen und betrügen kann; 920 Der ist bei Hof der rechte Mann Und hat an Geld und Gut und Ehr’ Ach, leider immer noch viel mehr Als einer, der rechtschaffen lebt Und fromm sich Gottes Huld erstrebt. 925 So viel weiss ich von alter Sitte; Nun, Sohn, tu mir die Ehr’, ich bitte, Erzähle von der neuen nun.” “Das, Vater, will ich treulich tun. Jetzt heisst’s bei Hof nur: Immer drauf, 930 Trink, Bruder, trink, und sauf und sauf! Trink dies, so sauf’ ich das: juchhe! Wie könnt’ uns wohler werden je? Nun höre, was ich sagen will: Einst fand man edle Ritter viel 935 Bei schönen, werten Frauen. Heut kann man sie nur schauen, Wo unerschöpflich fliesst der Wein. Und nichts macht ihnen Müh’ und Pein Vom Abend bis zum Morgen, 940 Als nur das eine Sorgen, Wenn nun der Wein zur Neige geht, Ob sie der Wirt auch wohl berät Und neuen schafft von gleicher Güte. Da suchen Kraft sie dem Gemüte. 945 Ihr Minnesang heisst ungefähr: Reich, Schenkin, schnell den Becher her! Komm, süsses Mädchen, füll’ den Krug, ‘s gibt Narr’n und Affen noch genug. Die, statt zu trinken, ihren Leib 950 Elend verhärmen um ein Weib. Wer lügen kann, der ist ein Held, Betrug ist, was bei Hof gefällt, Und wer nur brav verleumden kann, Der gilt als rechter höf’scher Mann. 955 Der Tüchtigste ist allerorten, Wer schimpft mit den gemeinsten Worten. Wer so altmodisch lebt wie ihr, Der wird bei uns, das glaubet mir, In Acht und schweren Bann getan. 960 Und jedes Weib und jeder Mann Liebt ihn nicht mehr noch minder Als Henkersknecht und Schinder. Und Acht und Bann ist Kinderspott.” Der Alte sprach: “Erbarm’ sich Gott! 965 Ihm klag’ ich täglich neu das Leid, Dass sich das Unrecht macht so breit. Dahin ist der Turniere Pracht, Dafür hat Neues man erdacht. Einst rief man kampfesfreudig so: 970 Frisch auf, Herr Ritter, frisch und froh! Jetzt aber schallt’s an allen Tagen: Hussa, Herr Ritter, auf zum Jagen, Stich hier und schlag’ zu Tode den, Und blende, wer zu gut kann sehn. 975 Dem dort hau’ frisch nur ab das Bein, Den lass der Hände ledig sein. Lass den am nächsten Baume hangen, Doch jenen Reichen nimm gefangen, Er zahlt uns gerne hundert Pfund.” 980 “Mir sind die Sitten alle kund, Mein Vater, und ich könnte eben Von diesem neuen Brauch und Leben Noch viel erzählen, doch heut nicht mehr; Ich ritt den ganzen Tag umher, 985 Und mich verlangt nach Ruhe nun.”
[Notes: 1: A sham battle between two troops of mounted knights. 2: That is, Duke Ernst; see above, No. xvii. 3: That is: We pay no attention to the decrees of the courts.]
Lines 1700-1790: Helmbrecht’s sad end.
Wohin er kam bei seinem Wandern, 1700 Da zeigt’ ein Bauer ihn dem andern Und schrie ihn an und seinen Knecht: “Haha! Du dieb’scher Schuft, Helmbrecht, Wärst du ein Bauer noch wie ich, Man führte nicht als Blinden dich.” 1705 Ein Jahr lang litt er solche Not, Bis durch den Strang er fand den Tod. Ich sag’ euch nun, wie das geschah. Ein Bauer ihn von weitem sah, Als eines Tags er durch den Wald 1710 Hinstrich um seinen Unterhalt. Der Bauer spaltete mit andern Sich Holz; da sah er Helmbrecht wandern, Der eine Kuh ihm einst genommen, Die sieben Bänder schon bekommen. 1715 Gleich sprach er zu den lieben Freunden, Dass sie zur Rachetat sich einten. “Wahrhaftig,” fiel gleich einer ein, “In Stücke reiss’ ich ihn so klein, Wie Stäubchen in dem Sonnenlicht, 1720 Nimmt ihn vorweg ein andrer nicht. Denn mir und meinem Weibe Zog er hinweg vom Leibe Das letzte Kleid, das unser war; Drum ist er mein mit Haut und Haar.” 1725 Ein dritter, der dabei stand sagte: “Und wenn er aus sich drei auch machte, Ich wollt’ ihn töten doch allein. Der Schuft schlug Schloss und Türen ein Und nahm aus Küch’ und Keller frech 1730 Mir auch den letzten Vorrat weg.” Dem vierten, der das Holz zerhieb, Vor Wut kaum noch die Sprache blieb: “Ich reisse gleich den Kopf ihm ab Und denke, dass ich Ursach’ hab’. 1735 Mein Kind in einen Sack er stiess, Dieweil’s noch schlummerte so süss. Mitsamt den Betten stopft’ er’s ein, In dunkler Nacht blieb ich allein. Und als es schrie vor Schmerz und Weh, 1740 Da schleudert’ er’s in kalten Schnee. Da wär’ es elend umgekommen, Hätt’ ich’s nicht schnell ins Haus genommen.” Der fünfte sprach: “Ja, meiner Treu,’ Wie ich mich seines Hierseins freu’! 1745 Wie soll mein Herz sich heute weiden An seinen Qualen, seinen Leiden! Er tat Gewalt an meinem Kind; Und wär’ er dreimal noch so blind, Ich hängt’ ihn an den nächsten Baum. 1750 Ich selber rettete mich kaum Aus seinen Händen, nackt und bloss. Ja, wär’ er wie ein Haus so gross, Es wird an ihm noch heut gerochen, Nun er sich hierher hat verkrochen 1755 In diesen tiefen, dichten Wald.” “Nur näher, kommt doch näher bald!” So riefen sie, und bald ergoss Sich auf Helmbrecht der ganze Tross. Indes die Schläge auf ihn sausten, 1760 Hohnworte ihm im Ohre brausten: “Helmbrecht, die Haube nimm in Acht!” Was Henkershand noch nicht vollbracht An diesem Werk voll Schmuck und Zier, Das war gar bald getan allhier. 1765 Ein grauses Bild: auch nicht ein Stück, Breit wie ein Pfennig, blieb zurück. Die Sittiche und Lerchen schön, Wie lebende fast anzusehn, Die Sperber und die Turteltauben, 1770 Und was genäht sonst auf die Hauben, Das lag zerstreut nun allerorten. Hier trieben Lockenbüschel, dorten Das Seidenzeug und blondes Haar. Wär’ sonst keins meiner Worte wahr, 1775 Ihr könntet mir doch glauben, Was ich erzähle von der Hauben. Wie jämmerlich sie ward zerrissen! Wollt ihr von einem Kahlkopf wissen? Kein kahlerer ward je gesehn. 1780 Sein Lockenhaar, so blond und schön, Das lag verachtet und zerstreut Rings auf der Erde weit und breit. Das kümmerte die Bauern nicht, Sie liessen noch den armen Wicht 1785 Die Beichte sprechen; gleich zur Stund Schob einer Helmbrecht in den Mund Ein Bröckchen Erd’ zu Schutz und Hut Vor Höllenfeuers heisser Glut. Dann hängten sie ihn an den Baum. 1790
[Notes: 4: Helmbrecht has had his eyes put out by a magistrate. 5: Of the ‘bands’ or ‘rings’ on the cow’s horns. She was seven years old. 6: At the beginning of the poem Helmbrecht’s elaborately embroidered hood is described at length. 7: This is not to be understood as a mockery of religion. A dying person might be shrived by a layman if no priest was at hand, a bit of earth or grass being substituted for the holy host.]
+XXX. THOMASIN OF ZIRCLAERE+
A North-Italian cleric—Zirclaere was a village in the old duchy of Friuli—who wrote a rimed treatise on manners, morals, education, etc. He wrote first in Wälsch, i.e. Italian, or more probably French, and then in German. His German title, Der wälsche Gast, was a bid for the hospitable reception of the foreigner’s book in Germany. And it was well received, there being evidence that it was widely read for two centuries. The poem consists of 14,752 verses in ten books and was written in 1215. There is no poetry in it, but it is interesting as a specimen of medieval didacticism.
From the ‘French Guest,’ Book 3: Life’s compensations; riches and poverty.
Der Bauer möchte werden Knecht, Dünkt ihm einmal das Leben schlecht; Der Knecht, der wäre gern ein Bauer, Dünkt ihm einmal das Leben sauer. Der Pfaffe möchte Ritter wesen, 5 Langweilt es ihm, sein Buch zu lesen; Sehr gern der Ritter Pfaffe wär’, Wenn er den Sattel räumt dem Speer. Der Kaufmann, kommt er in die Not, Sagt: “Weh und ach, o wär’ ich tot! 10 Mir ist ein elend Los gegeben. Der Werkmann hat ein gutes Leben; Er bleibt zu Hause, sel’ger Mann, Da ich, der ich nicht werken kann, Muss fahren immer hin und her 15 Und leiden Mühsal hart und schwer.” Der Werkmann sagt: “Wie wonniglich Lebt doch der Kaufmann! Während ich Mich nachts mit harter Arbeit plag’, Schläft ja der Kaufmann, wenn er mag.” 20 Was diesem lieb, ist jenem leid; Das macht die Unbeständigkeit. Wollte ziehen der Hund am Wagen, Und der Ochse Hasen jagen, Es deuchte uns doch wunderlich. 25 Noch schlimmer aber reimt es sich, Bei diesem oder jenem Leiden Den Stand des andern zu beneiden, Der Knecht den Bauer und umgekehrt; Das ist ja beiderseits verkehrt. 30 Wird Pfaffe Ritter, Ritter Pfaffe, So handelt jeder wie der Affe, Der, sorglos ob es ihm sei recht, Ein jedes Amt bekleiden möcht’. Die Sach’ ist trüglich ganz und gar; 35 Ich sage euch, und es ist wahr: Das seine würde keiner geben, Kannt’ er nur des andern Leben. Des Armen Mühen und des Reichen, Die beiden sich vollständig gleichen. 40 Wer hat Verstand, der deutlich sieht, Dass Armut nicht den kürzern zieht. Dem Armen weh die Armut tut, Der Reiche quält sich um sein Gut. Ist man mir schuldig, tut’s mir leid, 45 Dass keine Barschaft steht bereit; Bin ich der Schuldige, leid’ ich Qualen, Weil ich nichts habe zu bezahlen. Man sieht ja, zwischen arm und reich Ist alles abgewogen gleich. 50 Der arme Mann sehnt sich nach Gut, Der reiche Mann bedarf der Hut. Gut wünschen ist des Armen Plage, Und wer es hat, kommt in die Lage, Dass er um Hilfe bitten muss; 55 Auf gleicher Stufe geht ihr Fuss. Der Arme plagt sich nach dem Gute, Dem Reichen ist es schlecht zu Mute, Weil er noch ungesättigt bleibt; Besitz die Sorgen nie vertreibt. 60 Wer hat genug und mehr noch will, Dem hilft sein Gut genau so viel, Als Rauch den Augen nützlich ist; Das ist nun wahr zu jeder Frist. Der ist sehr arm bei grossem Gut, 65 Der mehr begehrt in seinem Mut. Der hat an kleinen Dingen viel, Der hat genug und nichts mehr will. Hat jemand einen reichen Mut, Er ist nicht arm bei kleinem Gut. 70 Wem nicht genüget, was er hat, Für dessen Armut ist kein Rat: Des bösen Mannes kargem Mut Genügt ja nicht das grösste Gut. Der Geiz’ge hätte stets die Fülle, 75 Wäre nur nicht sein böser Wille. Wer nicht mit wenigem kann leben, Muss seinen Leib zu eigen geben. Der brave Mann weiss stets Bescheid In Reichtum und in Dürftigkeit. 80
Wir wenden mehr der Müh’ und List An das, was uns nicht nötig ist, Als an das Nötige sogar: Ist doch die Art sehr wunderbar. Man lässt zu Hause Kind und Weib 85 Und plagt mit Arbeit seinen Leib, Und der Gewinn ist manchmal klein; Es würd’ also viel besser sein, Wenn man mit nur geringer Müh’ Nach Tugend würbe; so gedieh’ 90 Uns Reichtum und ein grosses Gut (Ich meine in dem reichen Mut). Man gibt sehr oft den eignen Leib, Freiheit, Seele, Kind und Weib Um weniges, und wenn zur Stund’ 95 Wir’s kaufen sollten für ein Pfund, Wir liessen es ganz unberührt. Der tör’chte Mensch zu Markte führt Sein eignes Selbst und weiss nicht wie, Um lauter Sorge, Reu’ und Müh’, 100 Mit seinem Selbst kauft er was ein, Und meint, das Ding nun wäre sein; Doch mit der Zeit wird er belehrt, Dass er vielmehr dem Ding gehört. Er wäre sein, wär’ nicht sein Gut; 105 Dermassen hat er seinen Mut, Und seinen Sinn dem Gut gegeben Und muss als ein Leibeigner leben. Der, der verkauft den freien Mut, Erhält niemals ein gleiches Gut. 110 Wem sein Reichtum läufet vor, Der folget nach ihm wie ein Tor. Wer mit dem Gute unrecht tut, Der unterwirft ihm seinen Mut, Und wer es nicht beherrschen kann, 115 Der ist des Pfennigs Dienstemann. Jetzt von der Unbeständigkeit: Von grosser Lieb’ kommt grosses Leid. Was man erwirbt mit grosser Not, Man lässt es doch zurück im Tod. 120 Der Reichtum macht niemand gesund, Der ruft ihn in der Krankheit Stund’. Wer da ihn liebt mit grossem Neid, Verlässt ihn auch mit grossem Leid; Und wie er sich mag wenden, 125 Es muss mit ihm doch enden. Und Leid von Lieb’ entstehen mag, Sogar auch vor dem Todestag: Feind, Feuer, Spiel und Tod und Diebe, Die können machen Leid aus Liebe. 130 Drum mein’ ich, dass der Reiche tut Das beste, wenn er gibt sein Gut Um ein viel besseres, das heisst, Um Gottes Huld, die allermeist Einträglich ist und ihm gewährt 135 Den Reichtum, der sich ewig mehrt, Den kauft des Armen reiner Mut; Drum haben sie ein gleiches Gut. Der Arme kommt zu seinem Ziel Geschwinder, wenn er es nur will. 140 Der Reiche fährt in seiner Würde, Der Arme mit geringer Bürde Und ohne Sorge, wie’s ihm passt; Der Reiche mit des Reichtums Last, Dazu mit Angst und argem Wahn. 145 Hört er nur etwas, hält er an. Rührt sich irgendwo ’ne Maus, Er meint, es wäre in sein Haus Ein Dieb gekommen, und schreit “Diebe!” Das macht doch nur des Geldes Liebe. 150 Indessen dringt der Arme vor Dem Reichen zu des Herren Tor. Wer stets behalten will sein Gut, Der geb’ es in des Armen Hut; Denn dieser bringt es an den Ort, 155 Wo es ihm bleibt als ew’ger Hort. Wer seine Kammer hier will machen, Er mag sie, wie er will, bewachen, Verliert den Schatz, das Wort ist wahr, So hier wie dort auf immerdar. 160 Der Karge bleibt ein Nimmersatt: Solch Wesen auch die Hölle hat; Drum sollten beide, meine ich Zusammenhalten ewiglich. Wer sich erweist der Hölle gleich, 165 Gehört nicht hin in Gottes Reich.
+XXXI. DER STRICKER+
The assumed name of a thirteenth century writer whose real name is unknown. Der Stricker probably means ‘the composer,’ ‘the poet.’ He wrote a long epic, Karl the Great, an Arthurian romance, Daniel of the Blooming Vale, and several short tales of which the best is Pfaffe Ameis. The hero is a peripatetic rogue and practical joker who plays tricks on people and makes much money. The selection is from the translation by Karl Pannier in the Reclam library.
From ‘Pfaffe Ameis’, lines 805 ff: Ameis as doctor.
Als nun Ameis durch diesen Schlich 805 Gar vieles Gut erworben sich Dort an dem Hof zu Karolingen, Ritt er hin nach Lotharingen Und fragete da unverwandt, Bis er des Landes Herzog fand. 810 Dem meldete er eine Märe, Dass nach dem Herrgott keiner wäre, Der besser heilen könnt’ als er. “So hat Euch Gott gesendet her,” Hat da das Wort der Herzog nommen; 815 “So bin ich froh, dass Ihr gekommen. Ich hab’ Verwandt’ und Dienstleut’ hier, Von deren Leiden Kummer mir Ersteht; siech ist ein grosser Teil Verleiht Euch Gott ein solches Heil, 820 Dass Ihr sie machen könnt gesund, Ihr werdet reich zur selb’gen Stund’.” Ameis zu sprechen da begann: “Ich bin ein Arzt, der solches kann. Die von dem Aussatz sind befreit 825 Und nicht durch Wunden haben Leid, Die haben Krankheit nicht so schwer— Und wären’s tausend oder mehr,— Dass ich sie nicht gesunden macht’, Bevor der Tag entweicht der Nacht; 830 Geschieht dies nicht, nehmt mir das Leben. Drum bitt’ ich Euch, mir nicht zu geben Geschenke oder Lohn, bevor Ihr nicht gehört mit eignem Ohr, Dass sie gesagt, sie sei’n gesund. 835 Dann tut mir Eure Gnade kund.” Des freute sich der Herzog sehr: “Ihr redet wohl,” erwidert’ er Und rief die Kranken unverweilt. An zwanzig kamen da geeilt; 840 Die führt’ der Pfaff’ in ein Gemach. “Bald hab’ ich,” er zu ihnen sprach “Von eurer Krankheit euch befreit, Wenn ihr mir schwöret einen Eid, Erst nach Verlauf von sieben Tagen 845 Von meiner Red’ etwas zu sagen. Nicht anders ich euch heilen kann.” Als er mit solcher Red’ begann, Da liessen sie sich bald besiegen. Sie schworen, dass sie es verschwiegen, 850 Und er zu ihnen nun begann: “Nun gehet ohne mich hindann Und wollt besprechen euch dabei, Wer unter euch der kränkste sei. Ist er gefunden, tut’s mir kund— 855 Bald sollt ihr werden dann gesund. Den kränksten will ich nämlich töten, Um euch zu helfen aus den Nöten Mit seinem Blute allsogleich. Mein Leben sei zum Pfande euch.” 860 Darob erschraken alle Siechen, Und wer da kaum vermocht’ zu kriechen Vor seiner Krankheit grimmer Not, Der fürchtete, es sei sein Tod, Wenn seine Not gemerkt man hab’, 865 Und ging dahin gar ohne Stab, Wo sie die Unterredung hatten. Vernehmet jetzo, wie sie taten. Es dachte da ein jeder Mann: “Wie klein ich auch behaupten kann, 870 Dass meiner Krankheit Leiden sei, So redet einer doch dabei, Das seine sei noch kleiner; Dann redet wieder einer, Das seine sei zweimal so klein. 875 Dann sprechen alle insgemein, Ich sei der allerkränkste hie. So sterbe ich, geheilt sind sie. Drum will ich mich behüten eh’r Und sagen, dass gesund ich wär’.” 880 So dachte er bei sich allein, So dachten alle insgemein. Und alle gaben zu verstehn, Dass ihnen Gnade wär’ geschehn; Sie wären munter und gesund. 885 Das taten sie dem Meister kund. Er sprach: “Ihr wollt betrügen mich.” Da schwor ein jeder feierlich Bei seiner Treu’, es wäre wahr, Nichts tät’ ihm weh, auch nicht ein Haar. 890 Da ward der Meister hoch erfreut. “Geht hin nun,” sprach er, “liebe Leut’, Und saget es dem Herzog an.” Das wurde unverweilt getan: Sie gingen hin und sagten an, 895 Sobald sie ihren Herren sahn, Es wär’ ein heil’ger Mann gekommen; Der Krankheit wären sie benommen. Darob zu staunen er begann Und fragte alle Mann für Mann, 900 Ob sie durch Lug ihn täuschten nicht. Da zwang sie ihres Eides Pflicht, Den sie Ameis, dem Pfaffen, taten, Dass keine andre Red’ sie hatten, Als die: “sie wären ganz gesund.” 905 Da liess an Silber zu der Stund’ Dem Pfaffen hundert Mark er geben. Und dieser kannt’ kein Widerstreben, Liess ab sich schnell das Silber wägen Und forderte den Reisesegen; 910 Dann eilt’ hinweg er unverwandt.
[Notes: 1: Paris.]
+XXXII. FREIDANK.+
The assumed name of a popular gnomic poet who lived in the first half of the 13th century. His fame rests on his Bescheidenheit, which means the ‘wisdom’ or ‘sagacity’ that comes of experience. The book is a miscellaneous collection of proverbial and aphoristic sayings. The titles of those given below were supplied by the translator.
+1+
+Geheimnis der Seele.+
Wie die Seele geschaffen sei, Des Wunders werd’ ich hier nicht frei. Woher sie komme, wohin sie fahr’, Die Strass’ ist mir verborgen gar. Hier weiss ich selbst nicht, wer ich bin; Gott gibt die Seel’, er nehme sie hin: Gleichwie ein Hauch verlässt sie mich, Und wie ein Aas da liege ich.
+2+
+Unentbehrlichkeit der Toren.+
Der Weisen und der Toren Streit Hat schon gewähret lange Zeit Und muss auch noch viel länger währen; Man kann sie beide nicht entbehren.
+3+
+Borniertheit der Toren.+
Der Tor, wenn er ’ne Suppe hat, Kümmert sich gar nicht um den Staat.
+4+
+Nachahmungssucht der Toren.+
Findet ein Tor eine neue Sitt’, Dem folgen’ alle Toren mit.
+5+
+Selbstgefälligkeit.+
Uns selbst gefallen wir alle wohl; Drum ist das Land der Toren voll.
+6+
+Selbstüberschätzung.+
Wer wähnt, dass er ein Weiser sei, Dem wohnt ein Tor sehr nahe bei.
+7+
+Alter und Jugend.+
Haben alte Leute jungen Mut, Und junge alten, das ist nicht gut; Singen, springen soll die Jugend, Die Alten wahren alte Tugend.
+8+
+Grenzen der Fürstenmacht.+
Und sollte es der Kaiser schwören, Der Mücken kann er sich nicht wehren; Was hilft ihm Herrschaft oder List, Wenn doch ein Floh sein Meister ist.
+9+
+Der unbedeutende Feind.+
Dem Löwen wollt’ ich Friede geben, Liessen mich die Flöhe leben.
+10+
+Der kühnste Vogel.+
Die Flieg’ ist, wird der Sommer heiss, Der kühnste Vogel, den ich weiss.
+11+
+Rom und der Papst.+
Zu Rom ist manche falsche List, Daran der Papst unschuldig ist.
+12+
+Weisheit und Reichtum.+
Ich nähme Eines Weisen Mut Für zweier reicher Toren Gut.
+13+
+Scheinheiligkeit.+
Von manchem hört’ ich schon mit Neid, Er pflege grosser Heiligkeit; Und sah ich ihn, da dünkt’ es mich, Er wäre nur ein Mensch wie ich.
+14+
+Der freie Gedanke.+
Deshalb sind Gedanken frei, Dass die Welt unmüssig sei.
+15+
+Lebensregel.+
Man soll nach Gut und Ehre jagen Und Gott dennoch im Herzen tragen.
+16+
+Minneglück.+
Wer minnet, was er minnen soll, Dem ist mit Einem Weibe wohl; Ist sie gut, so ist ihm gewährt, Was man von allen Weibern gehrt.
+XXXIII. PLAY OF THE TEN VIRGINS+
One of the earliest attempts at dramatic composition in German. There is a tradition that it was played in 1322 before the Landgrave of Thüringen and that he was so overwhelmed by its picture of Christ as stern judge that he fell into a moody despair which endured five days and ended with an apoplectic stroke from which he died three years later.
Die erste Törichte spricht also:
Herr Vater, himmelischer Gott, Tu’ es bei deinem bittern Tod, Den du am Kreuze hast erduldet: Verzeih’ uns armen Jungfraun, was wir verschuldet. Verleitet hat uns leider unsre Torheit; 5 Lass uns geniessen deiner grossen Barmherzigkeit, Und Mariens, der lieben Mutter dein, Und lass uns zu dem Gastmahl hier herein.
Jesus spricht also:
Wer die Zeit der Reue versäumet hat Und auch nicht büsste seine Missetat 10 Und kommt zu stehn vor meiner Tür, Der findet keinen Eintritt hier.
Die zweite Törichte spricht:
Tu’ auf, o Herr, dein Tor! Die gnadenlosen Jungfraun stehen davor Lieber Herr, wir bitten dich sehr, 15 Dass deine Gnade sich uns zukehr’.
Jesus spricht also:
Ich weiss nicht, wer ihr seid. Da ihr zu keiner Zeit Mich selber habt erkannt Noch die Taten meiner Hand, 20 So bleibt euch Gnadenlosen Das Himmelstor verschlossen.
Die dritte Törichte spricht also:
Da Gott uns Heil versagt, Beten wir zu der reinen Magd, Mutter aller Barmherzigkeit, 25 Dass sie uns huld sei in unsrem grossen Herzeleid Und zu ihrem Sohn flehe für uns Armen, Dass er sich unser woll’ erbarmen.
Die vierte Törichte spricht:
Maria, Mutter und Magd, Uns ward gar oft gesagt, 30 Du seiest aller Gnade voll; Nun bedürfen wir der Gnade wohl. Dies bitten wir dich sehr Bei aller Jungfrauen Ehr’, Dass du zu deinem Sohn flehest für uns Armen, 35 Er möge sich unser gnädig erbarmen.
Maria spricht also:
Tatet ihr je mir oder meinem Kinde etwas zu Frommen, Es müsste euch jetzt zu statten kommen. Das tatet ihr aber leider mit nichten, Drum wird unser beider Bitte wenig ausrichten. 40 Doch will ich’s versuchen bei meinem Kinde, Ob ich vielleicht Gnade finde.
Maria fällt auf die Kniee vor unsern Herrn und spricht:
Ach, liebes Kind mein, Gedenke der armen Mutter dein, Gedenke der mannigfaltigen Not, 45 Die ich erlitt durch deinen Tod. Herr Sohn, da ich dein genas, Hatt’ ich weder Haus noch Palas, Ganz arm war ich; Das hab’ ich erlitten für dich. 50 Ich hatte mit dir Mühe, es ist wahr, Mehr als dreiunddreissig Jahr; Sieh, liebes Kind, das lohne mir Und erbarme dich dieser Armen hier.
Jesus spricht zu Maria:
Mutter, denkt an das Wort, 55 Das sie finden geschrieben dort: Wolken und Erde sollen vergehn, Meine Worte sollen immer stehn. Du errettest den Sünder nimmermehr, Weder du noch das ganze himmlische Heer. 60
Die erste Törichte spricht also:
Ach Herr, bei deiner Güte Erweiche dein Gemüte Und erzürne dich nicht so sehr. Bei aller Jungfrauen Ehr’ Schau’ heute unser Elend an; 65 Es reut uns, was wir dir zu Leid je haben getan. Nicht wieder wollen wir uns vergehen; Erhöre deiner Mutter Flehen Und lass uns arme Jungfrauen Die Festlichkeit beschauen. 70 Maria, aller Sünder Trösterin, Hilf uns zum Freudensaal darin!
Maria spricht also:
Eure Fürsprecherin will ich gerne sein. Wäret ihr nur von Sünde frei, Ihr kämet desto leichter herein. 75 Ich will aber für euch mein Kind Jesum bitten. Liebes Kind, lass dich meiner Bitte nicht verdriessen! Lass heute unsre Tränen vor deinen Augen fliessen, Und denke an das Ungemach, Das ich erlitt an deinem Todestag, 80 Da ein Schwert durch meine Seele ging. Also für jene Pein, die ich um dich empfing, Belohne mich zu gunsten dieser Armen Und ihrer lass dich nun erbarmen. Du bist ihr Vater, eine jede ist dein Kind; 85 Denke, wie lästig sie dir auch geworden sind In manchem Ungemache, Und in was für einer Sache Der Sünder dich auch geplagt, Er ist dennoch die Schöpfung deiner Macht. 90 Mein Sohn, du trauter, guter, Erhöre deine Mutter. Hab’ ich dir je einen Dienst getan, So nimm dich dieser Armen an, Damit die jammervolle Schar 95 Zu Himmel ohne Urteil fahr’.
Jesus spricht also:
Nun schweiget, Frau Mutter mein; Solche Rede mag nicht sein. Da sie auf der Erde waren, Gute Werke sie nicht gebaren, 115 Ihnen gemäss war alle Schlechtigkeit; Drum versag’ ich ihnen meine Barmherzigkeit, Nach der sie dort nie suchten, Und schicke sie zu den Verfluchten; Ihre späte Reue soll nichts nützen. 105 Zu Gericht will ich jetzt sitzen: Geht, ihr Verfluchten an Seel’ und Leibe, Wie ich euch von mir jetzt vertreibe. Geht in das Feuer unter die Hut Des übeln Teufels und seiner Brut! 110 Sünder, geh von mir! Trost und Gnade versag’ ich dir. Kehre von den Augen mein, Fern bleibe dir meines Antlitz’ Schein! Scheide von meinem Reich, 115 Das du, dem Toren gleich Durch deine Sünden verloren hast; Trage mit dir der Sünden Last! Gehe hin und schrei’ und heul’! Keine Hilfe wird dir je zu teil. 120
+XXXIV. EASTER PLAYS+
The Easter plays grew out of a brief and solemn church function, which followed a Latin ritual. In time German superseded the Latin, but without replacing it entirely; the performances increased greatly in scope, took in elements of fun, buffoonery and diablerie, outgrew the churches and became great popular festivals, which were usually held in the market-place. The performance of an Easter play together with a preceding passion play might occupy several hundred actors for a number of days. The texts as known to us are hardly ‘literature’ in the narrower sense. They were written by men of small poetic talent, who rimed carelessly, used the rough-and-ready language of the people, did not shrink from indecency and aimed at dramatic rather than poetic effects.



