An anthology of German literature · Calvin Thomas

Chapter 1

Chapter 18 of 52 · 4 min read

From the ‘Contrast between the Pope and Christ,’ by Niklaus Manuel.

CLÄIWE PFLŮG

Vetter Rüede, was lebens ist nun vorhand? Mich dunkt, es sig aber neiwas nüws im land. Wer ist der gůt fromm biderman, Der da ein grawen rock treit an Und uf dem schlechten esel sitzt 5 Und treit ein kron, von dörnen gespitzt? Er ist on zwifel ein trut biderman, Das sich ich im wol an sim angsicht an; Es ist kein hoffart in im nit, Sin hofgesind im des zügnuss git: 10 Die im nachgand, hinkend und kriechen, Die armen blinden und feldsiechen. Schouw, was armer lüten gand im nach! Ich mein, dass er niemand verschmach. Die armen stinkenden ellenden lüt, 15 Sie hend doch kein gelt und gend im gar nüt. Das ist doch ein ellende unlustige schar Und gand ouch so gar gottsjämerlich dahar: Der lam, der ander blind, der dritt wassersüchtig! Und sitzt aber der gůt man so herzlich züchtig, 20 So ganz schämig und einfeltig uf dem tier. Lieber min etter Rüedi, wie gfalt er dir? Lieber etter, weistu, wer er ist, Ach, so sag mir’s ouch durch Jesum Christ!

RÜEDE VOGELNEST

Etter Cläiwe, ich bekennen in vast wol, 25 Darumb ich’s dir ouch billichen sagen sol! Er ist unser höchster schatz und hort, Er ist des ewigen vaters wort, Das in dem anfang was bi gott, Do er alle ding beschaffen wott, 30 Himmel und erden, tag und nacht. On in ist ganz nüt gemacht, Noch das firmament, noch der erdenklotz: Er ist der sun des lebendigen gotts. Es ist der süess, milt und recht demüetig, 35 Tröstlich, frölich, barmherzig und güetig, Heilmacher der welt, herr Jesus Christ, Der am crütz für uns gestorben ist In sinem dri und drissigsten alter, Unser schöpfer, erlöser und behalter, 40 Ein künig aller künig, herr aller herren, Den ouch die kreft der himel eren.

CLÄIWE PFLŮG

Verden plůst willen, ist das der? Wenn er halb als hoffertig wer, Als unser kilchherr und sin caplan, 45 So sähe er der bettler keinen an. Was gemeint der alt glatzet fischer darmit, Dass er so dapfer neben im dahar tritt, Und ouch die anderen biderben lüt? Weist du ouch, was doch das selb bedüt? 50

RÜEDE VOGELNEST

Der alt fischer das ist sant Peter. Der herr Jesus hat kein trumeter, Blind und lam sind sin trabanten. Und die in ein sun gottes erkanten, Das warend schlecht einvaltig lüt; 55 Die pfaffen schatztend in gar nüt Und widerstrebtend im alle zit, So straft er sie umb iren git Und ander süntlich wis und berden. Er kond nie eins mit inen werden. 60 Darumb sie in allwegen verstiessend Und zůletst am krütz ermörden liessend.

(Hie zwischen kam der bapst geritten in grossem triumph in harnisch mit grossem kriegszüg zů ross und fůss mit grossen panern und fenlinen von allerlei nationen lüt. —Sin eidgenossen gwardi all in siner farb, trumeten, pasunen, trummen, pfifen, kartonen, schlangen, hůren und bůben und was zum krieg gehört, richlich, hochprachtlich, als ob er der türkisch keiser wär. Do sprach aber)

CLÄIWE PFLŮG

Vetter Rüede, und wer ist aber der gross keiser, Der mit im bringt so vil kriegischer pfaffen und reiser Mit so grossen mechtigen hochen rossen, 65 So mencherlei wilder seltsamer bossen, So vil multier mit gold, samet beziert, Und zwen spicherschlüssel im paner fiert? Das nimpt mich frömbd und mechtig wunder. Wärind nit so vil pfaffen darunder, 70 So meinte ich doch, es wärind Türken und heiden. Mit denen seltsamen kappen und wilden kleiden....

RÜEDE VOGELNEST

Das weiss ich ouch und kan dir’s sagen. Man můss in uf den achslen tragen Und wil darfür gehalten werden, 75 Dass er sig ein gott uf der erden; Darumb treit er der kronen dri, Dass er über all herren si Und sig ein statthalter Jesu Christ, Der uf dem esel geritten ist. 80

CLÄIWE PFLŮG

Das möcht wol ein hoffertig statthalter sin! Das lit heiter am tag und ist ougenschin. Das sind doch warlich zwo unglich personen: Des ewigen gotts sun treit ein dörne kronen Und ist der armůt geliebt und hold; 85 So ist sins statthalters kronen gold Und benüegt sich dennocht nit daran, Er wil dri ob einandern han. So ist Christus fridsam, demüetig und milt, So ist der bapst kriegsch, rumorisch und wild 90 Und ritet dahar so kriegsch und fri, Grad als ob er voller tüflen si.

[Notes: 1: Niklaus Manuel (ca. 1484-1530), locally famous both as a painter and a writer, was a leader of the early Swiss Reformers. The play consisted of a procession representing the Pope, riding in pontifical splendor and attended by pompous retainers; while Christ rode an ass, wearing a crown of thorns and followed by a throng of the lame and the blind. The speakers are two Swiss peasants. 2: Sig = sei. 3: Neiwas nüws = etwas Neues. 4: Treit an = anträgt. 5: Trut = traut(er). 6: Sich = sehe. 7: Des ... git = gibt Zeugnis davon. 8: Nachgand = nachgehen. 9: Feldsiechen = aussätzigen. 10: Verschmach = verschmähe. 11: Etter = vetter (Rüedi being familiar for Rudolf). 12: Bekennen = kenne. 13: Vast wol = sehr gut. 14: Wott = wollte. 15: Verden plůost willen; an untranslatable oath. 16: Kilchherr = Kirchherr. 17: Glatzet, ‘bald.’ 18: Trumeter = Trompeter. 19: Git = Geiz. 20: Wis und berden = Weise und Gebärden, ‘character and conduct.’ 21: Kriegszüg = Kriegsheer. 22: Gwardi = Garde, Leibwache. 23: Pasunen = Posaunen. 24: Kartonen = Cartaunen, ‘heavy guns.’ 25: Schlangen, ‘(long) cannon.’ 26: Reiser = Reisiger, Krieger. 27: Bossen = Burschen, Buben. 28: Spicherschlüssel, ‘granary keys’; the keys of St. Peter.]